23.06.1997

Amadeus hinterm Stacheldraht

Mozarts Oper als zeitgenössische Hommage an den Orient - die Neuinszenierung der „Entführung aus dem Serail“ verspricht ein Höhepunkt bei den Salzburger Festspielen zu werden. Ein Gespräch mit Regisseur François Abu Salem und Dirigent Marc Minkowski.
VON THOMAS WÖRDEHOFF FOTOS: PETER RIGAUD
Es klingt, als ob sich Helvetier unterhalten. Wer in diesen Juniwochen die Probebühne der Salzburger Festspiele im Lehrbauhof - hübsch gelegen zwischen Kuhställen vor den Bergen der Stadt - besucht, dessen Ohr wird mit gutturalen CH-Lauten konfrontiert. Ein grauhaariger Mann in weiten Leinenhosen und Schlabberpulli redet mit weit aufgerissenen Augen auf einen dunkelhäutigen, gazellenschlanken Menschen ein. Vom geschwind gesprochenen Dialog kriegt man nur diese gehauchten CHs mit. Nein, es kann sich nicht um Schweizerdeutsch handeln - die beiden sprechen arabisch.
Und richtig. Die Idee des Intendanten Gerard Mortier ist bestechend: Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" wird nicht von einem prominenten Bilderstürmer in Szene gesetzt; der pfiffige Flame übergab die Regie diesmal einem Unbekannten aus dem Morgenland: François Abu Salem ist Palästinenser, arbeitete bislang als Autor, Theater- und Filmemacher und ist wild entschlossen, Mozarts Sicht auf die arabische Welt zu korrigieren. Abu Salem, 45, will die Perle europäischen Opernschaffens in einem durchsichtigen Zelt, das im barocken Residenzhof plaziert wird, auf "eine zeitgenössische Reise in diese Welt mitten in der Krise" schicken.
Ein schwieriges Unterfangen. Denn der Salzburger Wunderknabe Mozart porträtierte die arabische Welt wenig schmeichelhaft: Da ist der putzige Diener Pedrillo, der zusammen mit seinem Herrn, dem wahnsinnig edlen Belmonte, dessen ebenso edle, aber auch sehr schöne Verlobte Konstanze nebst Zofe Blonde aus den orientalischen Klauen des Bassa Selim und seines Bluthunds Osmin befreien will. Der Pascha ist ein Langweiler erster Güte, der aber mit Gemetzel droht, sollte ihn Konstanze verschmähen. Osmin, ein brutaler Fettsack, ist zwar strohdumm, aber ein Freund exzessiver Folterrituale - für die sich allerdings keine Gelegenheit bietet.
Das Ganze geht aus wie eine Idealvorstellung des Osloer Abkommens: Der fade Bassa wird von Edelmut erfaßt, er läßt die Gefangenen ziehen, und alle sind ungeheuer friedensbewegt.
Gerard Mortier stellte dem palästinensischen Operndebütanten Abu Salem, der seit kurzem in Paris lebt, dialektisch ein musikalisches Gegenüber zur Seite: Marc Minkowski, 35, Franzose mit jüdischem Vater, zählt zu den Jungstars der Dirigentenszene, im Juli übernimmt er die Leitung der Flämischen Oper in Antwerpen. Bisher hat er sich vornehmlich mit Barockmusik beschäftigt; die Arbeit seines Regiekollegen verfolgt er vor den Stacheldrahtzäunen der Probendekoration mit abwartender Neugier. "Ich interessiere mich nicht für Politik", gibt er trotzig zu Protokoll und hält sich ansonsten brummig zurück. Ruhe vor dem Sturm?
*
KULTUR EXTRA: Herr Abu Salem, Sie sind Palästinenser, Herr Minkowski, Sie sind der Sohn jüdischer Vorfahren. Stimmt es, daß Sie vorhaben, Mozarts Oper "Die Entführung aus dem Serail" mit garstigen Stacheldrahtzäunen aus den besetzten Gebieten Palästinas zu dekorieren?
Abu Salem: Ja, und ich könnte mir vorstellen, daß sich ein paar Leute darüber ärgern werden. Aber ich denke, wir werden sehr komplex arbeiten. Mir schwebt ein Tanz aus Informationen und Gefühlen vor, ich möchte im barocken Residenzhof von Salzburg einen orientalischen Mikrokosmos erschaffen, so amüsant wie nur möglich - aber auch mit harscher Kritik.
KULTUR EXTRA: An wem?
Abu Salem: Viele Charaktere, besonders die Araber, sind in diesem Stück ja nicht besonders sympathisch - und ich würde gerne auch deren humane Seite herausarbeiten.
Minkowski: Zu Ihrer Eingangsfrage: Meine Erziehung ist nicht nur jüdisch, sondern eher multikulturell - französisch, polnisch, amerikanisch, katholisch mit starken jüdischen und protestantischen Elementen. Und all diese Wurzeln finde ich im übrigen auch in Mozarts Musik wieder.
