30.12.1996

Neue Bücher

BELLETRISTIK

LEICHTLIEBIG: An der französischen Botschaft eines arabischen Landes ist Martine Martin zur Kulturreferentin bestellt worden, und die Botschaftsgäste, ja, der ganze Orient scheinen sich ihrem erotischen Charme zu ergeben. Das allein (und ihr privater Schatz an erotischer Literatur dazu) genügt, um in der Welt der Diplomatie Unruhe zu stiften. So folgt ein Reigen aus Denunziation, Verleumdung und Abstrafung. Das alles ficht die Heldin nicht an. Am historischen Ort des Garten Eden findet sie die Ruhe, sich in biblische Mythen zu versenken, wiederum in erotische, in den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies. "Ich verlasse mich nicht auf einen entsexualisierten Gedanken", läßt Raymond Jean sie den Polen Gombrowicz zitieren. Daß Ordnung durch Freizügigkeit, Macht durch Freiheit ersetzt werden müsse, Freiheit aber ohne Eros leblos sei, ist Jeans Grundidee, aus der eine Kombination von Märchen und politischem Roman geworden ist.
Raymond Jean: "Verbotene Lektüre". Aus dem Französischen von Sabine Herting. Limes Verlag, München; 208 Seiten; 32 Mark.
Ulrich Müller-Schöll
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GEGENWARTSMUSEUM: "Was geschieht, entscheidet sich im Moment", schreibt Ulrich Woelk apodiktisch in seinem dritten Roman "Amerikanische Reise". Der Journalist Jan besucht seine Freunde Walter und Kristin in New York und gerät ungewollt in deren Beziehungskrise hinein und schließlich in eine fragile Zweisamkeit mit Kristin. Wie im richtigen Drama endet die Geschichte mit dem Tod des Protagonisten. Woelk, vielgelobt für sein Debüt "Freigang", beherrscht seine dramaturgischen Mittel, doch führt der Wahrnehmungszwang des Helden den Leser nur einmal mehr ins Alltagsmuseum der Gegenwart. Der Astrophysiker Woelk beschreibt zwar unterschiedliche Paarkonstellationen, doch er scheitert an der Chemie der Wahlverwandtschaften. Wenn aber die chemischen Kräfte versagen, gelten nur noch physikalische: Und es bewegt sich doch - nichts.
Ulrich Woelk: "Amerikanische Reise". S. Fischer Verlag, Frankfurt; 248 Seiten; 36 Mark. Antje Schmelcher
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SACHBÜCHER

