30.07.2012

Empfehlungsschreiben

Das neue Jugendbuch von John Green sollte jeder lesen. Und jeder heißt wirklich jeder.
Seit ich begriffen habe, wie viele Bücher jedes Jahr erscheinen, kommt mir das Lesen manchmal vor wie der Besuch eines Stehempfangs, bei dem es unendlich viele Monologe zu hören gibt. Viele dieser Monologe klingen gebildet, die meisten sind unterhaltsam, ein paar ganz schön langweilig, was keinen so großen Unterschied macht, weil man spürt, dass man sie bald wieder vergessen haben wird - bis man doch ganz plötzlich und unerwartet auf einen Seelenverwandten trifft. Beispielsweise das neue Buch von John Green. Es heißt "Das Schicksal ist ein mieser Verräter". In diesem Buch steht der Satz: "Manchmal liest man ein Buch, und es erfüllt einen mit diesem seltsamen Missionstrieb, und du bist überzeugt, dass die kaputte Welt nur geheilt werden kann, wenn alle Menschen dieser Erde dieses eine Buch gelesen haben." Genauso ist es.
Meine Freundin K. weiß sofort, von welchem Gefühl die Rede ist, sie hat aus diesem Missionstrieb heraus sogar schon versehentlich das gleiche Buch mehrfach an dieselbe Person verschenkt. Ich nehme ihr das Versprechen ab, das Buch zu lesen. Genau wie meinem Vater, meinem Bruder, dem Pförtner am Empfang, dem Kollegen zwei Türen weiter, meiner Chefin, meiner besten Freundin, meinem Mitbewohner, dem Sohn eines Arbeitskollegen meines Vaters und meinem Freund M., der gerade verreist und von unterwegs schreibt: "Musste schon zweimal halblaut lachen im Zug. Zum Glück weiß niemand, wovon das Buch handelt. Sonst würde die Dame neben mir mich wahrscheinlich für noch seltsamer halten."
Denn das Buch handelt von sterbenden Jugendlichen. Es handelt von Hazel Grace und ihrem unglaublichen Pech, mit 16 eine Sauerstoffflasche hinter sich herziehen zu müssen (Schilddrüsenkrebs mit Metastasen in den Lungen) und ihrem unglaublichen Glück, Augustus Waters in der Selbsthilfegruppe zu treffen, der eine Beinprothese hat und außerdem eine ähnlich deprimierende Lebenserwartung wie Hazel (Osteosarkom).
Es ist ein Krebsbuch. Niemand, der klar bei Verstand ist, liest gern Krebsbücher. "Krebsbuch? Uärgh …", sagt mein Kollege D., erklärt sich dann aber doch bereit, das Buch zu lesen. "Ich hatte relativ negative Vorstellungen von einem Krebsbuch, ohne je eines gelesen zu haben. Ich stellte es mir ziemlich sentimental bis kitschig vor und dachte, es wird ständig betont, wie tapfer die Krebskinder sind, und so was halt", schreibt mir der Sohn des Arbeitskollegen meines Vaters. Und sogar Hazel Grace selber findet: "Krebsbücher sind doof", was in diesem Fall besonders ungünstig ist, weil sie selbst ja nur als Erzählerin eines Krebsbuches existiert.
Dieses aber ist ein besonderes Krebsbuch. Vor allem, weil die Figur der Hazel Grace so angenehm intelligent ist und ironisch. Und so komisch, dass mein Vater sagt, je länger er in dem Buch gelesen habe, umso dringender wolle er mit ihr und Augustus Waters befreundet sein und mit dabei sein, als die beiden nach Amsterdam fliegen, um ihren Lieblingsschriftsteller zu treffen und im Keller Videospiele mit Isaac spielen, den der Krebs blind macht (Augenkrebs). Es ist ein wahnsinnig schönes Buch, ohne irgendetwas zu beschönigen. Und das verdankt es seinen Protagonisten. "Sie machen Witze über ihre Krankheit, sind aber auch verzweifelt, traurig und deprimiert. Ich glaube, wenn ich Krebs hätte, wäre ich so", schreibt J., der Sohn des Arbeitskollegen meines Vaters.
J. ist der einzige echte Jugendliche in meinem Umfeld, und ausgerechnet er mag noch nicht einmal Jugendbücher (vor allem solche nicht, in denen irgendwelche Teens die Liebe ihres Lebens finden, schreibt er). Und dies ist ein Jugendbuch. Genau genommen eines für 16-jährige Mädchen, wie der Pförtner am Empfang sagt, der selbst ein Mann Mitte vierzig ist, aber natürlich auch einmal vor vielen Jahren ein Teenager war, wie er sagt. Es ist aber ein Jugendbuch jener Sorte, die auch Erwachsene lesen können und vielleicht sollten.
Einmal erkundigt sich meine Chefin auf dem Flur besorgt, ob sie eigentlich die Einzige sei, die auf jeder Seite mit den Tränen kämpfen müsse. Aber das ist eine unrealistische Sorge. Ein ziemlich berühmter Literaturkritiker des amerikanischen "Time Magazine" gestand in seiner Kritik: "Dieser übersättigte Kritiker hat schon seit Jahren keine Träne mehr über einem Roman vergossen, doch bei diesem Buch, das gebe ich zu, habe ich geweint."
Und selbst meine coole Freundin K., die betont, sterbende Kinder seien per se noch kein Grund zur Tragik, gibt zu: "In der Mitte des Buches war ich mal gerührt."
Das einzig Schlechte an dem Buch, findet mein Freund M., sei, dass der Autor so doof sei: erst 33 Jahre alt, vier Bücher, fertig studiert und kann von seinem Video-Blog leben. Aber M. schaut auch nicht mehr so gern Fußball, seit die Spieler jünger sind als er. Green hat jeden Preis, den es für Jugendliteratur gibt, längst gewonnen oder zumindest verdient. Er wird von Kritikern schon seit seinem ersten Buch ("Eine wie Alaska") mit John Updike und Philip Roth verglichen. Und "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" wird als künftiger Klassiker gehandelt. Im Januar ist es in den USA herausgekommen, seitdem steht es unter den ersten zehn der Jugendbuchbestsellerliste der "New York Times".
Die Kritiker sind so begeistert, dass meine beste Freundin enttäuscht ist - obwohl ihr das Buch auch gefällt. Aber sie ist eh genervt von Superlativen im Journalismus und wird deshalb den letzten Satz nicht mögen: Es gibt zurzeit kein bewegenderes Buch.
John Green: "Das Schicksal ist ein mieser Verräter". Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz. Hanser; 288 Seiten; 16,90 Euro.
Von Maren Keller

KulturSPIEGEL 8/2012
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