26.05.1997

Ich wär' ein toller Tyrann

Von Höbel, Wolfgang und Voigt, Claudia

Genie und Größenwahn, Intelligenz und Machtgier - für Paulus Manker könnte Richard III. die Rolle seines Lebens werden. Der Schauspieler über Vorbilder, Vorzimmerdamen und weiße Kaninchen

INTERVIEW: WOLFGANG HÖBEL UND CLAUDIA VOIGT

SPIEGEL EXTRA: Herr Manker, in Peter Zadeks Inszenierung von "Alice im Wunderland" hoppeln Sie als Kaninchen über die Bühne der Münchner Kammerspiele. Meinen Sie solche Auftritte, wenn Sie sagen, der Beruf des Schauspielers sei manchmal entwürdigend?

Manker: Hab' ich das gesagt? Viel eher ist es doch ein Luxusberuf, weil man unheimlich viel ausprobieren kann und sich viel trauen darf. Aber es ist ein hohes Risiko damit verbunden - psychischer Art. Viele Schauspieler sind ja manisch-depressiv oder schizophren veranlagt.

SPIEGEL EXTRA: Ist das für den Beruf notwendig?

Manker: Nein, aber es hilft. Viele von uns sind komplizierte Gewächse, launenhaft, empfindlich, unberechenbar, und werden deshalb oft verachtet - gerade von Regisseuren. Das ist das einzig Entwürdigende an dem Beruf.

SPIEGEL EXTRA: Meinen Sie nicht, daß Schauspieler manchmal auch ganz zu Recht verachtet werden ...

Manker: Das ist eine Frechheit. Unglaublich. Dafür müßte ich Sie eigentlich schlagen.

SPIEGEL EXTRA: Moment: Zu Recht verachtet werden - für die Eitelkeit und den Stolz, die gerade die sogenannten Großschauspieler zur Schau stellen.

Manker: Ich kenne keinen Schauspieler, der auf irgend etwas stolz ist. Eitel, ja. Aber Stolz ist so eine archaische Eigenschaft, die kommt bei uns Murmeltieren nicht vor. Würde, das ja, doch nur ganz selten.

SPIEGEL EXTRA: Jetzt streiten wir um Nuancen.

Manker: Wir streiten nicht, ich sage, was ist. Aus.

SPIEGEL EXTRA: Werden Schauspieler von Regisseuren denn auch deshalb verachtet, weil viele von ihnen alles mit sich machen lassen?

Manker: Ich kenne keinen ernstzunehmenden Schauspieler, der alles mit sich machen läßt. Nicht mal sexuell, was ich sehr bedaure. Natürlich funktioniert Theater streng hierarchisch.

SPIEGEL EXTRA: Auch bei Peter Zadek, mit dem Sie nun Richard III. proben?

Manker: Das ist auch bei Zadek nicht anders. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Regisseuren verwendet er die Bühne nicht dazu, Fragen zu beantworten, sondern sie zu stellen. Er legt großen Wert darauf, daß am Ende der Arbeit nicht ein Ergebnis steht, sondern daß eine Premiere bloß eine Station ist auf einem Weg, der nirgends hinführt.

SPIEGEL EXTRA: Haben Sie das weiße Kaninchen in Zadeks "Alice" nur deshalb übernommen, damit Sie dafür den Richard spielen dürfen - als Paketlösung sozusagen?

Manker: Das war ein Doppelpack, natürlich, aber einer ohne Bedingungen. Wenn Zadek mich fragt, spielst du bei "Alice" mit, dann bin ich dabei. Für ihn würde ich sogar eine Küchenschabe spielen.

SPIEGEL EXTRA: Weil Zadek allmächtig ist?

Manker: Weil ich weiß, daß dieses Stück ein alter Traum von ihm ist. Und wenn Zadek sich einen Traum erfüllt, dann bin ich gerne dabei. Außerdem ist das Kaninchen doch eh schon so ähnlich wie Richard, es hat auch einen Buckel.

SPIEGEL EXTRA: Halten Sie sich für den Natural Born Richard?

Manker: Sie wollen geschlagen werden, ich merk's.

SPIEGEL EXTRA: Nein, wir reden nur von Ihrem selbstgewählten Image: auf der einen Seite das exzentrische Arschloch ...

Manker: Jetzt geht's aber rund hier.

SPIEGEL EXTRA: ... auf der anderen Seite der charismatische Verführer - sind Sie schon deshalb genau der Richtige für die Rolle des Richard?

Manker: Der dumpfe Bösewicht, der mordend und sengend über den englischen Adel des 15. Jahrhunderts herfällt, ist sicher ein zu simples Klischee für die Figur. Erst mal sind alle in dem Stück bösartig und bereit zu morden. Richard ist nur ziemlich viel schneller, intelligenter und ironischer als die anderen. Er hat eine diamantenklare und diamantenscharfe Weltsicht, ohne jede Illusion. Natürlich auch deshalb, weil seine Behinderung ihn zurücksetzt. Er denkt sich: Gut, wenn mich die Zeit als Liebhaber nicht gelten läßt, führe ich eben den Bösewicht auf.

