27.08.2012

Ein Herz für Untote

Die Zombies hat Milla Jovovich im Griff, die Kritiker nicht. Sie hassen die Horrorfilmreihe „Resident Evil“. Weil sie nicht verstehen, worum es wirklich geht. Zeit für eine Liebeserklärung.
Wenn Milla Jovovich jemandem den Kopf verdreht, dann nur, um ihm das Genick zu brechen. Sie ist nicht die Sorte Frau, die in Zeiten der Apokalypse in der Ecke steht und darauf wartet, dass ein Ritter vorbeikommt und ihr den Weg zum Happy End freischießt. Sie schießt selbst. Oder tritt und schlägt und hackt. Sie tut, was getan werden muss, im Dienste der Menschheit. Milla Jovovich ist meine Heldin.
Es kann sein, dass Jovovich im wahren Leben etwas sensibler und weniger gewaltbereit ist (wahrscheinlich nicht), aber hier geht es nicht um das wahre Leben, hier geht es um "Resident Evil". In seiner Urform war "Resident Evil" mal ein sehr erfolgreiches japanisches Videospiel, in dem die Spieler als Elitepolizist oder -polizistin gegen einen Armee von Zombies antraten, die der niederträchtige Konzern "Umbrella Corporation" als neue Biowaffe auf die Menschheit losgelassen hat. Es folgten mehrere Fortsetzungen, Comic-Bücher, eine Romanserie und vor allem: die Filme.
Fünf Stück gibt es davon mittlerweile. Der erste kam 2002 in die Kinos, Regie: Paul W. S. Anderson, produziert von Bernd Eichinger. Milla Jovovich, ehemaliges Model aus der Ukraine, spielt darin die Umbrella-Security-Angestellte Alice, die im unterirdischen Forschungstrakt des Konzerns den ersten Ausbruch der Zombie-Plage eindämmen muss, gemeinsam mit einer schwerbewaffneten Eliteeinheit. Wie bei Horrorfilmen meistens und bei Videospielverfilmungen sowieso, hasste die große Mehrheit der Kritiker den Film mit intensiver Leidenschaft. Der "Hollywood Reporter" fand ihn "auf lachhafte Weise unerträglich".
Im zweiten Teil "Resident Evil: Apocalypse" von 2004, Regie: Alexander Witt, versucht Alice mit einer Gruppe von Überlebenden aus der mittlerweile komplett infizierten und abgeriegelten Stadt Raccoon City zu fliehen und nebenbei so viele Untote wie möglich aus dem Weg zu räumen. Aber wieder blieb ihrem Einsatz der Respekt verwehrt. Im Gegenteil: "Katastrophal uninspiriert" meinte zum Beispiel "Variety".
Auch mit Russel Mulcahys drittem Teil "Extinction" - "etwa so interessant wie jemanden beim X-Box-Spielen zuzuschauen" ("New York Post") - wurde es nicht besser. Mit dem wieder von Anderson gedrehten vierten Teil "Afterlife" - "ein Film mit einem unstillbaren Hunger auf die Gehirnzellen der Zuschauer" ("Entertainment Weekly") - eher noch schlimmer. Der fünfte Teil "Retribution", der am 20. September in die Kinos kommt, wird der Presse vorab gar nicht erst gezeigt.
Die meisten Kritiker sehen in der "Resident Evil"-Reihe eine seelenlose, billige Gewaltorgie, mit der anspruchslosen Teenagern das Geld aus der Tasche gezogen werden soll. Ich halte das für ein großes Missverständnis. Ich bin auch Filmkritiker, aber ich liebe alle bisherigen "Resident Evil"-Filme, und ich freue mich auf den neuen. Nicht wegen subtiler Charakterzeichnungen, raffinierter Dramaturgie oder Oscar-würdiger Schauspieler. All das gibt es in "Resident Evil" nicht und wird es nie geben.
Und warum sollte es auch? Niemand will sehen, wie Milla Jovovich erst mal über ihre Gefühle redet, bevor sie die Axt rausholt. Wer schon die Spiele geliebt hat (so wie ich), freute sich darüber, dass der erste Teil die pixelige Umbrella-Villa in ein prächtiges, finsteres Anwesen mit angeschlossenem Geheimlabor verwandelt hat; dass die von allen Fans gefürchteten, aber insgeheim geliebten Zombie-Hunde, blitzschnelle und blutverschmierte Dobermänner, im Film noch schneller und furchterregender waren als im Spiel; dass die Action-Sequenzen im Gegensatz zu den meisten Hollywood-Großproduktionen ohne hysterische Schnitte auskamen, so dass man auch tatsächlich sehen konnte, was geschah. Ich liebe "Resident Evil", weil es seine Fans liebt.