KULTUR EXTRA: Herr Minkowski, wären Sie auch auf die Idee gekommen, die Situation im Nahen Osten als Mozart-Grundlage zu nehmen?
Minkowski: Unter keinen Umständen! Ich bin nicht im geringsten an Politik interessiert. Natürlich bin ich neugierig, wie weit man mit dieser Idee kommen kann - aber es ist auf keinen Fall mein Konzept. Persönlich kann ich nichts davon nachvollziehen, aber ich glaube, daß es möglich ist, auf dieser Grundlage zu arbeiten.
KULTUR EXTRA: Glauben Sie nicht, daß Musik auch politisch sein kann?
Minkowski: Ja und nein. Politik hat Musik oft ermöglicht - denken Sie an Ludwig XIV., der Lully zum Hofkomponisten gemacht hat. Aber wenn ein Komponist vor seinem leeren Notenblatt sitzt, darf Politik keine Rolle mehr spielen.
KULTUR EXTRA: Aber Komponisten wie Verdi und Wagner haben doch extrem politische Werke geschrieben.
Minkowski: Da bin ich völlig anderer Meinung. Ich glaube, daß wir über die Werke der beiden immer noch nicht alles wissen.
KULTUR EXTRA: Wie sehen Sie die "Entführung"?
Minkowski: Es ist ein Traum.
Abu Salem: Eigentlich eine Reise!
Minkowski: Eine Reise, ein Traum.
KULTUR EXTRA: Wer träumt, wer reist wohin in diesem orientalischen Disneyland?
Minkowski: Es handelt sich um den Traum von Leuten, die sich eine unbekannte Welt vorstellen. Und selbst heute, wo mehr Leute diese Welt zu kennen glauben, werden sehr viele Menschen durch die Aufführung vielleicht eine erste Einführung in diesen Kosmos erfahren - in das orientalische Aroma.
Abu Salem: Gut, und mein Ziel ist es nun, die Leute auf einen authentischeren Trip in die orientalische Kultur zu schicken, als das bisher geschah. Im 19. Jahrhundert begann ja das wirkliche Interesse am Orient. Man reiste zu uns, aber nur sehr wenige Schriftsteller kamen mit authentischen Berichten zurück. Das war alles sehr dogmatisch und moralistisch - und das Ganze nannte man dann Orientalistik.
KULTUR EXTRA: Verbittert Sie diese Einseitigkeit?
Abu Salem: Nein, das passiert ja immer, wenn sich zwei fremde Kulturen begegnen. Und da möchte ich eine kleine Klärung ermöglichen.
KULTUR EXTRA: Nun war Mozart kein Orientalist. Wie erleben Sie, Herr Minkowski, als Europäer Mozarts Sicht aufs Serail?
Minkowski: Sehr rhythmisch. Schon die Ouvertüre, in der Mozart türkische Musik der Janitscharen illustriert oder den Zorn von Osmin - mit kleinen rhythmischen Details schafft er einen orientalischen Raum, der beeindruckend ist. Der erste Akt gehört zum Schönsten, was je geschrieben wurde ...
Abu Salem: ... eigentlich könnte man da aufhören ...
Minkowski: ... man wird sofort in eine andere Welt hineingezogen. Das Stück fängt an mit dem Streit von Belmonte und Osmin, zwischen dem Europäer und dem Orientalen - eine phantastische Szene.
KULTUR EXTRA: Hat es Sie nicht befremdet, daß das Libretto der "Entführung" die arabische Welt als ziemlich grausamen Haufen porträtiert?
Abu Salem: Ja, und das ärgert mich auch sehr. All diese Vorurteile, die in der westlichen Welt über den Orient kultiviert werden - Iran eingeschlossen. Man vergißt dabei, was für reiche Kulturen diese Länder haben. Trotz allem ist beispielsweise Iran voller interessanter Aktivitäten in der Kunst, es gibt viel Lebendiges in Kino, Musik und Literatur.
KULTUR EXTRA: Wie wollen Sie den Blick der Europäer ausgerechnet durch Mozart verändern?
Abu Salem: Ich versuche, die Charaktere etwas schärfer und tiefer zu zeichnen. Wir haben den gesprochenen Text leicht modernisiert. Den Text zur Musik haben wir natürlich belassen.
KULTUR EXTRA: Was ändert das etwa an der Figur des dicken Osmin, der seine westlichen Gefangenen mit Brutalophantasien immer wieder zu Tode erschreckt?
Abu Salem: Wissen Sie, meine Frau ist Schweizerin. Als sie zum erstenmal aus Palästina zurückkam, verstand sie nicht, warum man die Araber immer als gewalttätig beschreibt. Die Leute hier sind die nettesten, die ich je getroffen habe, sagte sie - ihr sei sogar eine große Trägheit und Lethargie aufgefallen. Es ist auch so: Araber kann man sehr leicht übers Ohr hauen.
