24.09.2012

Auf Lesereise

Lesen ist Reisen im Kopf, und die fernsten Welten erreicht man nur per Buch. Aus den Neuerscheinungen des Herbstes haben wir die spannendsten Trips, die schönsten Sehenswürdigkeiten und die interessantesten Bildungsreisen ausgesucht und mit alten Postkarten illustriert. Gute Fahrt!

Ein russischer Salon, Paris

Wo jede Heimkehr ein Aufbruch ist

Wenn dieser phantastische, kluge, präzise und so aufregend und dabei auf gelassene Art moderne Roman eine Reise ist, dann führt sie in die russische Steppe, wo der Tod wartet, zu einem Boxkampf in Paris, wo die Liebe wartet, in den Salon von Jelena Nikolajewna, wo die Zeit stillsteht, und in ein Restaurant, das überall sein könnte und ein wenig wirkt wie das Wartezimmer des Schicksals, wo man auf seinen schlimmsten Feind trifft, sich selbst. Die Reise, mit anderen Worten, zu der Gaito Gasdanow uns mitnimmt, ist die einzige, die sich wirklich lohnt: weil das Leben, wie dieser sich so philosophisch entblätternde Roman wieder und wieder vorführt, eben doch vor allem das ist, was sich in unserem Kopf abspielt. Dabei ist die Geschichte so schön und konkret, so klar und männlich, wie überhaupt nur eine Geschichte sein kann: Sie beginnt im Krieg und mit einem Schuss, sie handelt von dieser Frau, die alle Frauen ist und keine, sie endet mit - endet sie wirklich? Romane enden vielleicht, normale Ich-erzähle-euch-eine-Geschichte-Romane. Aber Reisen sind nie vorbei, jede Heimkehr ist im Grunde nur der Anfang einer neuen Reise. Da muss man kein Exilant sein wie Gaito Gasdanow, der gegen die Bolschewiken kämpfte und in den Wirren der Russischen Revolution 1920 sein Land verließ, der arm war und schrieb und schrieb, weil er es konnte, weil er musste, und der 1971 starb, im Alter von 67 Jahren, ausgerechnet in München, wo er schließlich einen anständigen Job gefunden hatte, bei Radio Free Europe. Es gibt Leute, die vergleichen ihn mit Nabokov, aber wem nützt so ein Vergleich schon etwas. Sagen wir es einfach direkt: "Das Phantom des Alexander Wolf" ist ein Roman, der das Zeug hat, Ihr Leben zu verändern. Wenn Sie bereit sind für diese Reise. GEORG DIEZ

Ein Badeort, Ostsee

Wo ein Kind misshandelt wird

Wenn man eine Postkarte schreiben würde aus diesem Dorf an der Ostsee, dann würde man von den Strandkörben schwärmen, vom Geruch des Seetangs, von dem Steg, an dem im Sommer die Dampfer anlegen. Aber die Geschichte, die Corinna Sievers aus dem Dorf erzählt, ist so schneidend und klar wie Wintertage am Meer: Ute ist entstellt von einer Hasenscharte, und als mache sie dieser Makel zu einem wertlosen Menschen, wird sie vom ersten Tag ihres Lebens an traktiert und missbraucht, von ihrer dumpfen alkoholkranken Mutter, ihrer unglücklichen Schwester und von ihrem Stiefvater, der nur "Onkel" genannt wird. Nirgendwo findet sie Halt, niemand steht Ute bei, und so schlägt jede nächtliche Vergewaltigung, jede Hänselei eine weitere Delle in ihre Seele, bis diese völlig deformiert ist. Basierend auf der deprimierenden Lebensgeschichte einer Mitschülerin beschreibt die Ärztin und Schriftstellerin Corinna Sievers, 47, in reduzierten und umso bewegenderen Sätzen, dass nicht die Lippen-Gaumenspalte eine Missbildung ist, sondern die sozial verkrüppelte Dorfgemeinschaft.

Am Grab, Moskau

Wo ein Leben fünfmal endet

Geschichten, bei denen man schon weiß, wie sie ausgehen, sind öde. Normalerweise. Der Roman "Aller Tage Abend" ist großartig, obwohl man nicht zur letzten Seite blättern muss, um das Ende zu erfahren, es reicht, den ersten Satz zu lesen: ",Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen', hatte die Großmutter am Rande der Grube zu ihr gesagt." Jenny Erpenbeck nimmt dem Sterben alle Zeit und gibt dem Leben zugleich mehrere Versuche: In fünf Bücher gliedert sich ihr Roman, und in jedem Buch wird eine neue Phase gelebt, immer bis zum Tod. Zu Beginn ist es ein Kind, acht Monate alt, das in einer galizischen Stadt stirbt; dann eine 18-Jährige in Wien 1919; eine Kommunistin, 37, in Moskau; eine hochgeehrte Schriftstellerin, 60, in Ost-Berlin; und zum Schluss, kurz nach der Wende, eine alte Dame, 90, in einem Pflegeheim. Es ist ein Spiel mit dem "Was wäre, wenn"-Gedanken. Der Roman dekliniert das Leben im Konjunktiv durch. Es steckt viel Poesie darin, aber kein Pathos; großes dramaturgisches Geschick und die dichterische Gewissheit, dass man nur ein Detail verändern muss, damit alles ganz anders wird. SONJA HARTWIG

Bonn, Westdeutschland

Wo die Leere wohnt

Hartmut Hainbach ist Professor für Philosophie in Bonn, bald wird er 60 werden, und sein Leben ist verlaufen, wie er sich das gewünscht hat. Er hat Maria geheiratet, seine große Liebe, sie haben eine Tochter großgezogen, die mittlerweile in einer anderen Stadt studiert. Die Unzufriedenheit, die sich in sein Leben geschlichen hat, erschüttert ihn umso stärker, weil doch alles so ist, wie er es sich für sein Leben erträumt hatte, er, der Junge, der in einem Haushalt ohne Bücher aufwuchs und heute Professor ist. Da liegt es erst mal nahe, Maria die Schuld zu geben, die zwei Jahre zuvor beschlossen hatte, einen Job in Berlin anzunehmen, weshalb Hartmut und sie nun eine Wochenend-Ehe führen. Das Haus in Bonn ist jeden Abend unbeleuchtet, wenn Hartmut nach Hause kommt. Auch deshalb erklärt er sich bereit, ein Jobangebot in Berlin genauer in Betracht zu ziehen; er könnte Lektor für Sachbücher werden; er müsste dafür seine Professur aufgeben; er könnte, er müsste von Bonn nach Berlin ziehen. Ihm bleiben zwei Wochen, um sich zu entscheiden.

Der zweite Roman des Schriftstellers Stefan Thome ist ein Reiseroman geworden, denn sein Protagonist Hartmut beschließt, diese zwei Entscheidungswochen nicht einfach im gewohnten Trott in Bonn zu verbringen, stattdessen fährt er nach Paris, um dort seine erste große Liebe Sandrine zu treffen. Von Paris macht er sich auf den Weg nach Südfrankreich, wo ein ehemaliger Kollege von ihm lebt, der seine Stelle als Juniorprofessor hingeschmissen hatte, und dort nun eine Bar betreibt. In Spanien schließlich trifft Hartmut seine Tochter Philippa und erfährt von ihr einiges über seine Familie, das er nicht wissen wollte, obwohl er es hätte wissen können. Wie viel Ignoranz ist nötig, um das eigene Leben als glücklich zu empfinden? Stephan Thome, der erst 40 Jahre alt ist, erweist sich auch in seinem zweiten Roman (der erste heißt "Grenzgang" und war 2009 wie jetzt "Fliehkräfte" für den deutschen Buchpreis nominiert) als großer Experte für die Lebenskrisen von Menschen, die in ihrem Leben alles gut hinbekommen wollten und irgendwann nur noch eine seltsame Leere spüren. Davon erzählt Thome in lebhaften Dialogen und mit einer geschickten Dramaturgie - Hartmuts Reise wird immer wieder unterbrochen von Rückblenden auf sein bisheriges Leben -, so dass "Fliehkräfte" beim Lesen einen Sog entwickelt.

Am Ende des Romans sagt Hartmut zu seiner Frau: "Unser Leben ist nur die Parodie unserer Träume." Ist das so? Klug reicht dieser Roman Hartmuts Feststellung als Frage an den Leser weiter. Und wenn es so wäre, ist das ein Grund zu verzweifeln? Oder vielleicht eher zu großer Heiterkeit? Beides scheint bei Thome möglich. CLAUDIA VOIGT

Auf der Nebenstraße, Phoenix

Wo ein Mann vor Auftragskillern flieht

Als ihn die Vergangenheit erwischt, ist der Mann, den alle Driver nennen, zu Fuß unterwegs. An einem heißen Samstagmorgen, auf einer staubigen Nebenstraße in Phoenix, Arizona. Bald liegen zwei tote Männer auf der Straße, eine Frau lehnt an einer Hauswand und verblutet. Die drei Leichen werden nicht die einzigen bleiben. James Sallis' rasant-lakonischer Noir-Thriller "Driver" um den namenlosen Stunt-Fahrer in Hollywood, der im Nebenberuf Fluchtwagen bei Überfällen steuert, wurde im vergangenen Jahr mit Ryan Gosling in der Hauptrolle kongenial verfilmt von Nicolas Winding Refn; die Fortsetzung springt nun sechs Jahre in die Zukunft. Driver ist abgetaucht in die vermeintliche Sicherheit und Anonymität. Als Paul West hat er eine Autowerkstatt aufgebaut, gemeinsam mit seiner Freundin Elsa bewohnt er ein Haus in Phoenix. Aber schon nach der ersten Seite ist all das Geschichte, Elsa ist tot, Paul West hört auf zu existieren, und Driver wird von Auftragskillern gejagt. Überleben ist nur möglich, wenn er in Bewegung bleibt. "Aber früher oder später musste man anhalten und aussteigen", sagt Driver. Am Ende jeder Straße scheint der Tod zu warten. Und Fragen, auf die er keine Antworten findet.

James Sallis, 68, versteht es auch in "Driven", wie der Roman im amerikanischen Original treffender heißt, Kinetik in Literatur zu übertragen. Kurze Kapitel, scharfe Schnitte und Sprünge lassen den Leser ebenso wenig zur Ruhe kommen wie den Protagonisten. Blut, Gewalt und Tod sind immer Folge und Reaktion, nie Dekoration. Driver ist zudem tief im US-amerikanischen Mythos des einsamen, ausgestoßenen Helden verwurzelt, im Western, Pulp und Noir-Crime, ohne sich von deren Konventionen fesseln zu lassen. Sprache, erklärt Hobbymusiker Sallis, ist Rhythmus, in "Driver 2" folgt sie den Atemzügen, dem Pulsieren des Blutes, das aus einer Wunde quillt, dem Motorengeräusch. Darüber hinaus gelingt es dem Autor, der vor seiner Schriftstellerkarriere als Atemtherapeut für Frühgeborene in einem Krankenhaus viel über Schmerz und Tod gelernt hat, wie nebenbei mit lässiger Eleganz die großen Fragen des Lebens zu streifen.