SINNREICH: Schatztruhen dürfen nicht glänzen, sonst entdeckte jeder gleich die Perlen. Nach dieser Devise verbargen zwei Großmeister der Literaturkunde vor Jahren ihre gigantische Sammlung europäischer Sinnsprüche und -bilder in einem unförmigen Bibliothekswälzer. Vom schlangenwürgenden Herkules-Baby (einem Symbol angeborener Tugend) bis zum Bären, der sich auf den Rücken legt, um einen wütenden Stier bei den Hörnern zu packen ("Flucht als List") war darin alles zu finden, was barocke Poesietüftler an Sentenzen ausgeheckt haben. Nun können endlich auch Laien den reich bebilderten Kosmos der "Emblemata" nutzen - als Fundus kluger Gedanken oder einfach als wundersame Spielwiese bildlicher Tradition.
"Emblemata". Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts. Taschenausgabe. Hg. von Arthur Henkel und Albrecht Schöne. Metzler Verlag, Stuttgart; 2110 Spalten; 98 Mark.
Johannes Saltzwedel
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SEINE-FRAUEN: Manchmal wirkt Paris wie eine Stadt ohne Gegenwart. Die Vergangenheit nimmt ihr die Luft zum Atmen, und aus der Erinnerung wächst nur selten ein Stück Utopie. Die in London lebende New Yorker Kultur- und Filmhistorikerin Andrea Weiss hat sich unter die Intellektuellen und Künstlerinnen begeben, die zwischen den Weltkriegen die Rive gauche bevölkerten. Weiss kratzt am Klischee von der Boheme, um den Mythos von der Frauenliebe an der Seine zu erneuern. Sie porträtiert die Frauen aus Amerika und Frankreich, die sich in Salons und Lebensgemeinschaften zusammenfanden. Einiges, was Weiss über die Buchhändlerinnen Sylvia Beach und Adrienne Monnier, die Journalistin Janet Flanner oder die Schriftstellerinnen Gertrude Stein, Natalie Barney und Djuna Barnes berichtet, war verstreut schon anderswo zu lesen. Aber nirgendwo ist es so lebendig und zusammenhängend dargestellt wie in diesem schön illustrierten und gedruckten Buch, das neben der Arbeit an Greta Schillers gleichnamigem, vielgelobten Dokumentarfilm entstand. (Seit dem 5.12. im Kino, am 8.1. TV-Ausstrahlung auf Arte.)
Andrea Weiss: "Paris war eine Frau". Aus dem Englischen von Susanne Goerdt. Edition Ebersbach, Dortmund; 240 Seiten; 49, 80 Mark.
Gregor Dotzauer
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SYMPATHISCH: Bundespräsident Herzog hat dazu aufgerufen, "gute Nachrichten von Afrika zu verbreiten". Der Kontinent werde in den Medien verzerrt dargestellt, weil die Berichterstatter immer nur in Krisengebiete hecheln. Dem Reporter Andreas Altmann kann das nicht nachgesagt werden. Mit leichtem Gepäck ist er von Tanger bis zum Kap gereist. Er suchte Afrika ohne Sensationen. Doch auch was Altmann erlebte, läßt sich nicht in guten Nachrichten zusammenfassen: Überall herrschen Armut und Korruption. An jeder Grenze, auf jeder Dienststelle erpressen Amtspersonen die Menschen. Den weißen Reisenden zocken sie am schlimmsten ab. Altmann wird "Opfer einer explosionsartigen Inflationsrate. 500 Prozent in fünf Sekunden. Die Rache für alle Schandtaten meiner Rasse". In Togo überfällt ein Jugendlicher den Reisenden, der "nun fürchten muß, daß mir alle Freundlichkeit abhanden kommt und ich beleidigt und kalt das Land verlasse". Altmann überwindet den Schock. Er verläßt den Schwarzen Kontinent ratlos, doch mit viel Sympathie für seine Menschen.
Andreas Altmann: "Weit weg vom Rest der Welt". Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 124 Seiten; 10,90 Mark.
Hans Hielscher
KLATSCH-KUNST: "Weder marxistische noch freudianische, noch dekonstruktivistische Argumente haben mich dazu verleiten können, den romantischen Glauben aufzugeben, daß Kunst ein Ausdruck menschlicher Freiheit in ihrer höchsten Form ist", schreibt der Romancier, Kritiker und Genet-Biograph Edmund White in dem Essay "Das Persönliche ist politisch: Schwule Literatur und Kritik". Und in all diesen Essays aus beinahe 30 Jahren, Aufsätzen über sexual politics, über Christopher Isherwood, Robert Mapplethorpe und Prince, Porträts von Capote und Burroughs, besticht White durch seine Eleganz, durch die Klarheit seines Urteils und jene Rücksicht auf Details, die allzuleicht als Klatsch abgetan wird. Einmal, erzählt er, lud er Foucault und Susan Sontag zum Essen ein; als die gegangen war, zischte Foucault ihn an: "Warum hast du sie denn eingeladen?"
Edmund White: "Die brennende Bibliothek". Essays. Hg. von David Bergman. Aus dem Amerikanischen von Benjamin Schwarz. Kindler Verlag, München; 476 Seiten; 54 Mark.
Annette Meyhöfer
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BILDBÄNDE