Keiner der Filme war je ein klassischer Blockbuster, aber jeder hat stets etwas mehr Geld eingespielt als der vorige. Etwa 100 Millionen Dollar weltweit der erste Teil, rund 130 Millionen die Fortsetzung, dann knapp 150 Millionen, zuletzt sogar fast 300 Millionen.
Das schafft man nicht mit einer seelenlosen, billigen Gewaltorgie. Kein Kritiker würdigt je die vielen, kleinen Anspielungen auf Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" im ersten Teil, vom Namen der Hauptfigur bis zu dem des Hauptgegners: die "Red Queen", das Umbrella-Computersystem, tötet ihre Opfer per Laser oder mit schließenden Fahrstuhltüren nach dem Motto von Carrolls verrückter Herzkönigin: "Weg mit ihrem Kopf!"
Entgegen des Feuilletonisten-Vorurteils werden die Filme nicht einfach hingerotzt. Der Starkritiker Roger Ebert von der "Chicago Sun-Times" beschrieb den zweiten Teil als "Film ohne Interesse, Witz oder Phantasie". Ich finde, allein die Szene, in der Alice mit dem Motorrad durch ein Kathedralenfenster rast und im Flug einem Zombie mit dem Hinterrad den Kopf abfährt, hat mehr Witz und Phantasie als die Hälfte der diesjährigen Oscar-Nominierten. Die Attacke der Zombie-Krähen aus dem dritten Teil ist nicht nur eine nette Hitchcock-Verbeugung, sondern auch ein Lehrstück, wie man langsam wachsenden Grusel in spektakuläre Action verwandelt.
Doch das Großartigste an "Resident Evil" ist natürlich seine Heldin. Seit Sigourney Weavers Interpretation der Ellen Ripley in den "Alien"-Filmen gab es wahrscheinlich keine glaubwürdigere, coolere Action-Heldin als Alice in Gestalt von Milla Jovovich. Den "Resident Evil"-Filmen wird manchmal Sexismus vorgeworfen, weil Alice ihre Kämpfe fast immer in eng anliegenden und sehr kurzen Outfits (im dritten Teil sogar in Strapsen) bestreitet. Doch keiner der männlichen Co-Charaktere würde es je wagen, dazu einen anzüglichen Kommentar abzugeben oder auch nur einen lüsternen Blick zu riskieren. Weil er weiß, dass er dann sehr bald tot wäre. Alice kokettiert mit ihrer Sexualität, ist aber nie Sexobjekt. Sie ist die Ikone all jener, die seit vergangenem Jahr auf den weltweiten "Slutwalks" dafür demonstrieren, dass wenig Kleidung keine Einladung zur Vergewaltigung ist.
Milla Jovovich ist vielleicht nicht die subtilste, facettenreichste Schauspielerin der Welt, aber sie ist eine der kompromisslosesten. In den vergangenen zehn Jahren hat sie aus einem Charakter, der seinen Ursprung als Pixelansammlung auf einem Computerbildschirm hatte, eine Art Mythos gemacht: die unbezwingbare Alice, die sich von niemandem kontrollieren lässt, so sehr es der Umbrella-Konzern immer wieder versucht. Mit den Jahren ist sie melancholischer geworden, traurig angesichts einer sterbenden Welt. Aber sie wird immer mit unerbittlichem Einsatz für die letzten Überlebenden kämpfen.
Wer kein Interesse an Zombies und Horrorfilmen hat, wird sich wahrscheinlich auch nicht von Milla Jovovich bekehren lassen (aber vielleicht). "Resident Evil" kann unrealistisch sein, albern und ungelenk. Doch etwas mehr Respekt haben diese Filme verdient. Es mag sein, dass die meisten Zuschauer sie sich nur deshalb ansehen, um Jovovich dabei zu beobachten, wie sie immer neue unterhaltsame Wege findet, Untote auszuschalten. Aber es gibt auch eine Menge Leute, die "Der Weiße Hai" lieben, weil der das Gleiche mit Badegästen tut. Nur dass es dafür drei Oscars gab.
"Resident Evil" hat vielleicht mehr Herz als Kopf. Aber Köpfe sind in der Welt von Milla Jovovich ohnehin nur dann gut, wenn sie ab sind.
"Resident Evil: Retribution". Regie. Paul W. S. Anderson. Mit Milla Jovovich. Start: 20.9.
Zombiejägerin Jovovich in "Resident Evil", Teile II-V: "Apocalypse" (3), "Extinction" (4), "Afterlife" (2), "Retribution" (1)
Von Daniel Sander

KulturSPIEGEL 9/2012
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