23.06.1997

Mädchenbande

Sie mögen Männermodels, Magenbitter und Musikfilme. Vier Freundinnen drehen ein großes Ding und haben Spaß dabei: ein Knastbesuch bei den Filmheldinnen von „Bandits“. VON CLAUDIA VOIGT
Kellner: Hallo, was darf's denn sein?
Jasmin Tabatabai: Also ...
Nicolette Krebitz: Einen Averna, bitte.
Tabatabai: Sagte sie gerade Averna?
Riemann: Richtig, Averna.
Tabatabai: Also - ich nehme auch einen Averna.
Katja von Garnier: Na ja, dann nehme ich doch auch einen Averna ...
Krebitz: Ich nehme sowieso Averna. Nimmst du auch einen Averna?
Riemann: Vier Averna, bitte.
Mädchen reden so, wenn sie unter sich sind. Auch berühmte. Nur der Kellner scheint das nicht zu wissen. Einen Moment lang starrt er irritiert in die Runde und verschwindet dann rasch hinter seinem Tresen. Während er die Gläser einschenkt, redet er leise mit seinem Kollegen. Wahrscheinlich etwas wie: "Hast du das bauchfreie Shirt von der Krebitz gesehen?" Oder: "Ob ich die Riemann nach einem Autogramm fragen soll?"
Katja von Garnier, Nicolette Krebitz, Katja Riemann und Jasmin Tabatabai fallen auf in der Bar dieses gehobenen Mittelklassehotels am Stadtrand von Nürnberg. In einem Ambiente aus poliertem Messing, Holzfurnier und altrosa Sitzbezügen glitzern sogar deutsche Filmstars, selbst wenn sie gerade aus dem Knast kommen.
Die vier frotzeln und giggeln miteinander und sprechen immer einen Tick lauter, als der Pianist in der Ecke spielen kann. Gegen ihre gute Laune kommt nichts an, nicht mal der graue Winterabend. Sie haben in den vergangenen Monaten viel Zeit zusammen verbracht und verbreiten nun jene Eingeschworene-Gemeinschafts-Stimmung, die nur unter Extrembedingungen entstehen kann: im Schlafsaal eines Mädcheninternats zum Beispiel - oder eben bei einem gemeinsamen Filmprojekt.
45 Tage dauerten die Dreharbeiten zu "Bandits", Katja von Garniers zweitem Film. Mit ihrem Erstlingswerk "Abgeschminkt" machte sich die heute 30jährige Regisseurin einen Namen als Meisterin rasanter Schnitte und poppiger Bilder im Stil von Videoclips. Nun kommt nach fünf Jahren ihr zweiter Spielfilm in die Kinos - mit Krebitz, 25, Tabatabai, 30, Riemann, 33, und Jutta Hoffmann, 56, in den Hauptrollen. "Bandits" ist ein Musikfilm und ein Roadmovie, eine Knastgeschichte, eine Ode an die Freundschaft und ein Film über die allmächtige Medienmaschinerie - ziemlich viel Stoff für 108 Filmminuten.
Tabatabai: Bei diesem Film war einfach alles anstrengender, aber auch geiler als sonst.
Krebitz: Man könnte sagen, wir haben uns ziemlich engagiert.
Tabatabai: Aber wir haben von Katja und Uwe Wilhelm auch wahnsinnig schöne Rollen geschrieben bekommen, das war wie ein Geschenk.
Riemann: Heul doch.
Tabatabai: Wie auf dem Silbertablett wurde einem die Rolle präsentiert ...
Krebitz: Und das war's, oder wie?
Tabatabai: Ja, nein, natürlich nicht. Ihr wißt genau, was ich damit meine. Ach, vergeßt es.