Driver ist ein Außenseiter, einer, der in Einkaufszentren die Menschen beobachtet wie Fische in einem Aquarium, der ihren Gesprächen zuhört. Ohne ihre Entscheidungen und Motive zu verstehen und damit auch sich selbst wirklich näherzukommen. "Unsere Augen prallen an den Oberflächen ab", heißt es am Ende. "Wir können weder weit noch tief sehen. Wir treffen Entscheidungen aufgrund des jämmerlichen Bisschens, das wir wissen, darüber, wer wir sind, und das gibt uns Stabilität." Ein Buch, von dem der Kritiker Denis Scheck zu Recht sagte, es wirke, als hätten es Dashiell Hammett und Albert Camus gemeinsam geschrieben. JÖRG BÖCKEM

Sehenswürdigkeiten Die schönsten Bildbände und Comics

Ralf Grauel und Jan Schwochow (Hg.): "Deutschland verstehen. Ein Lese-, Lern- und Anschaubuch". Gestalten; 244 Seiten; 29,90 Euro.

Wenn das Wissen der Welt genug davon hat, spröde zu sein, sondern stattdessen schön und anschaulich sein will, dann wird es zur Infografik. Und wenn sich die schönsten Infografiken dann zusammentun, kann daraus ein Buch wie dieses entstehen. Ralf Grauel und Jan Schwochow haben eigene und publizierte Infografiken zusammengetragen über das, was die Deutschen lieben (Fußball zum Beispiel), was sie fürchten (den Islam und die Atomkraft), was sie essen (weniger Kartoffeln als früher). Es gibt in diesem Buch ein Organigramm des Hannoverschen Klüngels, und man kann auf einen Blick sehen, wie die Mitglieder der Aufsichtsräte miteinander verflochten sind. Viel Wissen war schon immer gut, aber es sah noch nie so gut aus.

Frank Jacobs: "Seltsame Karten. Ein Atlas kartographischer Kuriositäten". Aus dem Englischen von Matthias Müller. Liebeskind; 128 S.; 29,80 Euro.

Atlanten sind dröge. Sicher, die Abbildungen taugen als Orientierungshilfen, doch sie bieten kein Futter für die Phantasie. Dass Karten viel mehr sein können, beweist Frank Jacobs in seinem "Atlas kartographischer Kuriositäten", der aus seinem Internetblog "strange maps" entstanden ist. Darin gibt es Karten, bei denen die Phantasie, die Spekulation, die Propaganda, politisches Kalkül, die Hoffnung, bloße Irrtümer, Launen der Natur oder schlicht die Literatur die Feder geführt haben. Sie zeigen den Nordpol als magnetische Felsen, ein visionäres weltumspannendes U-Bahn-Netz, das London mit Kairo und Melbourne verbindet; bilden das Land Oz ab und vermitteln einen Eindruck davon, wie sich die Schriftstellerin Madeleine de Scudéry im 17. Jahrhundert ein Land der zärtlichen Gefühle vorstellte. Ein Atlas, mit dem wir uns hoffnungslos verirren würden in der Welt, der uns aber einlädt, Orte zu besuchen, die es so nie gegeben hat.

Christoph Steinbrener / Thomas Mießgang: "Der phantastische Phallus. Die unglaubliche Geschichte von Wendelin Rentzsch-Tetzlaff und seiner Sammlung herausragender Avant- garde-Kunst". Rogner & Bernhard; 96 Seiten; 14,95 Euro.

Ein Penis besteht nur aus Mondrianschen Rechtecken, ein anderer zerfließt surreal auf dem Boden nach bester Dalí-Manier, ein dritter ist mit Kristallen besetzt wie der berühmte Totenkopf von Damien Hirst. In diesem Buch sind sehr viele Penisse zu sehen, und sie alle sehen so aus, als hätten die wichtigsten Künstler der Avantgarde sie gemalt (oder eingewickelt oder getöpfert). Das Buch behauptet, sie stammten aus der Kunstsammlung Rentsch-Tetzlaff, die nach langer Zeit durch Zufall wiedergefunden worden sei, als ein betrunkener Obdachloser in ein leerstehendes Gebäude einbrach. Das stimmt natürlich nicht, einen Wendelin Rentzsch-Tetzlaff hat es ebenso wenig gegeben wie jedes der hier gezeigten Kunstwerke, und genau das macht aus dem Buch eine Kunst für sich und ein Lehrbuch darüber, wie Kunst funktioniert. Endlich Kunst, bei deren Anblick man auch mal "hihi" sagen kann, statt immer nur "aha".

Abel Lanzac / Christophe Blain: "Quai d'Orsay: Hinter den Kulissen der Macht". Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt; 200 Seiten; 36 Euro.

Die Franzosen können sich glücklich schätzen. Sie haben nicht nur eine hochwertige Comic-Tradition, ihre Politiker taugen sogar als unterhaltsame Vorlagen. In "Quai d'Orsay", so lautet die Adresse des französischen Außenministeriums, erzählt Abel Lanzac, kongenial illustriert von Christophe Blain, die Geschichte von Arthur Vlaminck, der als Redenschreiber des französischen Außenministers Alexandre Taillard de Vorms anheuert. Der Minister, unverkennbar angelehnt an Dominique de Villepin, ist ein wild gestikulierender, sprunghafter Derwisch, gleichermaßen charismatisch und überzeugend wie eitel bis zur Selbstbesoffenheit. Einer, der mit wild wuchernden Ideen ständig Überarbeitungen fordert, umgeben von katzbuckelnden Beratern, deren Standpunkte wechseln wie die sprichwörtliche Fahne im Wind. Autor Lanzac, der in Wahrheit anders heißt, ist tatsächlich ein französischer Diplomat und ehemaliger Berater Villepins. Er beschreibt die Welt der Diplomatie als absurdes Tollhaus, in dem blankgeputzte Schuhe oft wichtiger sind als Argumente und Verarschung als Form der Liebkosung gilt.

JÖRG BÖCKEM / MAREN KELLER

Konzernzentrale, Deutsche Provinz

Wo mächtige Männer Wallstreet spielen

Es gibt einen Augenblick der poetologischen Selbsterkenntnis in diesem Buch auf Seite 126, und der geht so: „Das waren ja alles die allerabgedroschensten Plattitüden, die Holtrop hier erzählt hatte, überall zusammengelesenes, letztlich nur nachgeplappertes Zeug.“ Der Schriftsteller Rainald Goetz hat einen großangelegten deutschen Wirtschaftsroman geschrieben unter dem Titel „Johann Holtrop“, genauso heißt auch der Held des Buchs. In dem wird erzählt, was man sich als wacher Mediennutzer so zusammenreimen kann über die bekannten Managerheinis der deutschen Wirtschaftswelt zwischen 1998 und 2010, über Thomas Middelhoff, Matthias Döpfner und meinetwegen auch Josef Ackermann.

Der Roman "Johann Holtrop" handelt von mächtigen Männern, die "Sehnsucht nach Tiefgang" haben und nach "großen Fragen", die ihnen dann aber leider keiner stellt. Sie sich selbst auch nicht. Ansonsten hat dieser Roman praktisch keine Handlung: Herr Holtrop leitet einen Medienmischkonzern mit Hauptsitz in einem ostdeutschen Provinzkaff, er wirft Leute raus und wird rausgeworfen, er herrscht also und stürzt und herrscht dann noch woanders, er sülzt Journalistinnen voll und "ringt" Aufsichtsratsvorsitzende "nieder".

Es ist ein brutal seltsames Buch. Der früher in München, seit den neunziger Jahren in Berlin schreibende Schriftsteller Goetz, 58, hat mit Büchern wie "Irre", "Hirn", "Kontrolliert", "Rave" und "Abfall für alle" zwar kein großes Publikum erreicht, aber er ist dank dieser Bücher der anerkannt sprachmächtigste, einflussreichste, top aufgestellte Realist der deutschen Gegenwartsliteratur. Jetzt wollte er endlich mal etwas liefern, was keines seiner Werke bisher war: einen ordentlichen realistischen Roman.

Dessen Sprache ist eine harte Prüfung in Allerweltsdeutsch, seine Figuren sind graue Pappkameraden, sein Plot ist ein Phantom. Dafür gibt es immerhin lustigen Klatsch (auch über schlimm angstgebeutelte SPIEGEL-Journalisten) in diesem Buch zu lesen und ein paar große lyrische Momente. "Work hard, party harder, be happy, don't die" endet das 26. Kapitel dieses Romans, das 27. beginnt mit den Worten "2009. Aus, aus, aus". Als zornige Analyse der Gegenwartswelt kommt "Johann Holtrop" nie auf Touren, aber als sympathisch vergeigter Gesang auf die Jahre, in denen deutsche Manager in ihrem kleinen Land ein bisschen "Wall Street" spielten, ist er ein amüsantes Dokument der Zeitgeschichte. WOLFGANG HÖBEL

Kotemee, Nordamerika

Wo niemand mit einem Verbrechen rechnet

Der Tod ist die wirksamste Prophylaxe gegen die Grausamkeiten des Lebens - zu diesem Schluss kommt Jean, als sie miterlebt, wie ihre Mutter elend an Krebs stirbt. Den Menschen, die sie mag, wünscht Jean einen schöneren Tod. Sie sollen nicht alt und gebrechlich werden müssen, sie sollen keine Krankheiten fürchten und keine Widrigkeiten erleiden müssen. Sie sollen so glücklich sterben wie ihre Freundin Dorothy, die erste auf Jeans Todesliste. Jean verschafft ihr einen letzten schönen Abend auf der Auto-Rückbank eines jungen Mannes - weit weg von Dorothys eigenem pflegebedürftigem Ehemann. Sie trinken Bier, schwimmen nackt im See und vögeln. Und anschließend schlägt Jean ihrer Freundin mit einer Schaufel den Kopf ein.

Natürlich fällt Jean das nicht leicht. Denn sie ist kein besonders praktisch veranlagter Mensch. Den Klappspaten zum Beispiel, mit dem sie ihre Freundin Dorothy erschlägt, hätte sie um ein Haar nicht einmal auseinanderbekommen. Jean ist eigentlich Künstlerin. Sie töpfert Ranken, Pflanzen und Blätter, die so filigran wie ihre natürlichen Vorbilder sind und meist schon im Ofen, spätestens aber beim Transport ins Haus ihrer Kunden, zu Staub zerfallen. In ihrer eigenen Familie, die aus lauter Polizeikommissaren und Ärzten besteht, wird dies ebenso beäugt wie in der piefigen Kleinstadt, in der Jean mit ihrem Mann Milt lebt.