SPIEGEL EXTRA: Was er ja gleich in seinem ersten Monolog sagt.

Manker: Aus dem zitier' ich doch gerade.

SPIEGEL EXTRA: Wir wollten nur andeuten, daß wir das Stück kennen.

Manker: Ich bin eh zufrieden. Ich test' schon, ob Sie sich vorbereitet haben, keine Sorge.

SPIEGEL EXTRA: Wie wär's, wenn Sie uns Ihre Affinität zu der Rolle erklären?

Manker: Es geht vor allem um das Spielerische. Richard flirtet und konspiriert mit dem Publikum: "Jetzt hab' ich das gemacht - war das nicht Klasse?" Er teilt sich ständig mit, bis er schließlich König ist. Und dann sagt er auch zum Publikum: "Jetzt bin ich König, jetzt brauch' ich euch nicht mehr. Fuck you." Und dann geht's steil bergab.

SPIEGEL EXTRA: Nach der Krönungsszene wird Richard endgültig größenwahnsinnig - und seine Psyche ist einem plötzlich sehr fremd.

Manker: Richard marschiert bravourös im Turboverfahren nach oben, aber als er dort sitzt, fehlt ihm auf einmal das Ziel, der Antipode. Dort trocknet irgendwas aus in ihm. Dann fängt die Psyche an zu knirschen, und er wird schrullig. So ist das.

SPIEGEL EXTRA: Ist das ein Problem, das Ihnen bekannt vorkommt?

Manker: Ich kenne Aufstieg, danke.

Ich komme immer dorthin, wo ich hin möchte. Aber wenn ich dann dort bin, merke ich, daß das nicht das Ende ist, und dann gibt es nur schleunigste Flucht.

SPIEGEL EXTRA: Sie haben schon oft geäußert, daß Sie Theaterchef werden wollen.

Manker: Lustig, sobald man so was fallen läßt, hat das irre Wirkungen.

SPIEGEL EXTRA: Wären Sie denn ein guter Herrscher?

Manker: Ein sehr guter, ich weiß es. Aber von herrschen haben Sie geredet, ich habe das nicht in den Mund genommen. Obwohl: Herrschen wäre auch etwas Tolles. Leider sind ja die Tyrannen in unserem Kulturkreis aus der Mode gekommen. Ich wär' ein toller Tyrann. Ich wäre irre willkürlich, ohne Sinn und Zweck und Ziel und ohne Grund: "Köpft ihn" oder "Diese Frau will ich haben". Willkür, phantastisch. Man wird ja oft in Restaurants schlecht bedient, ich wünsche mir dann immer Herrscher zu sein und denjenigen sofort, aber sofort abzuservieren.

SPIEGEL EXTRA: Sigrid Löffler hat über Sie geschrieben ...

Manker: ... die Frau hat doch wirklich einen Knall ...

SPIEGEL EXTRA: ... hat über Sie geschrieben: "Seit bekannt geworden * * ist, daß Paulus Manker bei Zadek den Richard spielen wird, läßt sich der 39jährige den Glauben ans eigenes Genie von niemandem mehr rauben."

Manker: Den Glauben an mein Genie, den gab's schon, da hat Frau Löffler noch in die Windeln geschissen. Schreiben Sie das. Mich freut's, wenn die Journalisten dieses Bild von mir zeichnen. Zum unzähligsten Mal steht dann da: Der mephistophelische Exzentriker, das geniale Enfant terrible - da kann ich mich nur anwiehern. Ich bin so nett und umgänglich, aber wehe, Sie verraten das. Dann bin ich mein Image los.

SPIEGEL EXTRA: Und diesem Image haben Sie es unter anderem zu verdanken, daß Sie jetzt Richard III. spielen.

Manker: Zadek besetzt mich natürlich auch deshalb, weil er weiß, daß die an den Kammerspielen schon die Krätze kriegen, bevor ich überhaupt das Haus betrete. Allerdings habe ich schon vor vielen Jahren mit Zadek über das Stück gesprochen. Damals interessierte es ihn noch nicht so, weil es ein solches Zentrumsstück ist. Alles dreht sich um die Figur des Richards. Das habe ich verstanden, als ich den Gert Voss in Wien gesehen habe. Das war ja eine völlig verbrunzte Inszenierung! Er war bravourös, aber die Inszenierung war kompletter Scheiß.

SPIEGEL EXTRA: Was tun Sie gegen die Gefahr, das alles ins Zentrum stürzt?

Manker: Ich bin die Gefahr. Was soll ich schon dagegen tun? Ein Tornado zerstört sich doch nicht selber.

SPIEGEL EXTRA: Sie könnten sich mäßigen. Morgens aufstehen, in den Spiegel sprechen: Halte dich zurück.

