24.11.1997

Forced Entertainment

Wahrheit und Lüge, Wünsche und Alpträume, Original und Kopie - die Briten machen das Theater zum Erinnerungskatalog ihrer Generation.
Das Schicksal wird von einem Stück Karton bestimmt, das jemand mit Filzstift bekritzelt hat. "A good cop in a bad film" steht auf dem Schild, das die Frau in dem häßlichen Trainingsanzug hektisch in die Höhe reißt; an den Kleiderständern entlang der zwei Wände lehnen noch andere Papptafeln: "A stewardess forgetting her divorce", "Lost Lisa", "A bloke who's just been shot" oder "Elvis Presley the dead singer". Für den Zirkus, der Leben heißt, muß man sich ständig neu kostümieren - und die fünf gehetzten Gestalten auf der Bühne wechseln die Posen im Minutentakt. Wer kann da noch sagen, was wahr ist und was Lüge? Anderes Schild, andere Verkleidung, andere Geschichte: die Neuerfindung des Ich im Geist der Drag Queen.
"12 a.m.: Awake and Looking Down" nennen die Leute von "Forced Entertainment" diese fünfstündige Performance, mit der sie gerade in Berlin zu Gast waren. Überhaupt haben die sechs Briten Sinn für schöne, rätselhafte Namen: "Ground Plans for Paradise" heißt ein Stück, ein anderes, mit dem sie nun in Hamburg zu sehen sein werden, "Speak Bitterness" - ein Titel, der auf die erzwungenen Geständnisse während der chinesischen Kulturrevolution verweist. Sieben Akteure im grauen Alltagsoutfit sitzen an einem langen Tisch (Szenenfoto mit Terry O'Connor), Auge in Auge mit dem Publikum, und starten einen Selbstbezichtigungs-Sturzbach: Schauprozeß einer erwachsenen Jugend, die sich fürs Unglück in der Liebe genauso schuldig fühlt wie für Verbrechen im Fernsehformat. Sehr bald entwickeln die wie willkürlich abgelesenen Geständnisse ihren Sog: "Wir haben gelogen, als es leichter gewesen wäre, die Wahrheit zu sagen. Wir haben uns zu sehr geliebt. Wir dachten, alles wäre nur ein Film."
Dieses "Wir" segelt leicht durch den schwach erleuchteten Zuschauerraum - denn der wie in Trance assoziierte Text von "Speak Bitterness" ist der gemeinsame Erinnerungskatalog einer Generation, die unter dem Kainsmal des ermordeten Kennedy aufwuchs und die in den achtziger Jahren unter der Bleischwere der Konservativen denken lernte.
Damals, 1984, zog die kleine Gruppe, die sich an der Universität von Exeter zusammengefunden hatte, in die Industriestadt Sheffield; weil es im Norden, erklärt der Regisseur und Vordenker des Kunstkollektivs Tim Etchells, 35, anders als in London noch "Widerstandsgeist" gab. Dort arbeiten sie bis heute im Ensemble an ihren Theaterperformances, Installationen, Film- und Fotoprojekten. Allerdings nur noch vier Monate im Jahr; den Rest des Jahres bereisen sie England und die Welt. Wo sie ganz zu Recht gefeiert werden.
Georg Diez
"Speak Bitterness", vom 27. bis 29.11. in Hamburg auf Kampnagel, Tel. 040/27 09 49 49.
Von Georg Diez

KulturSPIEGEL 12/1997
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