Der kanadische Schriftsteller Trevor Cole, 52, hat einen wunderbar leicht lesbaren Unterhaltungsroman über eine Schwerverbrecherin geschrieben, der das literarische Pendant zu den früheren Staffeln der TV-Serie "Desperate Housewives" werden könnte, weil auch Cole das Monströse in der Idylle sucht. Kotemee heißt das Nest, in dessen ordentlich gemähten Gräben bald die Leichen liegen. Und ebenso wie der Serie gelingt es Cole, die Spannung und den Witz daraus zu entwickeln, dass sich das Abnormale und die Normalität nahestehen und ähnlich sehen wie zwei Reihenhäuser in der Vorstadt. Blut und Blusen überall. Vor allem aber ist es Cole gelungen, eine Mörderin zu erschaffen, mit der man sich bereitwillig identifiziert. Denn diese Jean tötet ihre Freundinnen mit ebenso aufrichtig guten Absichten, wie sie als Kind ihre Lieblingsstofftiere ertränkt hat, damit die toten Welpen des Familienhundes im Himmel Gesellschaft haben. Und fast anrührend selbstlos nimmt sie in Kauf, dass sie selbst das größte Opfer ihrer Verbrechen ist: "Ihre guten Taten würden unausweichlich dazu führen, dass sie am Ende ganz ohne Freundinnen dastand." MAREN KELLER

Zagreb, Im Jugoslawien Titos

Wo Rentner ihre Jugend suchen

Tiho hat seine Hose gerade zugeknöpft, sein Klassenkamerad Marijan pinkelt aber noch vor ihm über die Reling. Genau in diesem Moment erscheint Frau Sruk und weist ihn zurecht. "Entschuldigen Sie, Frau Lehrerin, ich tue es nicht wieder", murmelt Marijan. Tiho und Marijan sind keine Lausbuben, sondern prostatageplagte Präventivpinkler. Vor fast fünfzig Jahren haben sie sich auf ihrer Abi-Reise voneinander verabschiedet, und nun wiederholen sie die Schifffahrt als Rentner - gemeinsam mit der fast 100-jährigen Frau Sruk und zehn weiteren ehemaligen Mitschülern. Versammelt hat die Abschlussklasse eines Zagreber Gymnasiums der kroatische Autor Zoran Ferić, 51. Im Zentrum seines traurig-lustigen Romans über das Älterwerden steht der einstige Gynäkologe Tiho, der auf der Reise seiner großen, unheilvollen Liebe Senka wiederbegegnet. Den Ich-Erzähler zieht es von der halbsenilen, halbpubertären Reisegruppe immer wieder zurück in sein verlustreiches Leben im Tito-Jugoslawien. Und diese geheimnisvollen, geschickt miteinander verknüpften Erzählschlaufen sorgen dafür, dass man immer dabeibleibt. JOHAN DEHOUST

Im TV-Studio, Frankfurt/Main

Wo sich ein Philosoph in einer Kochshow quält

Was ist aus Ernst Ewald Tischler geworden? Ein "alter Sack mit grauem Bart", ausgeleierten Hosen und dazu Sandalen mit Socken. Einer, der peinliche Bücher über Kulinarik und Größen der Geistesgeschichte schreibt: "Dionysos aus der Scholle. Nietzsche und der Spargel". In zwei Strängen erzählt Joachim Geil, erstaunlicherweise selbst erst 1970 geboren, von diesem traurigen Tischler: In der Gegenwart ist er Gast einer Promi-Kochsendung und will gegen das verhasste Medium Fernsehen endlich mal ein deutliches Zeichen setzen. Seine Erinnerung aber schweift ab in die wilden Aufbruchsjahre.

Kindheit in Landau in der Pfalz, Umzug nach Frankfurt, 1967, Germanistik, Soziologie, Philosophie. Der Vater, der solche "Ferz" nicht bezahlen will; dagegen Parolen wie "Klassenkampf statt Kulenkampff", die Frankfurter Schule, Adorno, Hausbesetzer-Kampfgruppen, Vietnamproteste, freie Liebe. Ein Leben zwischen der Torte im Café Laumer und dem harten Brot der Theorie im Club Voltaire. Zehn Jahre, vom Ohnesorg-Tod bis in den Deutschen Herbst. Man kann bei der Mythenbildung zugucken. Nicht ganz neu, aber mit Schwung und Ironie inszeniert. CHRISTOPH SCHRÖDER

An Bord, Auf dem Mittelmeer

Wo die Liebe viel zu kompliziert ist

Es ist immer ein Risiko, das Buch einer hochgelobten Schriftstellerin nicht zu verstehen. Noch dazu von der schottischen Autorin A. L. Kennedy, 46, die für ihre Literatur überall als klug oder wahlweise sehr klug gefeiert wird. Bei ihrem neuen Roman "Das blaue Buch" ist man zunächst einmal froh, überhaupt die Rahmenhandlung wiedergeben zu können. Eine Frau mit dem Namen Elizabeth Barber geht mit viel schlechter Laune und bei schlechtem Wetter auf Kreuzfahrt. Mit dabei ihr Freund Derek und ihre große Liebe Arthur. Einer dieser Männer, die nicht zum Heiraten, sondern nur für den Rest des Lebens in Frage kommen. Aber: "Es ist das Unverblümte und Ungewöhnliche, was später ein Problem werden könnte." Mit Arthur hatte Elizabeth einst vorgetäuscht, durch Geisterbeschwörung Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen zu können. So wurde Arthur reich und Elizabeth unglücklich. Die Beziehung der beiden ist nicht weniger gespenstisch. Ein Durcheinander aus Täuschung, Psychoanalyse, Zahlencodes und Zauberkunststücken.

Die Gefühle und Lebenswege der Protagonisten werden dabei stellenweise so komplex entfaltet, als hätte Sigmund Freud versucht, einen Flirtratgeber zu schreiben. An Bord des Schiffes kommt sich das ehemalige Liebespaar nun wieder näher, während der langweilige Derek unterdessen völlig zu Recht und seekrank in seiner Kabine liegt. Was sich hier ziemlich stringent zusammengefasst liest, ist in Wirklichkeit ein Sammelsurium an Rückblenden, sprunghaften Erzählsträngen und unbestimmten Dialogfetzen. Kennedy hat keine banale Wer-kriegt-wen-Geschichte geschrieben, sondern einen wohlkalkulierten Schachtelroman. Der mit Orten und Personen spielt und dabei sogar mehrfach auf einer Seite die Erzählebenen wechselt. Wer das erst einmal begreift, kann sich an der intensiven Sprache und dem gnadenlosen Auseinandernehmen der Liebe berauschen.

Jeder orientierungslose Satz ergibt bei A. L. Kennedy hundert Seiten später den allerschönsten Sinn. Mit großer literarischer Raffinesse gelingt es der Autorin, alle Teile der Geschichte am Schluss auf magische Weise wieder zusammenzufügen. Erst auf den letzten Seiten überkommt einen endlich das Gefühl, die Autorin tatsächlich noch verstanden zu haben. Es ist ein kluges Buch für Menschen, die gern an einsamen Orten lesen, als Vierjährige bereits schwarz trugen und schon immer insgeheim Harry Potter für den wahren Bösewicht unter den Zauberern hielten. JONAS LEPPIN

Montmartre, Paris

Wo Maler ihre Musen suchen

Seit 20 Jahren beglückt der amerikanische Schriftsteller Christopher Moore seine Fans mit immer neuen absurden und psychotisch-liebenswerten Geschichten von Dingen, über die er zufällig gerade Lust zu schreiben hatte. Freundliche Höllendämonen etwa, ein Seeungeheuer im Crystal-Meth-Business, die verlorenen Jahre von Jesus Christus oder außergewöhnlich unverschämte Wale. Für seinen neuen, mittlerweile 13. Roman "Verflixtes Blau" hat er sich nun französischer Impressionisten des späten 19. Jahrhunderts angenommen. Und wer fürchtete, dass französische Impressionisten des 19. Jahrhunderts selbst einen Christopher Moore dazu bringen würden, ein Buch zu schreiben, das nicht zum Umfallen komisch ist, der kann sich entspannt zurücklehnen, lesen und sich kaputtlachen.

Aber zunächst beginnt "Verflixtes Blau" als Mystery-Thriller, mit dem Mord an Vincent van Gogh. Denn der hat sich hier nicht selbst erschossen, sondern wurde das Opfer des Farbenmannes - eines bösen Gnoms, der brillante Maler mit dem kostbarsten Blau der Welt ködert, dem puren Ultramarin, um ihnen dann ihre Meisterwerke zu entreißen. Ihm auf der Spur, aber genauso sehr von ihm bedroht, sind van Goghs beste Pariser Kumpel Lucien Lessard, ein Bäckerssohn und Möchtegernmaler, und Henri Toulouse-Lautrec, den kennt man ja. Genau wie Gauguin, Cézanne, Renoir und Pissarro, die als verschworene Gang durch das Montmartre von 1890 wandeln und auf Inspiration warten. Sie alle werden buchstäblich von der Muse geküsst, ahnungslos, wie gefährlich dieser Kuss sein wird.

Witzig ist "Verflixtes Blau" vor allem dann, wenn sich seine Helden im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht versuchen, besonders der herzerweichend tollpatschige Lucien: "Er wollte ihr unbedingt böse sein, aber irgendwie war er zu der Überzeugung gelangt, dass Frauen wundersame, mysteriöse, magische Wesen waren, denen man nicht nur mit Respekt, sondern auch mit Ehrfurcht und Verehrung begegnen sollte. Vielleicht lag es an dem, was seine Mutter früher oft zu ihm gesagt hatte. Sie sagte: ,Frauen sind wundersame, mysteriöse und magische Wesen, denen man nicht nur mit Respekt, sondern auch mit Ehrfurcht und Verehrung begegnen sollte. Jetzt geh und fege die Treppe.'"

Wie immer hegt Christopher Moore eine unbedingte Zuneigung für seine Protagonisten, wie immer ziert er seine feine Sprache mit gezielten vulgären Klecksen, und wie immer platzt fast jede Seite vor unendlicher, unbändiger Phantasie. Ein Hit, wie immer.

Reisen mit Kindern

Die besten Bücher für junge Leser

Vor dem kleinen Bruder den Popstar zu geben, ihm vorzusingen und ihn dabei zu piksen, das ist lustig. Aber auf der Bühne zu stehen, das ist etwas ganz anderes. Nur einen einzigen Satz soll der Ich-Erzähler am Ende der Schulaufführung sprechen, im Maulwurfskostüm auch noch, und davor hat er solche Angst, dass er selbst an Mama gekuschelt kaum schlafen kann. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der kleine Bruder ihm helfen kann. Ein tolles Autoren/Illustratoren-Team ("Die besten Beerdigungen der Welt"), ein toller Übersetzer, der selbst wunderbare Bilderbücher verfasst (gerade erschienen: "Anton und die Spielverderber", ab 3 J.) - dabei musste ja ein großartiges, liebevolles, lustiges und einfühlsames Buch herauskommen.

