30.07.2012

Ins Herz der Finsternis

Von Dallach, Christoph

Die Songs von The XX sind so düster wie die Euro-Krise. Und daher die angemessene Begleitmusik.

Bei YouTube kann man immer noch bestaunen, wie Shakira vor zwei Jahren beim englischen Glastonbury Festival das Publikum überraschte, als sie verkündete, dass The XX eine ihrer Lieblingsbands sei und dann zum Beweis etwas ungelenk deren Song "Islands" trällerte.

Nicht im Internet findet man die Aufnahme, in der Romy Madley Croft, Gitarristin, Sängerin und Songwriterin bei The XX, im Glastonbury-Publikum stehend, knallrot wurde und am liebsten im schlammigen Festival-Boden versunken wäre, während die kolumbianische Pop-Sängerin ihre Musik aufführte. "Shakira ist cool, und ich fühlte mich sehr geehrt, aber trotzdem duckte ich mich, damit mich da bloß keiner erkennt. Eine Freundin filmte mich dabei heimlich mit dem Handy, aber das wird zum Glück niemals jemand zu sehen bekommen", sagt die 22-Jährige mit sehr leiser Stimme und schaut immer noch peinlich berührt drein.

Zusammen mit ihrem gleichaltrigen Bandkollegen Oliver Sim, der Bass spielt, ebenfalls singt und Songs schreibt bei The XX, sitzt Madley Croft in einem dunklen Londoner Pub vor einem Pint Lager und fällt im Gewusel der Gäste nicht weiter auf. Jamie Smith, der sich Jamie XX nennt und das Klangbild des Trios verantwortet, lässt grüßen, er blieb lieber im Studio, um den Beats des zweiten und dringlich erwarteten XX-Albums namens "Coexist" den finalen Schliff zu verpassen.

Romy Madley Croft und Oliver Sim sind ein sonderbares Duo. Ganz in Schwarz gekleidet, mit fahler Haut, würden sie als Statisten in einem Vampir-Film durchgehen. Dabei spielen sie eine Hauptrolle im Popbetrieb. Vor genau drei Jahren erschien ihr Debüt-Album "XX" und wurde zum Überraschungsbestseller. Gut eine Million Mal ging das Werk weltweit weg, es war 73 Wochen lang in den britischen Charts und auch in den USA ein Renner, wurde einhellig von Kritikern beklatscht und zur Krönung des Ganzen mit dem "Mercury Prize" als bestes britisches Album ausgezeichnet. Rihanna und Kanye West sampelten XX-Klänge; Adele, Gil Scott Heron und Radiohead ließen von Jamie XX ihre Songs überarbeiten; Damon Albarn, Birdy, OMD und Shakira sangen ihre Kompositionen. Selbst "Simpsons"-Erfinder Matt Groening outete sich als Fan und lud The XX auf ein von ihm kuratiertes Musik-Festival ein.

Tolle Triumphe für diese jungen Londoner Debütanten, aber eben auch ein Schock für diese besonders schüchternen, blassen Menschen. Dazu passt ihre Musik, die so unauffällig daherkommt wie die dafür verantwortlichen jungen Künstler. Denn XX-Songs klingen eher verhuscht als wuchtig, eher nach mitternächtlicher Zurückgezogenheit als nach wilder Party. Ihre Melodien sind karg, oft an der Grenze zur Stille, werden von minimalistischen Rhythmen und einsam verhallenden Bässen getragen, sowie von Romy Madley Crofts und Oliver Sims zurückhaltenden Stimmen, die, okay, das überrascht nun nicht, von Dramen der Liebe und stetig drohender Einsamkeit berichten.

So schufen The XX eine Musik, die in ihrer wehmütigen Diskretion ganz offensichtlich den Nerv eines großen Publikums traf. Man kann sie verstehen als eine Art Soundtrack für die Ratlosigkeit und Dauerbesorgnis in einer Zeit, die geprägt ist von Geldkrisen und der Aussicht, dass nach einer Krise keine Beruhigung folgt, sondern die nächste Krise. Wahrscheinlich nutzte die BBC den XX-Song "Intro" deshalb vor zwei Jahren sogar als Erkennungsmelodie ihrer Wahlkampfberichterstattung - man konnte es so verstehen, dass Übles vom Wahlausgang zu erwarten war. Die britischen Konservativen, die Torys, ließen XX-Klänge dann noch auf einem Parteitag laufen. Das allerdings wurde von der zuständigen Plattenfirma via Twitter scharf kritisiert. Denn dass The XX nun Tory-Fans seien, dieser Eindruck sollte nicht so stehenbleiben. Als Labour-Musikanten würden The XX aber auch ungern gelten, denn sie wollen sich aus Prinzip jeder Einordnung entziehen. Auch in ihren wenigen Interviews sagen sie leise nur das Nötigste. Unauffällig, ungreifbar eben.