SZENEN EINER EHE: Dies ist die fotografierte Geschichte des Eisenbahn-Betriebssekretärs und Hobby-Fotografen Richard Wagner und seiner Frau Anna aus Berlin-Schöneberg. Beide posieren alljährlich mit Christbaum und Geschenkdekoration in wenig wechselnder Kulisse, den Selbstauslöser geschickt versteckt, vor seiner Liliputkamera. Oberflächlich betrachtet, gleichen sich die Bilder, so wie sich die Rituale deutsch-bürgerlicher Weihnacht wiederholen. Auch zeigen sich kaum Veränderungen in der Ausstattung des Wohnzimmers - was zu Beginn der Ehe angeschafft wurde, mußte ein Leben lang halten. Und dennoch zeugen viele Details vom Wandel der Zeiten, zwei Weltkriege eingeschlossen. Gelegentlich, bei Kohleknappheit, posiert das Paar in Wintermänteln. Geschenkt wurde ansonsten Nützliches. Das letzte Bild zeigt die 71jährige Gemahlin im Jahre 1945, abgemagert, kurz vor ihrem Tod. Richard überlebt sie um fünf Jahre, verzichtet aber auf Aufnahmen von weiteren Festen.
"Deutsche Weihnacht". Hg. von Birgit Jochens. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin; 88 Seiten; 29,80 Mark.
Christiane Gehner
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GEDULDIGER PLANET: Treffender läßt sich das Buch mit den besten Fotografien der schweizerischen Kulturzeitschrift Du aus mehr als 50 Jahren kaum betiteln. Du war von Anfang an eine Plattform für aktuelle Kultur, moderne Kunst und anspruchsvolle Fotografie. Das Verzeichnis der Autoren liest sich wie das Fotografen-"Who's who" des 20. Jahrhunderts: Edward Steichen, Henri Cartier-Bresson, Herbert List und viele andere. Bemerkenswert auch, daß die Redaktion das sichere Auge für die Auswahl junger begabter Fotografen nicht verloren hat. Selten hat ein Buch die Vielfalt von Menschen und Kulturen aus der Perspektive so vieler bedeutender Fotografen dargestellt.
D. Bachmann/D. Schwartz: "Der geduldige Planet". Du Verlag, Zürich; 288 Seiten; 98 Mark.
Christiane Gehner
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KRIMIS

MORD IM KIBBUZ: Die attraktive Kibbuz-Sekretärin Osnat Harel wird unter mysteriösen Umständen vergiftet. Kein Fall wie viele andere, denn Osnat war die Geliebte eines Knesseth-Abgeordneten und Vorkämpferin für einen Wandel der erstarrten Kibbuz-Strukturen. Wurde sie Opfer der gegen jede Veränderung kämpfenden Gründergeneration, die ihre Ideale vom neuen Menschen zerfallen sieht? Inspektor Ochajon, kauziger Held auch der anderen zwei in deutscher Übersetzung erschienenen Krimis der in Jerusalem lebenden Autorin Batya Gur ("Denn am Sabbat sollst du ruhen", "Am Anfang war das Wort"), läßt sich auf das für ihn fremde Milieu des Kibbuz ein und ermittelt an den rasch erkennbaren Bruchstellen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. "Individualismus blüht hier nur, wenn es darum geht, Salat zu schneiden", heißt es einmal über das Kibbuz-Leben. Neben der Lösung eines spannenden Falles beantwortet ihr Buch auch die Frage, weshalb ausgerechnet eine so familienfixierte Kultur wie die jüdische die Idee des Kibbuz entwickelte.
Batya Gur: "Du sollst nicht begehren". Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Goldmann Verlag, München; 508 Seiten; 44,80 Mark. Erscheint am 6. Januar.
Wolfgang Limmer
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MEDITERRANER MABUSE: "Ich hatte Schwierigkeiten mit ,Dimitrios'", erinnerte sich Ambler später. "Ich wußte, daß es etwas ganz Neues sein würde." Neu waren für einen Kriminalroman nicht nur die filigranen Verschachtelungen, neu war auch, daß die Hauptfigur schon auf Seite 25 als tot gemeldet wird und in einer Istanbuler Leichenhalle vor sich hin stinkt. Wer war dieser Dimitrios Makropoulos - Mörder, Putschist, Spion, Drogenbaron oder nur ehrenwertes Aufsichtsratsmitglied der Eurasischen Kreditbank? Ein Krimiautor folgt den Spuren dieses mediterranen Mabuse, ähnlich wie Orson Welles bald nach seinem "Citizen Kane" fahnden sollte. Dankenswerterweise liest sich die neue Übersetzung nun flüssiger und erspart uns manch verquere Wortstapelei: So ist die "habituelle gefühlsmäßige Haltung" zur "charakterlichen Grundhaltung" gesundgeschrumpft. Nach wie vor aber lebt der grandiose Politroman atmosphärisch von der düsteren Vorahnung eines strauchelnden, von Gewalt heimgesuchten Europas. Er war 1939 gerade erschienen, da stürzte sich die Welt in einen neuen Krieg.
Eric Ambler: "Die Maske des Dimitrios". Neuübersetzung von Matthias Fienbork. Diogenes Verlag, Zürich; 352 Seiten; 16,80 Mark.
Sven Boedecker

KulturSPIEGEL 1/1997
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KulturSPIEGEL 1/1997
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