Alexandra Maxeiner / Anke Kuhl: "Alles lecker! Von Lieblingsspeisen, Ekelessen, Küchendüften, Erbsen pupsen, Pausenbroten und anderen Köstlichkeiten". Klett Kinderbuch; 20 Seiten; 13,90 Euro. Ab 5 Jahren.

Das Konzept von "Alles lecker!" ist nicht neu - bereits vor zwei Jahren erschien das nach demselben Prinzip aufgebaute "Alles Familie!" und erläuterte alle möglichen und scheinbar unmöglichen Familienkonstellationen. Nun rollen die Autorin Alexandra Maxeiner und die Illustratorin Anke Kuhl in witzigen Sachtexten und Bildern unsere Welt der Nahrung auf. Sie berichten von Allesfressern, Vegetariern und dem wohl einzigen Wurstianer, von Frühstücksbräuchen weltweit, Essgewohnheiten auf dem Schulhof und warum bei echten Cowboys nicht beide Hände auf den Tisch gehören. Kurzum: Es geht um den Spaß am Essen, Entdecken und Lesen - und nicht die Bohne darum, aus kleinen Lesern große Besser-Esser zu machen.

Jutta Richter: "Das Schiff im Baum. Ein Sommerabenteuer". Hanser; 124 Seiten; 12,90 Euro. Ab 8 Jahren.

Dass Jutta Richter eine Meisterin der zarten Texte für junge Leser ist, beweist sie auch in ihrem neuesten Buch "Das Schiff im Baum". Darin erzählt sie von den Sommerferien, die Ole und Katharina bei Großtante Polly und Großonkel Fiete auf dem Land verleben. Sie entdecken den großen Kirschbaum und den Löschteich. Sie bauen sich ihre "Pequod" in den Baum, weil Fiete ihnen von seiner Zeit als Walfänger auf Kapitän Ahabs ebenso getauftem Schiff erzählt hat. Manchmal sagt die alte Frau, nicht ohne Sorge: "Er spinnisiert", wenn ihr Mann wieder einen Ausflug in seine melvillesche Waljäger-Welt unternimmt und die Gegenwart aus den Augen verliert. Aber so, wie sie den keineswegs harmlosen gesundheitlichen Zustand ihres Mannes als Teil ihres Lebens begreift, tun es auch die Kinder, fast ohne Schrecken und mit viel Wärme. Jutta Richter wählt in ihrem Sommerabenteuer einzelne Ereignisse, stützt sich auf besondere Momente. Die scheinbar unendlich werdende Zeit dieses Sommers lässt sie den Leser miterleben. Auch wenn hier jetzt der Herbst schon eingekehrt ist.

Elisabeth Zöller: "Wir tanzen nicht nach Führers Pfeife. Ein Tatsachen-Thriller über die Edelweißpiraten".

Hanser; 352 Seiten; 16,90 Euro. Ab 12 Jahren.

1943 taucht der 17-jährige Paul in Köln unter, denn für die Nazis ist er ein sogenannter Halbjude. Auf dem Weg in die Stadt begegnet er der gleichaltrigen Franzi und verliebt sich in sie. Franzi macht Paul mit ihren Freunden bekannt, die ihm ein Versteck besorgen, auch neue Papiere. Sie alle gehören zu den "Edelweißpiraten", Jugendlichen, die in unterschiedlichen kleinen, über die Stadt und die Region verteilten Gruppen Sand ins Getriebe der Nationalsozialisten streuen. Sie plündern Lebensmitteltransporte und versorgen Zwangsarbeiter mit ihrer Beute, verteilen Flugblätter und sabotieren für die Front bestimmte Lkw-Transporte. Bald ist Paul einer jener mutigen, freiheitsliebenden Jugendlichen, die von der Gestapo gejagt werden.

Je weiter das schwärzeste und unfassbarste Kapitel deutscher Geschichte zurückliegt, desto wichtiger werden Jugendbücher über den Nationalsozialismus. Mit "Wir pfeifen nicht nach Führers Pfeife" hat Elisabeth Zöller ein auf Tatsachen basierendes Buch über die Widerstandsbewegung geschrieben, spannend, berührend und unbedingt lesenswert.

ISABELLE ERLER / MARIANNE WELLERSHOFF

Eliteinternat, Niederrhein

Wo die Pubertät zum Fegefeuer wird

Wer einen Internatsroman schreibt, der weiß, in welche Tradition er sich begibt. Christoph Peters, 45, nimmt diese Hürde spielend. Mit Superlativen soll man vorsichtig sein, trotzdem: "Wir in Kahlenbeck" ist einer der beeindruckendsten deutschsprachigen Romane der vergangenen Jahre - philosophisch durchgearbeitet, mitreißend erzählt. Und es ist nicht der erste Roman, der, wenn auch fiktionalisiert, das katholische Eliteinternat Gaesdonck als Schauplatz hat: Ebenso wie Christoph Peters ist auch der Schriftsteller Paul Ingendaay ("Warum Du mich verlassen hast") Absolvent der Schule am Niederrhein. Peters' Held heißt Carl Pacher und ist knapp 15 Jahre alt. Die Achtziger sind angebrochen, doch innerhalb der Schulmauern ist davon wenig zu spüren. Hier gelten Gesetzmäßigkeiten, die die Jahrhunderte überdauert haben. Während draußen gesellschaftliche Aufbruchs- und Umbruchsstimmung herrscht, geht es in Kahlenbeck bei jeder Gelegenheit darum, Machtstrukturen zu installieren oder auszuweiten, sei es bei der Essensvergabe im Speisesaal oder in den religiösen Diskursen auf den Wohnstuben der Schüler. Man erprobt sich und stärkt den Glauben. Der Stärkere hat das Sagen; wer Härte gegen sich selbst zeigt, gilt als Vorbild. Denn man ist der Versuchung ausgesetzt. Carl verliebt sich in Ulla, eine der Küchenhilfen; die Pubertät wird zum Fegefeuer - das Leben ist eine permanente Prüfung des Geistes durch das sündige Fleisch. Nicht die Schule ist das eigentliche Gefängnis, sondern der eigene Körper mitsamt seinen Begierden. Als Ulla ihn tatsächlich erhört, wird die Welt für Carl so unübersichtlich wie nie zuvor. Kahlenbeck ist ein Hort der Restauration. Da wirkt Carl, der in seinem Aquarium Fische aufzieht, Biologe werden will und die Umweltverschmutzung als Frevel gegen das Werk Gottes betrachtet, beinahe schon als Revolutionär.

Christoph Peters geht es dennoch nicht um ein banales Katholizismus-Bashing. Er führt keinen Prozess, sondern ein Gespräch mit der Religion, mit seinen Figuren, mit der Literatur. "Wir in Kahlenbeck" ist in seiner Glaubenserörterung so offen wie in seiner Ablehnung von Institutionen radikal. Der gewaltige Stoff, den Peters sich vorgenommen hat, ist aufgelöst in glänzenden Dialogen und virtuos entworfenen Szenen. Die großen Themen und Motive - Erotik, Liebe, Entsagung; Demut und Aufbegehren; Spiritualität und Weltlichkeit; Hoffnung und Enttäuschung - führt Peters in seinen Figuren durch; mit Ernsthaftigkeit, aber ohne Pathos; mit distanziertem Humor, aber ohne Spott. CHRISTOPH SCHRÖDER

Pomona, Neuss

Wo die Makellosigkeit das Maß aller Dinge ist

Pomona ist die römische Göttin der Baumfrüchte. Pomona heißt auch die Siedlung in der niederrheinischen Stadt Neuß, die 1968 in Neuss umbenannt wurde; errichtet zu Beginn der sechziger Jahre am südlichen Stadtrand, wo bis dahin die Obstbäume standen. Und fruchtbar sind auch die jungen Familien, die sich dort ansiedeln und zum Wachstum der aufblühenden Bundesrepublik beitragen. Hannelore und Petrus Schuller sind Kreative: Sie ist Illustratorin, er in der Werbung. Die Namen der Kinder repräsentieren den Anspruch auf Individualität: Johanna, Marleen, Cristina, Linus. Marleen ist die Hauptfigur in Ulf Erdmann Zieglers brillantem Roman, der so flirrend und variabel auf den Bedeutungsachsen hin- und hersurrt, dass einem schwindelig werden kann. Ziegler, 53, dessen Spezialgebiet als Essayist und Kurator die Fotografie ist, ist ein Schriftsteller, der in Bildern denkt, von diesen Bildern aber in einer einerseits geschmeidigen und hochliterarischen, andererseits detailgesättigten Sprache erzählen kann. "Nichts Weißes" begleitet, das ist der Stamm des Romans, Marleen auf ihrem Ausbildungsweg. Sie, der rein visuelle Mensch; eine, die, wie es einmal heißt, "offenbar mit Lupen in den Augen" geboren wurde, entwickelt schon früh den kühnen Plan, "eine Schrift zu entwerfen, die alle Vorzüge aller existierenden Schriften hat"; eine Schrift, die auf vollendete Weise so unauffällig ist, dass man sie als solche gar nicht bemerkt. Wir schreiben die achtziger Jahre; eine Epoche, in der die Makellosigkeit der Oberfläche so bedeutsam wurde wie nie zuvor. Der Zeitgeist in Zieglers Roman manifestiert sich in einer präzisen Beschreibung der Dingwelt, die weit mehr ist als Selbstzweck, weil sie stets mit der breitgefächerten Ideenwelt des Romans verknüpft ist. Marleen absolviert ein Praktikum in einer süddeutschen Druckerei, in der die legendäre "Eigene Bibliothek" (!) hergestellt wird, schreibt sich als Studentin an der Kunsthochschule in Kassel ein, lernt in Paris den Gestalter Titus Passeraub und dessen Arbeit kennen und landet schließlich in den USA, bei einem Unternehmen, das IBM nicht unähnlich ist. Was Ziegler anschaulich macht, ist der schleichende Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter und das, was sich für den Einzelnen damit verbindet. Ganz nebenbei erfährt man, woher die "o.b."-Tampons ihren Namen haben. Und grandiose Sätze kann Ziegler auch schreiben: "Ein Hauch von Madonna, und darunter ihre leichte, aber unlenkbare Mädchenhaftigkeit, Aquarellspuren von Traurigkeit in den Augen." Toll. CHRISTOPH SCHRÖDER

Im Exil, Kuba

Wo die Entfernung ein Leben zerstört

Akten sind keine schöne Literatur. Weil ein Wort allein nichts gilt, muss man in ihnen blättern, um etwas zu belegen oder zu widerlegen. Und das bringt nur selten Spaß. Froh ist derjenige, dessen Ordner eine dicke Staubschicht bedeckt. Aber: Manchmal muss man Akten auch sehr dankbar sein. Dann, wenn aus ihnen etwas so Großartiges entsteht wie der Roman "Landgericht" von Ursula Krechel. Die in Berlin lebende Autorin hat sich durch sterile Archive gearbeitet, um Zeiten lebendig werden zu lassen, die das Zusammensein in Deutschland bis heute prägen, obwohl sie häufig so fern erscheinen: die dreißiger und vierziger Jahre, in denen Hunderttausende "Andersartige" vor dem NS-Regime flüchteten, ihr anschließendes Leben im Exil und ihre beschwerliche Rückkehr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Angesichts dieser Themen von vergnüglicher Lektüre zu sprechen wäre also auch bei Krechels stark dokumentarischem Buch unzutreffend. Eher passend: Adjektive wie beklemmend, eindrücklich und horizonterweiternd. Über ihr Aktenstudium tastet sich die 64-jährige Schriftstellerin ("Landgericht" ist ihr zweiter Roman nach "Shanghai fern von wo") in die Welt ihres fiktiven Protagonisten Richard Kornitzer hinein, sucht behutsam nach den adäquaten Worten. Der jüdischstämmige Jurist steht am Anfang seiner Karriere, als der Verfolgungswahn der Nazis seine junge Familie auseinanderreißt. Seine zwei Kinder, gerade erst lauffähig, finden Zuflucht in einer englischen Quäker-Gemeinde. Er allein erhält ein Visum für Kuba - er wird "gezwungen, freiwillig zu gehen", schreibt Krechel. Kornitzers Frau, protestantisch und somit nicht lebensbedroht, muss dagegen in Hitlers Reich ausharren.