So sind The XX trotz ihrer Erfolge medial relativ unsichtbar geblieben und wurden zu Phantomen des britischen Pop. "Wir gehen nie auf coole Partys. Wir haben noch nie ein Hotelzimmer demoliert. Wir meiden Glamour. Wahrscheinlich werde ich deshalb so gut wie nie irgendwo erkannt", sagt Romy Madley Croft. Sie lächelt zufrieden. Weder sie noch Oliver Sim werden an diesem Tag in dem Pub weiter behelligt.

Ins Bild passt auch, dass alle drei vergangenes Jahr erst bei ihren Eltern auszogen. Nach einer sehr langen Konzertreise rund um die Welt, in deren Verlauf die XX-Keyboarderin Baria Qureshi, von dem Zirkus entnervt, das Handtuch schmiss, waren die übrigen drei nach London zurückgekehrt und hatten festgestellt, dass sie nun wirklich zu alt seien (oder zu sehr Popstars?), um weiter bei ihren Eltern zu wohnen.

Bleibt die Frage, was diese drei lichtscheuen Gestalten überhaupt dazu brachte, eine Band zu starten - was ja immer das Risiko birgt, ein neugieriges und vielleicht sogar großes Publikum zu finden. Die Antwort darauf ist so schlicht wie plausibel: "Wir waren einfach unfassbar gelangweilt. Romy und ich waren 15, hatten Sommerferien, liebten Musik und wollten einfach mal ausprobieren, was wir hinkriegen. Songs zu schreiben war ursprünglich einfach eine spannende Methode, die Zeit totzuschlagen", sagt Oliver Sim. Seit Sandkasten-Zeiten ist er mit Romy Madley Croft befreundet.

Das Songschreiben allerdings gelang den beiden so gut, dass sie mit 17 einen Plattenvertrag unterzeichneten, der ihnen die Möglichkeit bot, in Ruhe ihren individuellen Sound zu entwickeln. Tagsüber jobbten sie in Coffee-Shops und Boutiquen, nachts hauchten sie ihren Gesang direkt in ihre Laptops und finalisierten die Songs oft nach Mitternacht im Studio ihrer Plattenfirma. Der Bandname XX steht vor allem dafür, dass ihr 20. Geburtstag nahte, "aber auch für Pornografie und Chromosomen", ergänzt Sim.

Außerdem lässt sich mit den Initialen XX grafisch wunderbar spielen, und weil sie selbst so unauffällig sind, brauchen sie eine auffällige Corporate Identity. Die zwei großen XX, die auf schwarzem Untergrund ihre Plattenhüllen, T-Shirts, Kaffeebecher und Bühnenbilder zieren, sind also bewusst hochdekorativ: "Es war schon der Plan, dass die Musik mit dem Design korrespondiert. Dass das konsequent durchgehalten wird, ist uns wichtig." Die Grundlage dafür bietet das allgegenwärtige Schwarz, das Sim und Madley Croft tragen, seit sie sich erinnern können: "Schwarz illustrierte die Dunkelheit, die man als Heranwachsender in sich spürt und die mich immer noch begleitet", sagt Oliver Sim.

Nun steht also das zweite Album an, und die dafür verantwortlichen Musiker sind gestresst: "Es war schwierig, die Platte zu Ende zu bringen. Zum ersten Mal überhaupt fühlte ich mich unter Druck", sagt Oliver Sim. Kein Wunder, das "Coexist" betitelte Werk zählt zu den dringlichst erwarteten Platten dieser Saison. Seit Monaten kursieren Gerüchte, wie die neuen Songs klingen könnten: tanzbar mit wuchtigen Beats? Oder völlig versponnen, um das große Publikum wieder zu verscheuchen? Alles falsch. Letztlich klingt das zweite XX-Album nicht viel anders als das erste. Es ist nur noch dezenter, noch fragiler, noch gespenstischer geraten. Und weil die Welt kein bisschen besser geworden ist, werden The XX wohl auch für diese Songs ein großes Publikum finden. Romy Madley Croft ist sich immer noch nicht so sicher, ob sie sich weiteren Erfolg wünscht oder eine befreiende Niederlage: "Eigentlich war ich ganz froh, mich in den vergangenen Monaten im Studio verstecken zu können." Oliver Sim nickt.

"Aber solange ich weiterhin ungestört irgendwo ein Bier trinken kann, ist es in Ordnung", sagt sie und ordert noch ein Pint.

The XX: "Coexist" (Young Turks / XL Recordings). Konzert am 4.9., Admiralitätspalast Berlin (Infos: www.creative-talent.de).


KulturSPIEGEL 8/2012
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