KULTUR EXTRA: Wie erklären Sie sich dann die Gewaltideen Osmins?
Abu Salem: Sie kennen das doch auch aus dem Mittelmeerraum. Das ist eben der Umgang miteinander, man schreit miteinander und unterhält sich gerne sehr aufgeregt. Vielleicht ist Osmin ja gewalttätig, aber ich möchte gerne untersuchen, warum.
Minkowski: Ich glaube ja eher, daß die "Entführung" eine Hommage an den Orient ist: Am Ende kriegt Osmin nichts - keine Frau, kein Geld, nicht mal eine Leiche. Die Weisheit und Gnade des Bassa Selim haben gesiegt.
Abu Salem: Das stimmt, aber einige Figuren, wie etwa die des Bassa Selim, sind ein bißchen eindimensional und kraftlos. Da müssen wir schon was tun. Der sagt das ganze Stück nichts anderes zu Konstanze als: Liebe mich, oder ich bring' dich um! Araber würden das nie sagen - sie lieben Frauen. Der Prophet Mohammed hatte neun. Ich glaube, am Ende seines Lebens hatte er zwölf.
KULTUR EXTRA: Ist Mozarts Bassa Selim dagegen nicht ein mickriger Hagestolz?
Minkowski: Sie werden sich wundern.
Abu Salem: In unserer Version leben 13 Frauen im Palast.
KULTUR EXTRA: Pech für Mohammed.
Abu Salem: Nein, nein. Es sind alte und junge Frauen, die bei Bassa leben, auch seine Mutter, dann die erste und zweite Frau und die Mutter der ersten - eben alle Frauen seines Lebens. Und Konstanze verfällt bei uns beinahe dem Orient: aber nicht durch Bassa Selim, sondern durch die Frauen. Im Orient haben Frauen viel mehr Spaß als Männer. Männer sind schrecklich laut, Frauen im Orient sind viel gefühlvoller, offen und neugierig.
KULTUR EXTRA: Sind Sie deshalb nach Paris gezogen?
Abu Salem: Nein. Ich hielt es nicht mehr dort aus, weil ich die Heuchelei der Israelis und Amerikaner nicht mehr ertrug. Es hat sich ja durch den sogenannten Friedensprozeß nichts bewegt, im Gegenteil: Wir sind zehn Jahre zurückgefallen. Und die Europäer benehmen sich wie Feiglinge.
KULTUR EXTRA: Herr Minkowski, auf welcher Seite sind Ihre Sympathien im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern?
Minkowski: Für mich spielen Sympathien bei derart diffizilen Fragen absolut keine Rolle, denn ich habe weder die Situation der einen noch die der anderen Seite durchlebt. Ich kann mich doch nur zu Dingen äußern, die ich auch wirklich beurteilen kann. Generell halte ich Äußerungen von Künstlern zu politischen Fragen für uninteressant. Da lese ich lieber die Kommentare von Fachleuten.
Abu Salem: Marc hält seine Meinung dazu vermutlich für unwichtig. Natürlich interessiert es ihn! Politik ist das Leben von Menschen.
KULTUR EXTRA: Sind Sie sich schon wegen politischer Fragen in die Haare geraten?
Abu Salem: Wir haben uns indirekt natürlich über Politik unterhalten. Schon allein, wenn man über Länder, Menschen, Reisen, das Leben und die "Entführung" spricht. Intuitiv spürt man ja, was der andere meint, wo er steht. Man muß nicht immer genau klären, welche Ansichten der andere hat. Man muß nicht grundsätzlich werden. Immer, wenn sich Leute über Politik im Nahen Osten unterhalten, kommt es irgendwann zum Krach. Ich habe mehrere jüdische Freunde in Amerika und Frankreich, mit denen ich mich regelrecht verfeindet habe nach solchen Gesprächen.
KULTUR EXTRA: Wo würde Mozart heute stehen?
Abu Salem: Wenn er heute leben würde, würde er wahrscheinlich arabische Musik studieren, und er wäre sicherlich fasziniert von der Sufi-Philosophie, einer islamischen Version der Mystik. Er hätte mit großer Überzeugung verkündet: "Ich bin die Wahrheit, ich bin Gott" - und natürlich hätte er damit die islamischen Fundamentalisten schwerstens geärgert.
Minkowski: Mozart wäre heute nicht denkbar - deshalb führen wir ihn ja auf. Mozart ist ein ganzes Universum, das über den Zeitströmungen steht. Daher ist auch das Feld für Interpretationen so unermeßlich groß. Mozart darf man nicht auf eine ausschließlich politische Fabel verkürzen - dafür bräuchte man eine andere Musik.
***
"Die Entführung aus dem Serail". Premiere am 26.7. im Salzburger Residenzhof. Auch am 30.7. sowie 4., 6., 11., 14., 17., 19., 22., 25. und 28.8., Tel. 0043/662/84 45 01.
Von Thomas Wördehoff

KulturSPIEGEL 7/1997
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