Als Kornitzer in die frisch gegründete Bundesrepublik zurückkehrt, versucht er zwischen Ruinen wieder Beziehungen aufzubauen - zu seiner Frau, zu seinen Kindern, zu seiner einstigen Heimat. Schnell jedoch spürt er, dass der Krieg in allen Bereichen "irreparable Schäden" hinterlassen hat. Er will als Landesrichter in Mainz mithelfen, ein demokratisches System zu etablieren, spürt aber noch die Diktatur im Rücken. Du bist keiner von uns, da du nicht mit uns im Bunker gekniet hast, als draußen die Bomben einschlugen, geben ihm seine Mitbürger zu verstehen.

Immer ermatteter kämpft Kornitzer dafür, entschädigt zu werden für das ihm widerfahrende Unrecht - und scheitert, weil den Nazis sein Schicksal während des Kriegs keine noch so kleine Aktennotiz wert war. Dafür braucht es erst einen Roman wie diesen. JOHAN DEHOUST

Auf dem Nullmeridian, Greenwich

Wo die Koordinaten des Lebens vorgegeben werden

Was für ein merkwürdiges Buch. Der zentrale Ort dieses Romans ist eine Null und die Hauptfigur praktisch nicht vorhanden. Miles Garth hat sich als Gast einer Dinnerparty im Gästezimmer der Familie eingeschlossen und weigert sich, wieder herauszukommen, monatelang. Das Haus, in dem er sich verschanzt hat, steht in Greenwich, gleich beim Nullmeridian.

Man erfährt im Lauf des Buchs viel über Greenwich, mehr als man jemals gedacht hätte, wissen zu wollen, bis man begreift: Dieser Ort ist magisch. Hier konzentrieren sich Zeit und Ort an einem Punkt. Hier haben Menschen versucht, die Subjektivität der Welt zu objektivieren - wenn sie damals anders entschieden hätten, säße man heute in seinem Büro nicht auf 10 Grad östlicher Länge, sondern wäre ganz anders in der Welt verortet.

Wie man sich in den von anderen vorgegebenen Koordinaten des Lebens zurechtfindet und wie man um das Recht auf die eigene Perspektive kämpfen muss, das sind Ali Smiths große Themen in diesem Roman - und das langsame Begreifen ist die Methode, die sie ihren Lesern zumutet. Chronologie würde die Konstruktion dieses intelligenten, luftigen, oft surrealen Romans so kaputtmachen wie die Frage, warum die Gastgeber nicht einfach die Tür zu ihrem ungebetenen Gast aufbrechen lassen.

Ali erzählt die Geschichte in Schleifen um die zentrale Leerstelle, den modernen Eremiten Miles Garth, herum. Wie die Figuren, die plötzlich am Beginn eines neuen Romanabschnitts auftauchen, mit Garth in Verbindung stehen, wird oft erst nach vielen Seiten klar. Auch das Dinner, von dem er aufsteht und einfach nicht mehr wiederkommt, schildert die Autorin erst nach mehr als hundert Seiten - dann aber in brillanten Dialogen und aller Ausführlichkeit. Die interessantesten Personen am Tisch sind Außenseiter oder werden von den anderen dazu gemacht, so wie der Bildrechercheur, den die anderen nur als den schwulen Sohn einer großen tragischen Künstlerin sehen wollen, die sich das Leben genommen hat.

Dass das gastgebende Ehepaar "Gen" und "Eric", also "exemplarisch" heißt, ist nur eines der vielen, vielen Wortspiele in diesem Roman. Die britische Autorin Ali Smith, 50, ist eine große Sprachvirtuosin (und ihre Übersetzerin Silvia Morawetz auch). Die Sprache wird in diesem Roman selbst zum Thema, immer wieder wird über Wortspiele, Metaphern oder Songtexte reflektiert. Vor allem in der Figur des hochbegabten, reizend altklugen Mädchens Brooke hat Smith ihre ganze kindliche Freude am Erkunden der Worte ausgelebt. Doch bevor es zu viel wird, lässt sie das Kind am Dinner-Tisch einschlafen. ANKE DÜRR

Yachthafen, New Jersey

Wo Vinyl zum Treibstoff wird

Die Geschichte vom Jungen, der das eine richtige Mädchen sucht, ist so alt wie die Welt. Die Kunst besteht darin, sie immer wieder neu zu variieren. Das ist vor allem im digitalen Zeitalter, in dem das Lesen an sich neu definiert wird, eine spannende Frage. Zu klären ist, ob sich eine auf Papier gedruckte Erzählung mit den virtuellen Möglichkeiten von E-Books, Blogs und Kurznachrichten messen kann und soll. Herauszufinden, was möglich ist, reizte auch den jungen Amerikaner Tom M. Wolf, 29. In seinem Debütroman "Sound" entscheidet ein 25-jähriger Knabe mit dem seltsamen Namen Cincy, dass sein Studium Zeitverschwendung ist. So kehrt er für einen Sommer zurück nach New Jersey, den Ort seiner Jugend. Er heuert in einem kleinen Yachthafen als Vorarbeiter an und lässt sich nachts durch die einsamen Straßen der Provinz treiben. Bewegung kommt in seinen Alltag, als er Vera trifft, die so faszinierend wie unnahbar ist. Der Treibstoff für Cincys Existenz aber sind HipHop und Jazz. Musik, die er bevorzugt auf alten Vinylplatten genießt. Dass Tom M. Wolf auch HipHop liebt, zeigt die Sample-Technik seines Buchs, denn er spielt in Überschriften, Zitatschnipseln und Beschreibungen mit allen möglichen Elementen von Musik. Letztlich allerdings auch, um seine eher vorhersehbare Liebesgeschichte aufzupimpen.

Der studierte Jurist machte seine ersten Schreiberfahrungen mit allerlei Texten über HipHop - eine Kultur, in der die Liebe zum altmodischen Vinyl nie erloschen ist, des besseren Sounds wegen. Nun jongliert Wolf mit dem Sound von Wörtern und Sätzen, von Typografie und Layout. Erzählerisch verknüpft er Dialoge mit inneren Monologen, Träumen und Erinnerungen. Dazu lässt er die unterschiedlichsten Typografien und Schriftgrößen über die Seiten tanzen. Die Idee der Text-Collage hat er auch dem HipHop zu verdanken, einem Genre, dessen Songs er im Buch so beschreibt: "Sie waren futuristisch und historisch zugleich, die wahre Gegenwart, die etwas Altes in etwas Neues verkehrte und umgekehrt. Vinyljäger und ihre Klangbeute: ein Chop, ein Slice, ein Scratch, ein Zitat. Schicht um Schicht häufte sich zu zerklüfteten Soundgebirgen."

Hauptdarsteller dieser Boy-Meets-Girl-Geschichte ist aber - ganz klassisch - der Ort der Handlung, New Jersey. Eine Gegend, deren welkenden Glamour und Charme Tom M. Wolf so präzise einfängt wie einst Bruce Springsteen, der wohl berühmteste Sohn New Jerseys überhaupt. Und so kommt auch "Sound" am Ende daher wie ein "Boss"-Song auf Papier. Denn die Geschichten von Jungen und Mädchen werden immer modern sein. CHRISTOPH DALLACH

Bildungsreisen

Die schlausten Sachbücher

Als Ben Moore noch kein Astrophysiker war, sondern ein kleiner Junge, begleitete er seinen Vater in die Natur und stellte sich die ungeheuerlichsten und zugleich naheliegendsten Fragen: Woher weiß man eigentlich, wie groß das Universum ist? Wie sieht es dort aus? Und was ist unser Platz darin? Ein paar Jahrzehnte später hat Moore nun ein Buch für uns alle geschrieben, die wir nie Astrophysiker geworden sind, sondern immer noch mit den Fragen des kleinen Jungen durch die Welt laufen. Und dieses Buch ist so spannend und unglaublich geworden, wie es unsere Welt nun einmal ist. Und vor allem steckt es voller gut erklärter Antworten. MAREN KELLER

Nicolas Langelier: "Die enthemmte Moderne meistern und den Rest seines Lebens retten in 25 einfachen Schritten". Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Bloomsbury; 176 Seiten; 14,99 Euro. Ab 1. 10.

Dieses Buch beginnt in einer Nacht, während der der Protagonist wach liegt und grübelt und eine unbestimmbare Trauer empfindet, die darüber hinausgeht, dass sein Vater kürzlich an Krebs gestorben ist und seine Beziehung an der Angst, etwas Besseres zu verpassen. Das Besondere daran ist, dass wir alle dieser Protagonist sein könnten und konsequent so angesprochen werden: "Eines Tages werden Sie es unweigerlich satt haben." In den 25 folgenden Kapiteln analysiert Langelier die existentielle Traurigkeit des Großstadt-Hipsters im Angesicht der plötzlich empfundenen Sinnlosigkeit seines Musikjournalisten-Party-Vintage-Möbel-Lebens. Seine Diagnose ist keine individual-psychologische, sondern eine kulturwissenschaftliche. Langelier erklärt, was passierte, seit die Idee der Moderne aufkam, wie diese außer Kontrolle geriet, zur Hypermoderne wurde und der Glaube an eine bessere Zukunft abhandenkam. Welche Entwarnung: Du bist es nicht, es ist die Zeit, in der du lebst! Und welche Euphorie, etwas so Kluges und Tiefgreifendes zu lesen! MAREN KELLER

Antoine de Rivarol: "Vom Menschen". Hg. und aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Mit einem Nachwort von Johannes Willms. Matthes und Seitz; 500 Seiten; 39,90 Euro.

