25.06.2012

„Mich bricht niemand“

Die Regisseurin und Schauspielerin Julie Delpy über Frauen in Hollywood, Kinderfeinde in Deutschland und ihren neuen Film „2 Tage New York“
(*) KulturSPIEGEL: Frau Delpy, Sie sind als Schauspielerin mit Filmen wie "Before Sunrise" und "Drei Farben - Weiß" berühmt geworden, in Ihrem neuen Film "2 Tage New York" führen Sie zum dritten Mal auch Regie. Sie gelten damit als Rarität. Warum gibt es so wenige Regisseurinnen?
Julie Delpy: Weil es denen so schwergemacht wird. Regie bedeutet, Entscheidungen zu treffen, gut organisiert zu sein, rational. Es gibt immer noch eine Menge Leute, die glauben, dass Frauen darin von Natur aus nicht gut seien. Besonders in Hollywood. Aber viele Frauen glauben das auch selbst, weil ihnen eingeimpft wurde, dass sie so etwas nicht können.
Was lief bei Ihnen anders?
Meine Eltern hatten bei Erziehung und Haushalt totale Arbeitsteilung, Sixties-Leute eben. So bin ich mit der Idee groß geworden, dass ich die gleichen Fähigkeiten habe wie jeder Mann. Deshalb habe ich mich auch so gewundert, als ich mit 17, 18 Jahren Regie führen wollte und nirgendwo offene Türen fand. Mein erstes Drehbuch habe ich mit 16 geschrieben, den ersten Film dann mit 36 gemacht. 20 Jahre! Unglaublich. Meinen ersten Film "2 Tage Paris" konnte ich nur machen, weil ich als Schauspielerin einen gewissen Status erreicht hatte und den Produzenten versprechen musste, selbst mitzuspielen. Die haben mich nicht engagiert, weil sie mich für so eine begabte Filmemacherin hielten. Dann hatte ich das Glück, dass der Film so erfolgreich war. Deswegen gibt es ja jetzt mit "2 Tage New York" auch die Fortsetzung.
Die mit der Erkenntnis anfängt, dass sich das Pärchen aus dem ersten Teil getrennt hat. Haben Sie keine Angst, das Publikum zu verprellen, das sich über das Happy End in "2 Tage Paris" gefreut hat?
Schon, aber das ist einfach meine zynische Seite. Die Wirklichkeit ist eben nicht immer so, wie man sie gern hätte. Ich wollte das Gefühl vermitteln, dass es vielleicht eine Weile gut gelaufen ist mit den beiden, dass sie ein Kind bekommen haben und dass sie nach der Geburt einfach nicht mehr so glücklich miteinander waren. Es hat halt nicht geklappt. So was passiert. Abgesehen davon bin ich ein Fan von Chris Rock. Ich dachte, wenn ich den dazu bringe, im neuen Film meinen Freund zu spielen, muss der alte eben gehen. Hat Ihnen der Film eigentlich gefallen?
Ja. Mehr Slapstick als beim ersten Teil, aber immerhin guter Slapstick.
Schön, das war der Plan. Ich wollte den Film diesmal viel mehr als Komödie anlegen. Der erste war mehr ein Indie-Film, den ich zufällig etwas lustiger erzählt habe. Der zweite sollte leichter zugänglich sein. Ohne Insider-Witze über Jean-Luc Godard, die am Ende höchstens vier Leute verstehen. Außerdem war mir nach etwas Leichtigkeit in meinem Leben.
Weil in Ihrem letzten Film "Die Gräfin" so viele Jungfrauen sterben mussten, damit Sie als Hauptdarstellerin in deren Blut baden konnten?
Vielleicht auch deswegen. Vor allem aber hatte ich gerade eine Menge persönlichen Kram zu bewältigen. Kurz nachdem mein Sohn geboren wurde, starb meine Mutter, das hat mich fertiggemacht. Komödien zu schreiben war in dieser Phase meine Art von Entspannung. Und eine Art Hommage. "2 Tage New York" dreht sich zwar nicht direkt um meine Mutter, aber es geht um den Verlust. Im ersten Teil hat sie ja noch selbst meine Mutter gespielt, deswegen muss sich meine Filmfigur genauso damit auseinandersetzen, dass sie nicht mehr da ist, wie ich das auch im wirklichen Leben muss. Das ist einfach so eine Sache, die ich aus meinem System bekommen musste. Ich habe quasi parallel noch eine Komödie gedreht, "Familientreffen mit Hindernissen", und da spiele ich praktisch selbst meine Mutter. Das war interessant, aber sehr merkwürdig. Ich frage mich, was Freud dazu sagen würde.
Was hätte Ihre Mutter gesagt?