Filmemachen bedeutet Knochenarbeit. Aber mitten im Januar in der Justizvollzugsanstalt Nürnberg ist es besonders hart. Die Heizung in dem 130 Jahre alten Gebäude gluckert und ächzt geheimnisvoll und verdirbt jede Tonaufnahme. Also bleibt sie abgeschaltet. Die Hauptdarstellerinnen hocken als Knastschwestern Luna, Emma, Angel und Marie vor einem Radiator und warten auf den nächsten Take. Schweigend zieht Tabatabai an einer Gauloise, dabei hält sie die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger in der Handinnenfläche, so wie echte Kerle es zu tun pflegen - oder wie Luna, 25, rauchen würde. Ein Straßenkind, das wegen Raub und Körperverletzung mal wieder hinter Gittern sitzt, singt und Gitarre spielt.
"Hast du auch was gegessen heute mittag?" fragt Katja Riemann sie mit rotziger, aber besorgter Stimme; wie eine, die sich für alles verantwortlich fühlt. Eine wie die Schlagzeugerin Emma, 31, die immer den Takt angeben will und sich für die Rauh-aber-herzlich-Masche entschieden hat.
Nicolette Krebitz tänzelt umher, soweit man in Moonboots tänzeln kann, macht dem Tonassistenten schöne Augen, der Maskenbildnerin Komplimente und versucht trotz Minusgraden die Stimmung anzuheizen. Die Bassistin Angel, 22, Heiratsschwindlerin mit Herz, würde es genauso machen.
Anders ist es mit der Ältesten im "Bandits"-Bund, der erfahrenen Schauspielerin Jutta Hoffmann. Die Rolle der Marie - einer todessehnsüchtigen und liebeskranken Klavierspielerin um die 60 - hat mit ihr privat nichts zu tun. Sie spielt, statt zu sein, und das macht sie gut. Als Hoffmann zum Filmteam stieß, war ihr Part längst geschrieben und die Party, auf der die "Bandits" geboren wurden, schon Geschichte.
Krebitz: O Gott, die Party.
Riemann: Ich habe dich tanzen sehen, oh, oh ...
von Garnier: Wo soll ich anfangen ...
Riemann: Trink einen Schluck.
von Garnier: Die Party war wirklich ein Schlüsselmoment.
Tabatabai: Coco und ich haben Luftgitarre gespielt, so richtig wild, so: "Aaahhhh".
Krebitz: Ich habe nicht Luftgitarre gespielt.
von Garnier: Also Katja und ich kennen uns schon sehr lange ...
Riemann: ... und sind zusammen dahin gegangen.
von Garnier: Da war auch Coco, die kenne ich etwa drei Jahre ...
Tabatabai: Mich kannte keiner, außer Coco.
Krebitz: Zum Glück.
Riemann: Das ist doch völlig verwirrend.
Krebitz: Nein, das ist absolut wichtig.
von Garnier: Jedenfalls habe ich gemerkt, daß die drei einfach eine Chemie miteinander hatten, da ging was los.
Riemann: Ich hab' dich tanzen sehen, oh, oh ...
von Garnier: Und als wir nach Hause gegangen sind, habe ich gesagt, wir müssen einen Musikfilm machen, alle zusammen.
Und das haben sie gemacht: Im Herbst '95 haben sie begonnen, Lieder zu komponieren, Texte zu schreiben und Instrumente zu erlernen. Ihre Songs sind das Bindemittel des Films. Wenn es "Bandits" gelingt, die Zuschauerin zu berühren, dann durch seine Musik. Sie hat nicht nur die Schauspielerinnen zusammengeschweißt, sondern ist auch der Motor der Handlung.
Luna, Angel, Marie und Emma lernen sich im Gefängnis als Musikerinnen kennen. Auf dem Weg zu einem Auftritt beim Polizeiball gelingt den Frauen die Flucht, aber von ihrer plötzlichen Freiheit sind sie ziemlich überfordert. Nur Marie hat noch einen alten Plan parat: Mit einer Schiffskapelle will sie nach Südamerika reisen, bloß legt der Dampfer erst in drei Wochen in Hamburg ab - und bis dahin sind es noch viele turbulente Tage und mehrere hundert Kilometer. Ein gefährlicher Weg, denn natürlich ist eine Frauen-Knast-Band auf der Flucht ein Medienereignis; und so begegnen Angel, Luna, Marie, Emma ihren eigenen Songs im Radio und ihren Gesichtern auf riesigen Werbeplakaten - der langersehnte Ruhm wird zu ihrem ärgsten Verfolger.