Der Adel in seinem Namen war erfunden, doch die Leser Rivarols (1753- 1801) hat das nie gestört: Der Mann konnte einfach zu gut schreiben. "Ein Buch, das man verteidigt, ist ein Buch, das fällt." Deshalb schliff er, geschult an Frankreichs großen Moralisten, seine Einfälle, bis sie glasklar und schneidend waren. "Für Geld ist Mirabeau zu allem fähig, selbst zu einer guten Tat", fertigte er etwa den großen Zeitgenossen auf der politischen Gegenseite ab. Doch auch royalistische Gesinnungsgenossen durchschaute er: "In jedem Freund steckt ein halber Verräter." Hellsichtig bis zur Satire, voll Aufklärermut und doch tief skeptisch, wurde Rivarol das böse Gewissen der Epoche. Endlich gibt es nun wieder ein echtes Lesebuch seiner Gedanken. Wo immer man es aufschlägt, staunt man, beginnt zu grübeln - und ist begeistert. JOHANNES SALTZWEDEL

Thomas Szlezák: "Homer oder die Geburt der abendländischen Dichtung". Verlag C. H. Beck; 256 Seiten; 24,95 Euro.

"Ob Homer gelebt hat, weiß keiner; dass er blind war, ist bekannt." So überdreht er klingt, der alte Professorenwitz, er hat einen wahren Kern: Viel zu lange suchten auch Fachleute hinter "Ilias" und "Odyssee" einen Autor. Nach über 250 Jahren emsiger, bisweilen rabiater Thesengefechte gibt es weiterhin kaum Sicherheit, nur Wahrscheinlichkeiten. Wie der Gräzist Thomas Szlezák die verästelten Debatten zusammenfasst, wie er knapp und luzide selbst den vor ein paar Jahren neu entbrannten Streit um das historische Troja abfertigt, ist ein kleines Kunststück für sich. In der Hauptsache aber geht es ihm um die Dichtungen: Bauformen und Stil, Weltbild und Wirkung, all dies und mehr wird bis ins Detail erklärt, ohne dass die Lektüre je in Arbeit ausartet. Was haben Götter mit Menschen zu schaffen? Warum darf Odysseus lügen? Wie verwandt sind die Heldensagen mit noch früheren Mythen aus dem Vorderen Orient? Dass Szlezák solch knifflige Fragen auf engstem Raum anzupacken wagt, beweist altmeisterlichen Heroismus; dass daraus obendrein eine fesselnde Lektüre wird, ist ein besonderes Glück dieses Bücherherbstes. JOHANNES SALTZWEDEL

Danzig, Polen

Wo die fremden Verwandten leben

Es ist nicht einfach, einen Danzig-Roman zu schreiben, nach Günter Grass hat es kein deutschsprachiger Schriftsteller mehr gewagt. Sabrina Janesch, 27, ist die Erste. Als sie vor drei Jahren Stadtschreiberin in Danzig war, habe sie sich ständig in einem Geflecht aus Geschichten, Erinnerungen und Erlebnissen bewegt, so sagt sie es. Und so spürt man es auch in ihrem Roman. Es ist daher nicht einfach, "Ambra" zu lesen, doch die Saga über eine deutsch-polnische Familie lohnt sich! Vor allem wegen der vielen Verstrickungen und Verwebungen. Die Protagonistin Kinga Mischa erbt nach dem Tod ihres Vaters ein Amulett aus Bernstein, in dem eine Spinne eingeschlossen ist, und eine Wohnung in Danzig, in der Verwandte leben, die sie noch nie gesehen hat. Sie reist zu ihnen, entdeckt an sich eine seherische Gabe, liest die Gedanken der anderen und blickt so tief in das Schicksal ihrer geschundenen Familie. Janesch erzählt eine Geschichte, die erst einmal verwirrt, um sie dann nach und nach zu entwirren: natürlich nicht alles. So simpel ist es nun auch wieder nicht. SONJA HARTWIG

Wüste, Iran

Wo ein Derwisch Antworten hat

Aus der Flut der Familienromane sticht ein Buch wie das Romandebüt von Andreas Stichmann wohltuend heraus: Es ist ein Text, der von sozialer Verwilderung handelt, von aufgelösten Strukturen und den beharrlichen Versuchen, diese wiederherzustellen. Der junge Rupert wächst nach dem Selbstmord seiner Mutter zusammen mit dem psychisch kranken Robert bei dessen Hippie-Mutter auf. Als Rupert die Perserin Ana kennenlernt, beginnen die beiden ein zerfleddertes Leben auf der Straße: Tankstellenüberfälle als Lebensunterhalt, ein zerbeulter Wohnwagen als Heim. Eines Tages verschwindet Ana spurlos, und Rupert und Robert machen sich auf den Weg nach Iran, um Ana zu suchen. "Das große Leuchten" ist eine Abenteuergeschichte, ein Coming-of-Age-Roman und ein modernes Märchen zugleich: Jemand Nichtvorhandenes, so sagt ein Derwisch inmitten der Wüste, sei unter ihnen und meint damit Rupert. Stichmann, Jahrgang 1983, erzählt in einer betont körnigen, unspektakulären Sprache von den Wirrnissen in Tausendundeiner Nacht; von der Sehnsucht, den Dingen eine Ordnung und sich selbst eine Identität zu geben.

CHRISTOPH SCHRÖDER

Andreas Stichmann: "Das große Leuchten".

Rowohlt; 240 Seiten; 19,95 Euro.

Dschungel, Vietnam

Wo der Krieg immer gewinnt

Gesänge vom Krieg sind das älteste literarische Metier überhaupt, und der US-amerikanische Schriftsteller Karl Marlantes knüpft direkt da an, wo der gute olle Grieche Homer so vor circa 2800 Jahren aufgehört hat. Marlantes' Roman "Matterhorn" erzählt vom Vietnamkrieg mit der faszinierenden und faszinierten Genauigkeit des Schiffskatalogs in der "Ilias", in dem Homer sämtliche Schiffe der griechischen Flotte aufzählt. In "Matterhorn" bilden Maschinengewehre, Plastiksprengstoff, Granaten, Entlaubungsgift, Hubschrauber und Insektenvernichtungsmittel das Arsenal, mit dem ein Haufen U. S. Marines im Jahr 1969 gegen nordvietnamesische Kommunistenkrieger und die Gefahren des Dschungels kämpft.

Es ist die Genauigkeit der Details, aber auch eine kalte, imponierend präzise Sprache, die den Roman von Marlantes zu einem herausragenden, hinreißenden, ekelhaften Kriegsbuch machen: Hier erzählt ein Mann, der selbst im Vietnamkrieg war, Menschen umbrachte und einen schweren Seelenschaden erlitt, was das Schöne und das Schreckliche an einer Männer-Schicksalsgemeinschaft ist, die keine andere Wahl hat, als ums eigene Überleben und gegen andere Männer zu kämpfen. Die Marines, von denen hier berichtet wird, müssen nicht die Stadt Troja, sondern bloß einen angeblich wichtigen südvietnamesischen Hügel unweit der Grenze zu Nordvietnam und Laos erstürmen, den die - vermutlich bekifften - Strategen der U. S. Army nach dem Schweizer Berg Matterhorn benannt haben. Die Soldaten werden von Blutegeln, Hitze und Kot-Gestank gequält, sie nerven sich gegenseitig, weil es rassistischen Zorn zwischen weißhäutigen und afroamerikanischen Marines gibt, sie streiten über die richtige Popmusik und die richtige Politik. Und viele von ihnen sterben, durch Kugeln, Minen, Granaten, Tiger - Tag für Tag. All diese "wahnsinnige Schinderei, die Idiotie", heißt es einmal anklagend. "Wozu? Welchen Sinn hatte das Ganze?"

30 Jahre lang hat Marlantes, heute 67, seinen Riesenroman "Matterhorn" immer wieder umgeschrieben. Als das Buch 2010 in den USA endlich herauskam, war es ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum. Manchmal ernstjüngert und männerkitscht es deutlich in diesem Werk, das den Krieg keineswegs grundsätzlich verdammt. Auch der Autor selbst, der gerade in Deutschland zu Besuch war, hält seine Marine-Zeit als inneres Erlebnis und patriotische Pflicht auf verschrobene Art bis heute in Ehren. Offener als jeder Hollywood-Film von Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" bis John Irvins "Hamburger Hill", krasser als alle Vietnamromane von "Geboren am 4. Juli" bis "Ein kalter Rauch" schildert Marlantes den Krieg als zwar blutige und schreckliche, aber irgendwie geile Apocalypse wow. Möglicherweise ist der amerikanische Kriegssänger Marlantes auch darin unserem alten Homer, dem ersten abendländischen Dichter überhaupt, gar nicht unähnlich. Klar, statt von großen Helden wie Achill oder Agamemnon oder Hektor erzählt Marlantes nur von stinkgewöhnlichen US-Soldaten, die Lieutenant Mellas, Hamilton oder Hawke heißen - aber so wie Homer vom trojanischen Krieg nicht als irgendeinem Krieg erzählt, sondern vom Krieg an sich, so tut es auch der Autor Marlantes vom Vietnamkrieg: Hier wird gehasst und geliebt und gekillt in der Mutter aller Schlachten. WOLFGANG HÖBEL

Innviertel, Oberösterreich

Wo ein zweites Leben beginnt

"Roter Flieder", das klingt nach Heimat, und genauso verhält es sich tatsächlich. Und doch kann man es sich nicht so einfach machen. Der Österreicher Reinhard Kaiser-Mühlecker ist ein Solitär unter den deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Das hat er bereits mit seinem Debütroman "Der lange Gang über die Stationen" unter Beweis gestellt; einem Buch, das einen in seiner Geschlossenheit und Virtuosität geradezu fassungslos machte angesichts der Tatsache, dass der Autor bei der Veröffentlichung gerade einmal 25 Jahre alt war.

Und nun hat Kaiser-Mühlecker, heute 29 Jahre alt, mit seinem vierten Roman ein über 600-seitiges Werk vorgelegt, das sich erneut in aller Konsequenz vom Zeitgeist fernhält; das sich mit stilistischer Sicherheit und ästhetischem Selbstbewusstsein einen Weg durch mehr als ein halbes Jahrhundert bahnt.

Kaiser-Mühlecker erzählt von den Menschen in ihrer Landschaft, und "Roter Flieder" beginnt mit einer unfreiwilligen Umsiedlung: Mitten im Zweiten Weltkrieg tauscht der Partei-Ortsgruppenführer und Waldbauer Goldberger seinen stattlichen Hof im Innviertel gegen ein weitaus bescheideneres Anwesen in Oberösterreich ein. Nicht freiwillig, wie man erfährt, wobei die Gründe nur angedeutet werden. Goldberger macht sich auf den Weg, ein zweites Leben zu beginnen, mit seinen Habseligkeiten auf dem Karren, das Pferd davorgespannt und die Tochter als Begleitung. Ferdinand, der Sohn, ist als Soldat in den Krieg gezogen.

