26.05.2012

Spannend wie im Film

Von Saltzwedel, Johannes

Wer hilft der Oper aus der Avantgarde- Sackgasse? Jake Heggies "Dead Man Walking" zeigt, wozu Musikdrama fähig ist.

A uch in Deutschland kennen ihn inzwischen manche - schließlich hat Jake Heggie, 51, fünf Opern komponiert, die keineswegs nur in der US-Heimat große Erfolge wurden. Aber was soll man von seiner Musik halten? "Unverstellt schön" oder "soulig-ergreifend" nennen hiesige Kritiker sie; dahinter hören Erfahrene die Ironie knistern. Kein Wunder: Dem Mann in San Francisco sind die Kopfgeburten europäischer Neutönerei einfach egal. Der Stoff soll als Klanggestalt das Publikum packen, und wie man das macht, haben Generationen von Filmkomponisten, Musicalschreibern und Liedermachern erprobt. Sie haben bewiesen, dass eine tragende Melodie, charaktervoll moduliert und variiert, wichtiger ist als knotige Theorie-Überbauten, Anspielungsorgien und verfremdende Abkehr von Tonart oder Rhythmus. Und nun kommt also ein US-Boy und macht ernst. Er lässt das Erfolgsstück "Dead Man Walking" über eine Nonne und einen Todeskandidaten in fesselnde Szenen bringen, die er mit dosiertem Orchester und Choreinsätzen zum Psychodrama verdichtet. Plötzlich ist, was auf der Bühne geschieht, spannend wie im Film. Noch der reine CD-Soundtrack aus Houston reißt mit - keineswegs nur, weil die brillanten Stimmen von Joyce DiDonato, Frederica von Stade und Measha Brueggergosman zu hören sind. Da werden sich die Bewohner des ziemlich luxuriösen deutschen Elfenbeinturms namens "Neue Musik" wohl bald etwas einfallen lassen müssen.

"Dead Man Walking" Houston Grand Opera, Patrick Summers (Virgin Classics)


KulturSPIEGEL 6/2012
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