Trotz aller Gefahren können sie dem Verlangen, Popstars zu sein, aber einfach nicht widerstehen. Sie geben öffentliche Konzerte, bringen die Polizei auf ihre Spur und riskieren für ihre Musik nicht nur die frisch erworbene Freiheit, sondern ihr Leben. Smells Like Teen Spirit.
Die Popstar-Pose haben sich die Schauspielerinnen und ihre Regisseurin ausgiebig gegönnt. Katja am Schlagzeug, Jasmin an der Gitarre, Nicolette am Baß - das gibt's von vorn, unten, hinten, oben, schräg, in Blau, Rosa, Grün, orange koloriert, rasant geschnitten, weich gefilmt oder grob gerastert. Man könnte darüber mäkeln, daß die Bilder zu reibungslos ineinanderrauschen, daß die Frauen keine männliche Heldenattitüde auslassen und ihre Figuren dabei seltsam leblos wirken. Muß man aber nicht. "Like it" heißt die Ansage und ein besonders schönes Stück aus dem Soundtrack.
Und dann ist da noch Werner Schreyer - der Mann aus der Boss-Werbung, der so aussieht, als wenn er niemals in seinem eigenen Bett schlafen würde. Schreyer bringt jene Unbekümmertheit in den Film, die sonst fehlt; er mischt die ausgeklügelte "Bandits"-Welt ziemlich auf. Er spielt West, einen wortkargen, aber beredt blickenden Amerikaner, den Luna, Emma, Marie und Angel sich als Geisel nehmen. Klar, daß sich die Girls wegen ihres schönen Gefangenen bald in die Haare kriegen; sein spröder Charme bringt ihre Freundschaft ganz schön durcheinander.
Riemann: Es war natürlich Katjas Idee, Werner zu besetzen.
Krebitz: Komm, gib's schon zu.
von Garnier. Also, Coco hatte mir mal von ihm erzählt ...
Krebitz: Weil du mich danach gefragt hast.
Riemann: Du hattest doch dieses Foto von ihm.
von Garnier: Das fand ich ehrlich gesagt ziemlich sexy.
Tabatabai: Um es kurz zu machen: Sein längster Satz ist: "Kiss my ass." Also brauchten wir einen Typen, der nicht erst viel reden muß.
von Garnier: Werner ist wirklich ein wahnsinniges Talent.
Riemann: Und sieht immer gut aus.
Krebitz: Unglaublich.
Tabatabai: Frechheit eigentlich.
von Garnier: Dazu kommt noch sein Charme, und wie er sich bewegt, so ganz eigen ... Na ja.
Tabatabai: Er ist eben ein richtiger Typ. Der macht vor allem Sachen ...
Mädchen reden so, wenn sie unter sich sind. Auch berühmte. Nur wissen die ein bißchen besser, wann es Zeit ist, zu schweigen. Daß bestimmte Geheimnisse nicht ausgeplaudert werden, ist einfach Ehrensache.
Riemann: Kurze Information am Rande: Wir besprechen das hier jetzt übrigens alles nach der sechsten Runde Averna.
Krebitz: Ich bin sowieso schon betrunken. Sollen wir nicht einfach Schluß machen?
Tabatabai: Okay.
Riemann: Gut.
von Garnier: Und - Schnitt.
***
"Bandits" startet am 3.7.; die CD "From The Movie Bandits" erscheint am 4.7. bei Polydor (537834-2).
Von Voigt, Claudia

KulturSPIEGEL 7/1997
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