Reinhard Kaiser-Mühlecker schreibt in einer unverwechselbaren Sprache: Fern von jeder manierierten Archaik, findet er einen Ton, der eine Atmosphäre schafft, die seinen wortkargen Figuren Kontur verleiht und das Unausgesprochene sichtbar werden lässt. Mit geradezu stifterscher Genauigkeit benennt er die Orte und die Dinge, führt sie durch den Lauf der Geschichte hindurch. Es wird geheiratet und gestorben, geschlagen und versöhnt, gewütet und gezeugt. Ferdinand kehrt aus dem Krieg zurück, übernimmt den Hof und sorgt für Nachwuchs. Die äußeren Gegebenheiten ändern sich; politische, soziale und ökonomische Bedingungen unterliegen dem Wandel wie die Jahreszeiten. Die Menschen in ihrem Sein und Wollen allerdings bleiben sich letztendlich gleich.

Ein großer Heimatroman im Edgar Reitzschen Sinne also, nur ohne dessen Pathos. Angelegt auf vier Generationen; detailreich, ohne folkloristisch zu sein; bildmächtig, ohne eine Sekunde lang in Kitschverdacht zu geraten. CHRISTOPH SCHRÖDER

Gefängnis, Schwarzwald

Wo eine Frau der Bestie ins Herz schaut

Es gibt Bücher, die liest man nur wenige Stunden, und man hat das Gefühl, als würde man Jahre an Lebenserfahrung gewinnen. Das Buch von Nicol Ljubić "Als wäre es Liebe" ist so ein Buch: Es ist Alltagsprotokoll, Gesellschaftsattest und Psychogramm in einem; es ist manchmal so bedrückend, dass man aussteigen will, doch immer ist es so nah, dass man dranbleiben muss. Es geht um Friedrich P., Frauenmörder, die "Bestie vom Schwarzwald". Bei Wikipedia, so steht es im Roman, gibt es einen umfangreichen Eintrag über seine Verbrechen. Darin ist notiert, dass er Hilde K., 49, die Kehle aufschlitzte, Karin W., 18, mit einem Stein erschlug, Dagmar Kl. ein Messer in die Brust stach und ihre Leiche aus dem fahrenden Zug warf, eine 15-Jährige durch Messerstiche schwer verletzte, Rita W., 16, erwürgte und ihre Leiche in einem Waldstück deponierte. Im Oktober 1960 wird Friedrich P. verurteilt: zu sechsmal lebenslänglich, dem bis dahin strengsten Schuldspruch eines bundesdeutschen Gerichts der Nachkriegszeit. Der vierfache Frauenmörder wird weggeschlossen, eingesperrt, gehasst, für immer. Doch dann, Friedrich P. ist 66 Jahre alt und 44 Jahre in Haft, ist da plötzlich jemand, der ihn liebt, eine Frau!

Sie schreibt ihm, besucht ihn, verbringt mit ihm die wenigen Stunden, die er rausdarf, und zeigt ihm eine Welt, die simpel und schön und daher zum Staunen ist. Sie denkt: Es waren die gesellschaftlichen Umstände, die ihn zum Mörder machten, er sei ein Opfer seiner Kindheit, letztlich ein Opfertäter oder Täteropfer, und sie sagt Sätze wie: "Es hat ihn überfordert, in Beziehung zu einer Frau zu treten, er stand doch selbst in keiner Beziehung zu sich." Es sind Sätze, die Familie und Freunde befremden: Sie lebt für einen Mann, den alle verachten, und vergisst ihren eigenen Sohn, der sich schon immer von ihr vernachlässigt fühlte. Eine Liebe aus Illusion wie ein Lehrstück über Abhängigkeiten. Ein Buch wie eine Sezierung der Gesellschaft, zerlegt in ihre Extreme: Gut und Böse, Täter und Opfer, Sicherheitsverwahrung und Wiedereingliederung, Schuld und Wiedergutmachung, Hass und Liebe. Eine Geschichte, die sich liest, als stünde sie in der Zeitung - stand sie in abgeschwächter Form auch. Die "Bestie vom Schwarzwald" und die vier Frauenmorde gab es wirklich. Nicol Ljubić, 40, hat dieses Leben in Literatur verpackt und es mit der Unmöglichkeit der Liebe konfrontiert. Das ist so unkonventionell erschreckend, dass man froh ist, nach ein paar Lesestunden wieder auszusteigen. Das ist aber auch stilistisch und sprachlich so bravourös, dass man vorher einfach nicht aufhören konnte. SONJA HARTWIG

Ibb, Jemen

Wo die Welt des Tauben laut wird

Am Beginn des Romans steht der Tod, er kommt aus dem Himmel und ist ein Geschenk. Ein Blitz trifft Asis, den Sohn eines jemenitischen Schusters. Der Junge geht auf dem staubigen Fußballplatz zu Boden, ein Fremder holt ihn in ein Leben zurück, in dem er sich selbst fremd ist. Er wollte doch Fußballprofi werden, er liebte Rap. Und jetzt? Jetzt sind fremde Melodien in seinem Kopf. Jetzt hört er leise Töne, nicht unangenehm, aber verwirrend. Jetzt zupft er die Saiten einer Laute und rührt mit den Klängen die Herzen der Bewohner von Ibb. Asis nutzt die Gabe und wirbt um Inaja. Obwohl sie einem anderen versprochen ist. Doch Asis will nicht hören. Und so rücken Inajas Brüder an: Sie verätzen Asis' Ohren. In einer Schule für Gehörlose lernt er nur mühsam, dass Gebärden keine schlechte Alternative zu Worten sind. Dass sie genauso laut, genauso vielschichtig sind. Genauso vielschichtig wie dieser Roman von Michael Roes, der deshalb völlig zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Denn zwischen die Geschichte des jungen Asis sind Ausblicke auf sein Erwachsenen-Leben in Polen eingeschoben. Aus dem schwärmenden Jungen, dessen Herz allein durch "das Leuchten in ihren Augen versengt" wird, wird ein Mann, der in einer "Fickbeziehung" lebt. Das ist die Dissonanz, die diesen derb-poetischen Roman von Michael Roes zu einer besonderen Komposition macht. ANNA-LENA ROTH

Dasgupta-Institut, Indien

Wo Yoga die Hölle ist

Beim gemeinsamen Meditieren, der "Edlen Stille", malt sich Beth Marriot aus, wie es wäre, wenn alle Neuankömmlinge herausbrüllen würden, wie es sich tatsächlich anfühlt, den Großteil des Tages regungslos im Schneidersitz zu verbringen: "Meine Knöchel bringen mich um, meine Knie bringen mich um, der Schmerz in meinen Oberschenkeln ist die reinste Folter, mein Rücken steht in Flammen, meine Gedanken sind wie Rammböcke." Trotzdem kommt es eher selten vor, dass jemand im Dasgupta-Institut das Weite sucht. Die Britin Beth ist wie so viele andere dort gelandet, um sich zu "reinigen". Also zu sich selbst zu reisen und allerlei schmerzliche Erfahrungen abzustreifen. Ihre Entspannung endet, als ihr zufällig die verlockenden Tagebuchaufzeichnungen eines anderen Institut-Besuchers in die Hände fallen. Dem britischen Routinier Tim Parks, 57, glückt mit seinem Roman, der im Deutschen irreführend grell "Sex ist verboten" betitelt ist, die Balance zwischen distanziertem Witz und raffinierter Geschichte. Dass er sich in der Meditations-Industrie bestens auskennt, belegte Parks schon mit dem autobiografischen Sachbuch-Bestseller "Die Kunst stillzusitzen. Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung". Nun legt er, als eine Art Fortsetzung, einen angemessen entspannten Roman über die moderne Sehnsucht nach innerer Ruhe, die ewigen Qualen der Liebe und die alte Kunst der Verführung nach. CHRISTOPH DALLACH

Helianau-Institut, Österreich

Wo Kinder weh tun

Man könnte mit einem goldenen Schwert gegen einen Drachen kämpfen, in einem phantastischen Gefährt zu den Sternen fliegen oder dem ärgsten Nebenbuhler einen dicken Pickel auf die Nase dichten - was für eine Chance, sich selbst zur Hauptperson in seinem eigenen Roman zu machen. Nicht so Clemens Setz, die Hauptfigur in "Indigo", dem jüngsten Roman von - genau - Clemens Setz, 29. Dieser Clemens Setz verliert langsam den Faden, er kann sich keinen Reim mehr machen auf die Dinge, die er hört. Im Jahr 2021 steht er sogar wegen Mordes vor Gericht. Er soll einen Tierquäler getötet haben, angeblich hat er ihm ganz langsam die Haut vom Leib gezogen. Irgendwo muss ein Zusammenhang sein mit seiner Zeit als Lehrer im österreichischen Helianau-Institut. In dem Internat werden sogenannte I-Kinder unterrichtet, sie haben das Indigo-Syndrom. Wer ihnen zu nah kommt, kann sich nicht mehr konzentrieren, hat Schwindelgefühle. Jedes Kind wohnt darum in einem eigenen Häuschen, und in der Pause spielen sie das "Zonenspiel": Wie Atome in einem Molekül bewegen sie sich, die Abstände zwischen ihnen stets gleich haltend. Manchmal werden Kinder in absurden Verkleidungen fortgebracht, "reloziert". Clemens Setz will herausfinden, was es damit auf sich hat. Das Ergebnis seiner Recherchen ist "Indigo". Der wunderbar schaudrige Roman, der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht, tarnt sich als wissenschaftliche Materialsammlung: Fotos, kopierte Buchseiten, Literaturzitate, Fallgeschichten. Ein wahrhaft schönes Buch, gestaltet von der Typografin Judith Schalansky. Und passt zu Beginn des Buchs noch alles scheinbar nahtlos zusammen, zerfasert das Material in demselben Maße, wie auch dem Lehrer seine Recherchen aus der Hand gleiten. Clemens Setz, der Autor, hat dazu den schönen Aphorismus parat: "Form und Inhalt bewohnen dasselbe Dorf. Mal ist der eine der Bürgermeister und der andere das Rathaus, mal ist es umgekehrt."

"Indigo" wimmelt von düsteren Anspielungen und Geschichten. Ein Hahn, der 18 Monate ohne Kopf überlebte. Die Lieblingsband eines Schülers heißt "The Resurrection of Laura Palmer" nach dem Mordopfer der Mystery-TV-Serie "Twin Peaks" von David Lynch.