Ich glaube, sie wäre glücklich darüber gewesen. Ich versuche auch nach ihrem Tod nur Dinge zu tun, die sie glücklich gemacht hätten. Ich will ihr nicht im Nachhinein einen reinwürgen. Sie war eine sehr fröhliche und lustige Person, deswegen glaube ich auch, dass sie mit zwei Komödien in ihrem Gedenken sehr zufrieden wäre. Das war das Beste, was ich machen konnte. Nichts Dunkles und Grimmiges, wie ihr Tod es war.
Heißt das, auch in Zukunft darf man von Ihnen keine dunklen Geschichten im Stile von "Die Gräfin" mehr erwarten?
Keine Sorge. Ich liebe finstere Sachen. Ich mag Komödien, weil sie mir helfen, besser mit dem Leben zurechtzukommen. Aber da ist eine andere Seite von mir, die ist sehr, sehr dunkel. Ich habe einen Thriller geschrieben, den möchte ich nicht mal meinem Freund zeigen, weil er sich dann Sorgen um mich machen würde. Im besten Fall kann man beides verbinden. In "Familientreffen mit Hindernissen" gibt es eine Szene, in der so ein abgewrackter Militärtyp am Küchentisch begeistert davon berichtet, wie toll es für ihn war, im Krieg Afrikaner niederzumetzeln. Alle halten das für die unangenehmste Szene, aber ich könnte mich dabei wegwerfen vor Lachen. Es ist so absurd, ich liebe das. Ich mag es psychotisch, diesen Sinn für Humor habe ich von meiner Mutter. Gefährliche Leute bringen mich zum Lachen.
Ihr Sohn ist jetzt dreieinhalb. Wie schafft man es, mit einem Kleinkind auf dem Arm zwei Filme gleichzeitig zu drehen?
Ach, meine Lieblingsfrage. Typisch deutsch!
Wieso das denn?
Deutsche Mentalität. Mein Freund ist Deutscher, also kenne ich mich aus. Ihr habt die Neigung, Frauen Schuldgefühle zu vermitteln, wenn sie nach der Geburt wieder arbeiten wollen. Als ich neulich in München im Zug saß, habe ich es gewagt, an meinem Computer zu arbeiten, während sich die Nanny um meinen Sohn gekümmert hat. Da hat doch tatsächlich eine Frau gesagt: "Sie sind die Mutter, Sie sollten neben Ihrem Kind sitzen!" Ich glaube nicht, dass sie das einem Mann gesagt hätte. Ich bin ganz schön böse geworden.
Das heißt ja nicht, dass alle Deutschen so sind.
Sage ich auch nicht, mein Freund ist ja auch ganz anders. Trotzdem hat man es in Deutschland mit Kindern schwerer, glaube ich. Alle Reisenden haben mich nach kürzester Zeit gehasst! Ich war wie der Elefantenmensch. Eine Aussätzige. Ich dachte nur, was ist denn hier los? In Frankreich haben wir das Glück, dass Kinder überall akzeptiert werden. Auch in schicken Restaurants rennen die rum, und niemanden stört's. Das ist doch das Leben. Kinder schreien, auch im Zug. Dagegen kann man ja nicht viel tun. Es fehlte nicht viel, und die Leute hätten mich rausschmeißen lassen. Soll ich meinen Sohn in eine Ecke stellen und knebeln? Und dann wundert man sich, dass in Deutschland niemand Kinder kriegen will. In Frankreich wirft einem keiner vor, wenn man das Kind den ganzen Tag in die Kita gibt und zur Arbeit geht.
Verbringen Sie überhaupt noch viel Zeit in Frankreich?
Zugegebenermaßen kaum. Meine Basis ist Los Angeles, da sind mein Freund und mein Sohn. Ich habe noch ein kleines Apartment in Paris, aber das ist mehr ein Zimmer mit viel Gepäck drin als eine Wohnung. Ich hatte mir überlegt, dort eine zu kaufen, aber alle sagen, ich solle lieber noch etwas warten, weil ja mit dem neuen Präsidenten bald die ganze Wirtschaft zusammenbreche. Und dann kann man sich sogar in Paris wieder eine Wohnung leisten!
Glauben Sie das auch?
Ich weiß nicht. Ich habe für ihn gestimmt, aber nicht, weil ich mir davon bessere Immobilienpreise verspreche. In Frankreich scheinen die Leute ziemlich angetan zu sein von ihm, aber der Rest der Welt macht sich offenbar große Sorgen, dass er Europa in den Abgrund reißt. Die Deutschen wohl am meisten. Angela Merkel schien Sarkozy ja ziemlich gern zu haben. Ich finde es zumindest gut, dass François Hollande sich gegen diese totale Amerikanisierung Europas stellt, für die Sarkozy stand. Aber ich bin auch nicht sicher, dass Hollande das richtige Mittel hat. Ständige Steuererhöhungen können ja nicht die Lösung sein. Ich kann verstehen, dass Deutschland nervös wird, obwohl es da wirtschaftlich gerade so gut läuft. Wenn da nicht langsam mal die Geburtenrate nach oben geht, sieht es im Land bald ziemlich grau aus.
