30.07.2012

Der Sänger Harry Belafonte, 85, über Rassismus, Wut und Martin Luther King

Mit 17 hat man noch Träume
KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Harry Belafonte: Sehr gut. Ich bin in Harlem aufgewachsen, war ein zerrissener, wütender junger Mann und habe mir verzweifelt gewünscht, der Armut und Gewalt, der Unterdrückung und dem Rassismus, die mein Leben bestimmten, zu entkommen. Ich habe von einem anderen Leben geträumt, wusste aber nicht, wie und wo ich es finden konnte. Mit 16 habe ich deshalb die Schule verlassen und mich freiwillig für den Militärdienst gemeldet, in Europa tobte der Zweite Weltkrieg, ich wollte an die Front.
Beim US-Militär gab es keinen Rassismus?
Im Gegenteil, er war vor allem besser organisiert. Ich musste den Befehlen von brutalen Rassisten Folge leisten, eine schreckliche Erfahrung. Ich kam zur Navy, wurde aber nicht an die Front geschickt, sondern dazu eingeteilt, scharfe Munition auf Kriegsschiffe zu verladen. Eine schwere, stumpfsinnige Arbeit, zu der bevorzugt schwarze Soldaten abgestellt wurden. Viele kamen um, weil die Munition beim Verladen explodierte.
Wo haben Sie Ihren Sehnsuchtsort gefunden?
Am Theater. Nachdem ich die Navy mit 19 verlassen hatte, verbittert, voller Wut und ohne Qualifikation und Perspektive, arbeitete ich als Gehilfe eines Hausmeisters in einem Apartmentgebäude. Als Trinkgeld für Reparaturarbeiten bekam ich Karten für ein schwarzes Theater in Harlem. Mein erster Theaterbesuch war überwältigend, eine Offenbarung. Ich wusste vom ersten Moment an - dies ist der Ort, an dem ich leben möchte.
Was hat Sie am Theater so fasziniert?
Die Magie der Worte, die auf der Bühne zum Leben erweckt wurden und Menschen zu inspirieren vermochten. Noch wichtiger war, dass ich in Gesprächen und der Arbeit all das, was mich als junger Mensch gequält hatte - Armut und Gewalt, soziale Ungerechtigkeit und Rassismus - thematisieren konnte. Vor allem, als ich an der Schauspielschule von Erwin Piscator studierte, wo meine Klassenkameraden Marlon Brando, Walter Matthau und Tony Curtis waren. Professor Piscator war leidenschaftlicher Verfechter des sozialen Theaters. Wir wurden nicht zu Unterhaltern oder Eskapisten ausgebildet, er gab uns eine Vision.
Als Sänger sind Sie zu Geld und Ruhm gekommen. Hat Sie das verändert?
Ja, tiefgreifend. Die Möglichkeiten, die mir das Geld und die Macht der Popularität verliehen, waren unglaublich, eine große Versuchung. Zu meinem großen Glück lernte ich durch das Beispiel von Mentoren und Menschen, die ich bewunderte, dass es sinnvoller und befriedigender ist, mich, meine Leidenschaft, mein Geld und meinen Einfluss für soziale Gerechtigkeit, die Bürgerrechtsbewegung und deren gewaltfreien Kampf gegen Unterdrückung einzusetzen, als Drogen zu nehmen und Autos zu sammeln.
Wer hat Sie besonders geprägt?
Eleanor Roosevelt und Martin Luther King. Die Gattin des ehemaligen Präsidenten habe ich kennengelernt, als sie gerade an der Ausformulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte arbeitete. Sie hat mich eingeladen, mit ihr für die Armen und Unterdrückten zu kämpfen. Durch sie habe ich zahlreiche spätere Freunde und Weggefährten kennengelernt. Dr. King hat meinen Blick auf die Welt nachhaltig geprägt. Er war anders als ich, nicht trotzig und böse auf die Welt. Er hat mir klargemacht, dass es einen anderen, einen gewaltfreien Weg gibt; dass man Menschen für positive Ideen gewinnen und begeistern kann. Ein großer Kontrast zu der Welt, in der ich aufgewachsen war.
Was würde der wütende junge Mann über den Harry Belafonte von heute denken?
Er hätte es nicht glauben können. Ehrlich gesagt, ist es für mich ein Mysterium geblieben, dass mein Leben so verlaufen ist.
Harry Belafonte: "My Song: Die Autobiographie". Aus dem amerikanischen Englisch von Kristian Lutze, Silvia Morawetz und Werner Schmitz. Kiepenheuer & Witsch; 656 Seiten; 24,99 Euro.
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 27. August 2012.
Von Jörg Böckem

KulturSPIEGEL 8/2012
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