26.05.2012

Das britische Model Twiggy, 62, über Paparazzi und den Aufstieg aus der Arbeiterklasse

Mit 17 hat man noch Träume
KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Twiggy: Das ist für mich eher eine lustige Frage, denn als ich 17 war, schienen sich alle meine Träume erfüllt zu haben: Ich arbeitete als Model und bereiste die Welt. Schule war erst mal kein Thema mehr für mich. Natürlich träumte ich davon, dass dieser Traum noch lange weitergehen möge. Okay, ich wünschte mir auch irgendwann mal eine Familie.
Hatten Sie tatsächlich davon geträumt, Model zu werden?
Seit meinem 14. Lebensjahr. Ich liebte Mode und hatte Poster des Supermodels Jean Shrimpton in meinem Zimmer hängen. Model zu werden war vor allem ein Traum, weil es für mich gesellschaftlich unerreichbar schien. Im England der frühen Sechziger kamen alle britischen Models aus der Middle Class oder Upper Class. Ich war ein Working-Class-Kind, mein Vater Schreiner. Mädchen meiner Herkunft wurden damals keine Models, deshalb hätte ich mich auch nie irgendwo beworben.
Sie wurden dann entdeckt?
Genau. Das war nicht nur ein Schock für mich, sondern sicherlich auch für nicht wenige klassenbewusste Menschen in England.
War denn der Model-Job tatsächlich ein Traum?
Es war zuallererst eine radikale Veränderung meines Lebens. Als ich mit 16 entdeckt wurde, war ich ein normales Schulmädchen, das mit Mum und Dad zu Hause lebte. Innerhalb von drei Monaten fand ich mich auf den Laufstegen der führenden Modehäuser wie Pierre Cardin in Paris wieder. Und auf den Titelbildern der "Vogue". Oder bei Fotosessions in New York. Zum Nachdenken blieb da keine Zeit - es war, als hätte mich ein Orkan davongetragen.
Wie reagierten Ihre Eltern?
Diese Frage habe ich mir in den vergangenen Jahren auch gestellt. Ich kann mich besser in ihre Lage versetzen, seit ich erwachsen bin und eine erwachsene Tochter habe. Mir dämmert erst heute, wie unfassbar das für sie gewesen sein muss. Mein Vater tat damals alles, um sicherzustellen, dass gut auf mich aufgepasst wird. Ich war ja noch so jung. Aber sie gingen mit der Situation bemerkenswert lässig um.
War der Rummel um Sie so groß wie um heutige Supermodels?
Nein, es war bei weitem nicht so dramatisch. In den Sechzigern existierte die Paparazzi-Industrie noch nicht. Ich habe einige berühmte junge Freunde, und was die heute aushalten müssen, ist mir nie passiert. Damals gab es keine Fotografen, die 24 Stunden vor dem Haus lauerten.
Sie waren berühmt für Ihre androgyne, spindeldürre Erscheinung. Sahen Sie sich als Vorbild?
Ich war als Teenager so überfordert mit meinem Körper wie wohl alle Teenager der Welt. Ein Vorbild wollte ich nie sein.
Sie waren das schöne Aushängeschild von "Swinging London". Wie sehr swingte London tatsächlich?
Es war ein gesellschaftlicher Umbruch. Die Jugend rückte erstmals in den Fokus öffentlichen Interesses, bekam eine Stimme und wurde auch wahrgenommen. Künstler veränderten tatsächlich den Alltag. Was mich betrifft, nahm ich nicht am "Swinging London" teil, weil ich rund um die Uhr arbeitete. Aber auch das war ein wichtiger Punkt: Weil immer mehr Jugendliche plötzlich viel Geld verdienten, wurden sie auch ernst genommen.
Haben Sie Ihre Jugend verpasst, weil Sie so viel arbeiteten?
Vermutlich habe ich das. Aber ich habe keinen Schaden genommen, sondern die Zeit immer genossen. Ich bin nach meiner Model-Karriere in Filmen und am Broadway aufgetreten und war auch als Sängerin erfolgreich. Ich bereue nichts.
Haben Sie jemals von einem anderen Beruf geträumt?
Ich hätte mir auch vorstellen können, Modedesignerin zu werden. Mode war immer meine Obsession. Und Kleider nähe ich immer noch. Und wissen Sie was? Ich entwerfe neuerdings Mode unter dem Label "Twiggy London" für eine amerikanische Firma. So ist also noch ein Traum für mich wahr geworden.
Auf ihrer aktuellen CD "Romantically Yours" (Emi) hat Twiggy Cover-Versionen von den Kinks bis Neil Young eingesungen.
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 25. Juni 2012.
Von Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 6/2012
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