Und wie sollen wir das anstellen?
Alles tun, damit Frauen problemlos mit Kind weiterarbeiten können. Für kostenlose Betreuungsplätze sorgen. Wer sich als Frau zu Hause ganz auf die Kinder konzentrieren will, soll das gern tun, ich finde das gut. Aber die meisten Frauen wollen doch heute Karriere machen, die wollen nicht alles aufgeben. So macht man Mütter nur unglücklich, und unglückliche Mütter bedeuten unglückliche Kinder.
Viele Leute denken, Kindern gehe es am besten, wenn sie nur von den Eltern großgezogen werden und nicht in der Krippe. In Deutschland soll ein Betreuungsgeld eingeführt werden, um Mütter zu ermutigen, zu Hause bei den Kleinkindern zu bleiben.
Ernsthaft? Wow. Klingt nach einer Idee von Marine Le Pen, dieser Rechtsradikalen vom Front National. Die propagiert auch eisern diesen Frauen-an-den-Herd-Gedanken. Dabei macht sie selbst Karriere. Ein furchtbarer Mensch.
Erleben Sie in den USA modernere Familienwerte?
Na ja, in Los Angeles und New York sind arbeitende Mütter das Normalste der Welt, aber auf dem Land sieht es dort auch noch ein bisschen anders aus. Und man wird in den USA meist schief angeguckt, wenn man kein Interesse daran hat zu heiraten. Die Hochzeit gilt da als das höchste erstrebenswerte Ziel überhaupt.
So lehrt es ja auch so gut wie jede romantische Hollywood-Komödie.
Genau. Wahrscheinlich weil Hollywood von Anwälten regiert wird. Die promoten das Konzept der Ehe natürlich, weil sie sich schon auf das Geld freuen, das sie mit den Scheidungen verdienen. Es ist so ein großer Markt geworden. Man bekommt eingetrichtert, dass die Hochzeit der wichtigste Tag im Leben sei, und dazu braucht man dann das teuerste Kleid, den teuersten Ring, das teuerste Dinner. Krank. Ich bin nie auch nur auf die Idee gekommen, heiraten zu wollen. Ich finde es romantischer, zusammenzubleiben, ohne sich vertraglich dazu zu verpflichten. Aber man entkommt dem ja heute nicht. Ich lese meinem Sohn gern Märchenbücher vor, und da heiraten am Ende auch immer alle. Neulich habe ich ihm "Pinocchio" vorgelesen, und danach hat er sich beschwert, dass es am Ende keine Hochzeit gab. Jetzt ist er besessen von der Ehe. Ich habe schon überlegt, die Enden zu ändern und die Leute einfach eine Party feiern zu lassen.
Warum gilt Hollywood immer noch als liberaler Ort, wenn es doch eher konservative Werte vermittelt?
Es gibt viele Liberale in Hollywood, aber deren Idee von Liberalität ist nicht meine. Die halten es für liberal, Frauen zu zeigen, die ständig mit neuen Männern ins Bett steigen. Die finden "Sex and the City" liberal. Dabei geht es da nur um Frauen, die so oberflächlich wie Scheiße sind. Das ist das Gegenteil von liberal, das ist nur dämlich. Ich konnte mir die Serie nicht ansehen. Unerträglich - es ging nur darum, sich schön anzuziehen und die Liebe zu finden. Ich hasse das.
Haben Sie deshalb noch keinen Film für ein großes Hollywood-Studio gemacht? Oder haben Sie daran sowieso kein Interesse?
Hmm, doch, vielleicht. Ich bin sicher, es ist die Hölle, aber ich möchte schon gern wissen, welche Art von Hölle. Aber ich bin für die wahrscheinlich eh nicht die Richtige. Die mögen Leute, die sie in kleine Stücke zerbrechen können. Wahrscheinlich hätten sie Angst davor, mich nicht kontrollieren zu können. Und ich hätte Angst, meine Freiheit aufzugeben. Mich bricht niemand.
Was bedeutet Freiheit für Sie?
Tja, wie definiert man Freiheit? Frauen sind jedenfalls nicht freier, wenn sie sich alle fünf Minuten flachlegen lassen. Es ist keine Freiheit, sich als Frau wie ein Mann aufzuführen, das ist für mich kein Feminismus. Ich weiß nicht. Freiheit ist heutzutage eine schwierige Sache. Alles, was ein bisschen kontrovers ist, was Freiheit vermittelt, wird sofort von den Medien in etwas Trendiges verwandelt. Es ist tückisch. Wir leben in einer Welt, in der Paris Hilton mit einem Che-Guevara-T-Shirt rumläuft. Es ist schwer, frei zu sein. Freisein wird vermarktet, und sobald etwas vermarktet wird, ist es nicht mehr frei.
2 Tage New York. Start: 5. Juli.
Von Daniel Sander

KulturSPIEGEL 7/2012
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