23.06.1997

Neue Bücher

BELLETRISTIK

ORAKEL FÜRS LEBEN: Sie trafen einander nur gelegentlich, der empfindliche Poet und der seherische Essayist. Aber gerade darum wohl blieben Rainer Maria Rilke und Rudolf Kassner, beide große Reisende und Leitfiguren ihrer literarischen Epoche, seit der ersten Begegnung 1907 Freunde. "Wer von der Innigkeit zur Größe will, der muß sich opfern", orakelte etwa Kassner über Rilke, und den traf das Wort wie ein Lebensmotto. Grund genug, weiteren Korrespondenzen im Werk der Künstler nachzuspüren. Das hat nun der Kassner-Spezialist Bohnenkamp mustergültig getan. Was gewöhnlich in einer Abraumhalde von Anmerkungen landet, formt sein weiser Kommentar zu einer Briefgeschichte, die sich wie eine kleine Doppel-Biographie liest: ein Glücksfall für Literaturfreunde.
Rainer Maria Rilke und Rudolf Kassner: "Freunde im Gespräch". Briefe und Dokumente. Hrsg. von Klaus E. Bohnenkamp. Insel Verlag, Frankfurt; 280 Seiten; 54 Mark.
Johannes Saltzwedel
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KALLIGRAPHIE: Frankreich zur Zeit Flauberts: Der junge Seidenraupenhändler Hervé Joncour, erfolgreich, glücklich verheiratet mit der schönen Hélène, wohnt dem eigenen Leben eher bei, statt es zu leben. Und dann muß er nach Japan reisen, um Seidenraupeneier einzukaufen, und er verliebt sich in die geheimnisvolle Mätresse seines japanischen Geschäftspartners. Nie fällt ein Wort zwischen ihm und der jungen Frau. Später erhält er offenbar von ihr einen leidenschaftlichen Liebesbrief, der sein Begehren am Leben hält, ohne seine Liebe zu Hélène zu schmälern. Nach dem frühen Tod seiner Frau erfährt er den wahren Absender und findet heraus, wem seine wirkliche Liebe galt. Die schnörkellose Geschichte einer "fake love affair" präsentiert sich als strenge, sehr erotische Kalligraphie - genüßlich zu entziffern.
Alessandro Baricco: "Seide". Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Piper Verlag, München; 144 Seiten; 32 Mark. Martina Gollhardt
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SACHBUCH

DAS ALPTRAUMPAAR: Es war eine Ehe wie Edward Albee sie nicht infernalischer hätte erfinden können. F. Scott Fitzgerald, der "romantische Exzentriker", ehrgeizig auf seinen literarischen Ruhm bedacht, und Zelda, die sinnliche und eigensinnige Südstaaten-Schönheit, galten als das ungekrönte Königspaar des Jazz-Zeitalters. In der hemmungslosen Verfolgung des amerikanischen Traums von Schönheit und Reichtum lebten sie jedoch eine zerstörerische Ménage à trois, und der Dritte im Bund, ihr gemeinsamer und wahrer Geliebter, hieß Alkohol. Um den Lebensstil zwischen amerikanischer Ost- und französischer Mittelmeerküste zu bezahlen, mußte der ständig überschuldete Autor des "Großen Gatsby" Kurzgeschichten schreiben. Auch Zelda versuchte sich in diesem Genre - unter Scotts Namen, weil das besser bezahlt wurde. Mit 44 endet Scotts Leben durch Suff in Hollywood. Mit dem Fragment "Der letzte Tycoon" hinterließ er ein glänzendes, zynisches Porträt jenes Ortes, in dem Träume Fabrikware sind. Zelda torkelte noch etwas über sieben Jahre von einer psychiatrischen Anstalt zur anderen. Die Kritikerin und Essayistin Kyra Stromberg zeigt in ihrem brillant geschriebenen Porträt dieses sich gegenseitig verschlingenden Paares für beide Seiten Verständnis. Denn hier ging's zu wie in anderen - faderen - Ehen auch: Täter sind Opfer und umgekehrt.
Kyra Stromberg: "Zelda und F. Scott Fitzgerald". Rowohlt Verlag Berlin; 192 Seiten; 34 Mark.
Wolfgang Limmer
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KRIMI

SCHNEEMENSCH: Ein Bergsteiger im Himalajagebirge findet einen Schädelknochen: Vielleicht gibt es den Yeti doch. Unter den Teilnehmern der Expedition, die der Spur nachgehen soll, ist auch ein CIA-Agent, der das Forschungsprojekt als willkommene Tarnung für einen Geheimauftrag mißbraucht. Er gefährdet nicht nur das Leben der Expeditionsteilnehmer, sondern trübt auch das Vergnügen beim Lesen. Ohne den Bösewicht vom Dienst hätte "Esau" ein packender Wissenschaftsthriller werden können. So ist es immerhin noch eine spannende Geschichte vom Kampf zwischen Wissenschaftlern und Geheimagenten in exotischer Umgebung.
Philip Kerr: "Esau". Deutsch von Peter Weber-Schäfer. Wunderlich Verlag, Reinbek; 512 Seiten; 45 Mark.
Hans-Arthur Marsiske
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BILDBÄNDE

FLUCHT: Brudermord und Bürgerkrieg war oft das zentrale Thema großer Genremaler und später dann der großen Fotojournalisten. Dieser Band zeigt elf Fluchtgeschichten von Fotografen der Agentur Signum, die nicht nur zu den bekannten Schauplätzen reisten, sondern auch zu jenen Tragödien, die scheinbar nicht existieren, weil sie in den Medien nicht stattfinden. Ganz unprätentiös beschränken sich die Fotografen auf die klassischen Mittel der Bildberichterstattung; nicht um Kunst geht es, sondern um die Darstellung von Menschen in extremer Bedrängnis, die dennoch ihr Leben meistern - und das ist mehr als bloßes Überleben. Ein unbehagliches, aber sehens- und lesenswertes Buch.
Fotografien von Signum: "Flucht". Edition Stemmle, Kilchberg; 220 Seiten; 98 Mark. Christiane Gehner
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AUS MALI: Drei Halbstarke in schneeweißen Hemden mit gelacktem Haar und schwarzer Haut. Geschwisterpaare in einheitlichem Blumendekor vor Mustertapete, üppig geschmückte Frauen mit ihren Kindern, Männer mit ihrer Habe. Einige posieren mit Motorroller, die anderen mit einer Suppenschüssel. Alle wollen mit dem, was ihnen wichtig ist, im schönsten Outfit ins Studio des Fotografen Seydou Keïta in der Stadt Bamako in Mali. Der Mann hinter der Kamera hat nur eine Sorge: seine Kunden zufriedenzustellen, indem er sie so attraktiv, so reich, so bunt und so künstlerisch wie möglich fotografiert. Dabei ist am Ende, ganz unbeabsichtigt, ein Werk von seltener Schönheit entstanden.
André Magnin (Hrsg.): "Seydou Keïta". Scalo Verlag, Zürich; 288 Seiten; 88 Mark. Christiane Gehner

KulturSPIEGEL 7/1997
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