Manker: Ihre Einschätzung von mir ist erschreckend - aber gut. Richard ist ein maßloser Mensch, in seinem Machtstreben genauso wie in seiner gekränkten Eitelkeit als Liebhaber. Er ist sicher ein Frauenhasser, weil er niemals in den Genuß gekommen ist. Aber dann kommt dieser Moment, wo er Lady Anne am Grab ihres Schwiegervaters verführt. Sie verflucht mich, ich habe ihren Mann und dessen Vater umgebracht, ich habe niemanden, der für mich spricht, nur den schieren Teufel. Und ich verführe sie. Und dann halte ich Zwiesprache mit der Sonne. Das ist wirklich die Hohe-C-Arie.

SPIEGEL EXTRA: Sie haben jede Menge berühmter Vorgänger. Außer Gert Voss beispielsweise Sir Laurence Olivier, Al Pacino ...

Manker: ... ja, und diesen britischen Schauspieler Ian McKellen. Das Stück hat in den letzten zwei Jahren eine irre Renaissance erlebt - na und? Ich bin nicht zu verunsichern, tut mir leid: Sie können sich da noch so sehr bemühen. Mein Vorbild ist sowieso - das darf ich vielleicht gar nicht sagen - unser Freund, der die Wahlen in England gewonnen hat.

SPIEGEL EXTRA: Tony Blair?

Manker: Absolut. Ich hab' alles, was es über den gibt, zu Hause auf Video.

SPIEGEL EXTRA: Was hat Blair mit Richard III. zu tun? Der hat sicher niemanden umgebracht.

Manker: Der hat auch seine Leichen im Keller. Aber mich interessiert Blair als Politiker und Charismatiker, nicht als Bösewicht. Was der sich für Ziele steckt, wie weit der denkt, wie hoch er hinaus will, darauf kommt es doch an.

SPIEGEL EXTRA: Und wie sehr kommt es auf den Erfolg beim Publikum an? Als an der Wiener Burg die "Dreigroschenoper" unter Ihrer Regie und in der Ausstattung der Modemacherin Vivienne Westwood Premiere hatte, wurde der Hauptdarsteller Fritz Schediwy gnadenlos ausgebuht.

Manker: Das war schlimm, ja. Da fühle ich mich verantwortlich.

SPIEGEL EXTRA: Also schuldig?

Manker: Nein, verantwortlich. Ich wähle meine Worte schon sehr genau. Als Fritz bei der Premiere zum Applaus rausging, kamen nicht 20, sondern 400 Buhs. So was hatte ich vorher auch noch nicht gehört. Zur zweiten Vorstellung ins Haus zu kommen war für uns beide kein leichtes Unterfangen. Wie Peymann und das Burgtheater sich verhalten haben, das war sehr verletzend. Da bist du dann wie jemand, der silberne Löffel gestohlen hat. Und sogar die Vorzimmerdamen glaubten, sie könnten frech werden. Unglaublich.

SPIEGEL EXTRA: Fühlen Sie sich dadurch rehabilitiert, daß die Inszenierung ein Besuchererfolg wurde?

Manker: Nein, die Arbeit ist gescheitert, das gebe ich zu. Es freut mich nur, daß Peymann die Inszenierung zeigen muß, obwohl er sie haßt wie die Pest. Das freut mich.

SPIEGEL EXTRA: Haben Sie Angst, daß Ihnen bei der Richard-Premiere bei den Wiener Festwochen etwas Ähnliches passieren könnte?

Manker: Vor den über tausend Leuten, die mich anschauen werden, habe ich keine Angst. Ich fürchte mich nur vor Dingen, die mit mir selbst zu tun haben. Bei der Premiere wird mich die eine Hälfte hassen, und die andere Hälfte wird mich lieben. Also wird es sehr lustig. Natürlich werde ich mich vor dem Auftritt einscheißen bis zum Stehkragen, aber dann werde ich rausgehen und sie alle niederkämpfen. Und falls es mir tatsächlich zuviel wird, werde ich einfach abgehen und vorher sagen: "Ich glaube, das wird heute nichts, kommen Sie morgen wieder."

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PAULUS MANKER ist Schauspieler, Theater- und Filmregisseur. Bekannt machte ihn seine Rolle als antisemitischer Jude Otto Weininger im Stück "Weiningers Nacht" von Joshua Sobol, das er sowohl am Hamburger Schauspielhaus als auch am Wiener Volkstheater spielte und 1989 unter eigener Regie verfilmte. Der Österreicher Manker, 39, arbeitet als Schauspieler vor allem unter der Regie von Peter Zadek. Derzeit probt er mit ihm Shakespeares "Richard III.", eine Koproduktion der Wiener Festwochen und der Münchner Kammerspiele.

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In Zadeks Inszenierung "Der Kaufmann von Venedig" stand Manker gemeinsam mit dem Schauspieler Gert Voss auf der Bühne. Voss spielte 1995 auch die Hauptrolle in Mankers viertem Film "Der Kopf des Mohren". Seine Theaterinszenierungen brachte Manker hauptsächlich am Wiener Burgtheater heraus ("Liliom", 1993; "Dreigroschenoper", 1996) und bei den Wiener Festwochen ("Der Vater", 1995; "Alma" 1996).


KulturSPIEGEL 6/1997
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