Clemens Setz wird vom Mordvorwurf übrigens freigesprochen. Gut ist damit nichts. Um einen Indigo-Forscher zu zitieren: "Die Welt ist ein kranker Ort. Es hilft nichts, wenn man sich die Finger in die Ohren steckt und Mimimimi sagt." KAROLINE META BEISEL

Reisewarnungen

Die enttäuschendsten Neuerscheinungen

Wer kann an der Uhr mal drehen? Nix gegen absurde pseudowissenschaftliche Theorien, nix gegen äußerst grob gestrichelte Romanhelden und alle Sympathie für den Schweizer Erfolgsschriftsteller Martin Suter - aber die Story seines Buchs "Die Zeit, die Zeit" ist nun wirklich ein in Esoterik-Kreisen rausgesuchter Schmarrn. Zwei einsame Männer veranstalten in einer spießigen Wohnstraße ein Zeitexperiment. Sie wollen Pflanzen und Häuser wieder so herrichten, wie sie 20 Jahre zuvor auf Fotos aussahen - und alles nur, weil sie hoffen, an einem Tag X im Herbst ihre toten Frauen lebend zurückzukriegen. Bei so viel Gartenbau und Jenseits-Sehnsucht geht dem netten Krimi, der in dieser Handlung steckt, leider brutal die Luft aus. WOLFGANG HÖBEL

Ja, dieses Buch ist eine Parabel; und ja, Malaria kann ein gutes Sujet sein, um Großes zu sagen: über die Unkontrollierbarkeit des Lebens. Aber nein, nicht so! Nicht aus Sicht einer besserwisserischen Stechmücke. Ebendie erzählt in Carmen Stephans Roman "Mal Aria", wie eine Frau an den Amazonas reist und plötzlich alle Kräfte verliert. Schon im Flugzeug beobachtet die Mücke ihr Opfer; überlegt, wann sie zusticht und sinniert: "Schon kleine Kinder deuten mit dem Finger auf uns und rufen: Tot machen! Tot machen! Ihr bezeichnet uns als Plage, als Eindringlinge in eure Welt." Bei allem Respekt und bei aller Einsicht: Das ist platt und konstruiert. Beim Lesen möchte man die Mücke zwischen den Buchdeckeln zerquetschen. SONJA HARTWIG

Wie gut muss eine Geschichte sein, um solche Sätze auszuhalten?: "Sie sprach sanft, aber nicht zu sanft, und zärtlich, aber nicht zu zärtlich, etwas tiefer als gewöhnlich, aber nicht zu tief." Sie müsste brillant sein. Doch das ist Alain Claude Sulzers Roman "Aus den Fugen" beileibe nicht. Alle der viel zu vielen Personen, die sich in einem holprig konstruierten Beziehungsgeflecht rund um einen amtsmüden Starpianisten tummeln, sind so öde und unentschlossen wie obige Formulierung. Auch den biederen Sex-Einstreuseln gelingt es nicht, die Langweiler aufzupeppen. "Heute war nichts an ihm der Rede wert", schreibt Sulzer über einen seiner Protagonisten. Das Gleiche gilt auch für sein Buch.

MICHAELA SCHIESSL

Der 1977 geborene Autor Nir Baram ist ein politisch vorbildlich engagierter, klug für einen kämpferischen Dialog mit Israels Feinden argumentierender Star unter Israels Intellektuellen. Sein Roman "Gute Leute" spielt kurz vor Beginn und während des Zweiten Weltkriegs und handelt von einem jungen Karrieristen in Nazi-Deutschland und einer jungen Frau im Stalin-Russland, die beide schwere Schuld auf sich laden, ohne wirklich Böses zu wollen - und von dem Showdown, zu dem die beiden im Jahr 1941 im französischen Brest aufeinandertreffen. Leider ist diese Kolportage vor dem Hintergrund des Holocaust, der Gulags und des Kriegs derart gestelzt und geschwätzig und in schamhaarsträubenden Kitschsätzen aufgeschrieben (der Sorte "In dem Moment, in dem ihre Lippen sich von seiner Stirn lösten, sehnte sich sein Körper erneut nach ihrer Berührung"), dass es nicht mal als trashige Kolportage durchgeht. Eine Tortur in Schwulst. WOLFGANG HÖBEL

Der böse Mann mit dem kleinen Bart ist noch gar nicht tot. Im Sommer 2011 erwacht Adolf Hitler mit Kopfweh und Weltkriegsschmerz in Berlin-Mitte. Als Besucher aus der dunklen Vergangenheit läuft der Diktator mit benzingetränkter Uniform durch ein Deutschland voller Frieden, Ausländer und Demokratie. Überall, wo er auftaucht, wird er für einen gnadenlosen Parodisten gehalten und landet schließlich mit einer eigenen Comedy-Show im Fernsehen. Dabei will Hitler wie immer nur eines: die Weltherrschaft. Leider ist die Hitler-Darstellung "Er ist wieder da" von Timur Vermes nur eine weitere Karikatur in einer Welt voller ungelenker Hitler-Parodien. Mit dem üblichen Propagandavokabular und Himmler-Witzen gelingt es Vermes selten, über die Switch-Stromberg-Kabarett-Parodien hinauszugehen - und so letztlich eine gelungene Satire zu schreiben. Zumal aus dem Roman gegen Ende eine besonders schlichte Medienkritik wird. Da kann der Verlag mit den knalligen Adjektiven "boshaft" und "perfide" noch so sehr um einen vermeintlichen Tabubruch betteln: Witze über Hitler haben einen Bart. Selbst die unverbindliche Preisempfehlung von 19,33 Euro für das Buch ist so subtil wie eine Thor-Steinar-Jacke. JONAS LEPPIN

Der junge Akademiker Maarten Koning ahnt ohnehin nichts Gutes, als er 1957 trotz akuter Arbeitsscheu eine Stelle im Amsterdamer Volkskunde-Institut antritt. Dass aber seine erste Aufgabe eine Untersuchung über Wichtelmännchen ist und die zweite eine Studie über den Umgang mit Pferde-Nachgeburten (aufhängen oder vergraben?), übertrifft dann doch die schlimmsten Erwartungen. Klingt lustig, oder? Ist es auch, etwa 50 Seiten lang. Danach kommen aber noch mal knapp 800, und auf denen passiert ebendas, was in jedem Büro dieser Welt meist passiert: nichts. "Das Büro: Direktor Beerta" von J. J. Voskuil (1926-2008) hat in den Niederlanden ab Mitte der neunziger Jahre eine rätselhafte Massenhypnose ausgelöst, die Hunderttausende Menschen in wachsender Gier nach neuen Bänden in die Buchläden getrieben hat, mutmaßlich, um sich daraufhin zu Tode zu langweilen. Schützen Sie sich! DANIEL SANDER

Verheißungsvolle Titel tragen sie ja, die vier Bände: "Kindheitsroman", "Jugendroman", "Liebesroman" und jetzt "Abenteuerroman". Allesamt schwere Brocken, zusammen 2000 Seiten. Der Romanzyklus von Gerhard Henschel durchläuft das Leben der Hauptfigur Martin Schlosser und die Geschichte der Bundesrepublik im Schneckentempo. Doch während Walter Kempowski, heimliches Vorbild für den Autor, einen pointensicheren Zugriff auf Alltagssprache, Alltägliches und allzu Menschliches hatte, bleibt das Erzählen hier in Stoff- und Detailhuberei stecken. Zeittypische Redeweisen und eingestreute Zitate aus Büchern, Zeitungen, auch aus dem SPIEGEL, ergeben allenfalls eine Stoffsammlung, aber keine Literatur. VOLKER HAGE

Was die Postkarten wirklich zeigen: Seite 10: Silvi Marina, Italien; Seite 12/1: Ostseebad Grömitz; Seite 12/2: Moskau; Seite 13: Camargue; Seite 14: La promenade des Anglais, Nizza; Seite 16: Bielefeld; Seite 17: Tozeur, Tunesien; Seite 18/1: Hotel Luna Park, Arenal, Mallorca; Seite 18/2: Kahlquelle, Aschaffenburg; Seite 20: Helgoland; Seite 22: Mohnblumenfeld, Spokane, Washington; Seite 24: Pyrenäen; Seite 25: Tschuggenhütte, Arosa; Seite 28: Königliches Schloss, Amsterdam; Seite 30/1: Kiel, Panorama Rathausturm; Seite 30/2: Altstadt Rhodos; Seite 32: Wettersteinspitze; Seite 33: Miltenberg am Main; Seite 34: Ghardaia, Algerien; Seite 35: Sri Lanka

Stephan Thome: "Fliehkräfte".

Suhrkamp; 476 Seiten; 22,95 Euro.

James Sallis: "Driver 2".

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind; 156 Seiten; 16,90 Euro.

Sehenswürdigkeiten Die schönsten Bildbände und Comics

Rainald Goetz: "Johann Holtrop".

Suhrkamp; 344 Seiten; 19,95 Euro.

Trevor Cole: "Die pragmatische Jean".

Aus dem Englischen von Sky Nonhoff. Haffmans & Tolkemitt; 360 Seiten; 19,95 Euro.

Zoran Ferić: "Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr".

Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof. Folio; 480 Seiten; 24,90 Euro.

Joachim Geil: "Tischlers Auftritt".

Steidl; 480 Seiten; 22 Euro. Ab 10.10.

A. L. Kennedy: "Das blaue Buch".

Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Hanser; 368 Seiten; 21,90 Euro.

Christopher Moore: "Verflixtes Blau".

Aus dem Englischen von Jörn Ingwersen. Goldmann; 480 Seiten; 16,99 Euro. Ab 1.10.

Ulf Nilsson / Eva Eriksson: "Der beste Sänger der Welt". Aus dem Schwedischen von Ole Könnecke. Moritz; 40 Seiten; 12,95 Euro. Ab 5 Jahren.

Gaito Gasdanow: "Das Phantom des Alexander Wolf".

Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Hanser; 192 S., 17,90 Euro.

Corinna T. Sievers: "Schön ist das Leben ...".

Nautilus; 96 Seiten; 14,90 Euro.

Christoph Peters: "Wir in Kahlenbeck".

Luchterhand; 512 Seiten; 22,99 Euro.

Ulf Erdmann Ziegler: "Nichts Weißes".

Suhrkamp; 264 Seiten; 19,95 Euro.

Ursula Krechel: "Landgericht".

Jung und Jung; 480 Seiten; 29,90 Euro.

Ali Smith: "Es hätte mir genauso".

Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Luchterhand; 320 Seiten; 19,99 Euro. Ab 22.10.

Tom M. Wolf: "Sound".

Aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Berlin Verlag; 360 Seiten; 22,99 Euro. Ab 1.10.

Bildungsreisen Die schlausten Sachbücher

Ben Moore: "Elefanten im All. Unser Platz im Universum". Aus dem Englischen von Friedrich Griese und Monika Niehaus. Kein & Aber; 384 Seiten; 24,90 Euro.

Sabrina Janesch: "Ambra".

Aufbau; 372 Seiten; 22,99 Euro.

Karl Marlantes: "Matterhorn".

Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Arche; 672 Seiten; 24,95 Euro.

Reinhard Kaiser-Mühl-ecker: "Roter Flieder".

Hoffmann und Campe; 624 Seiten; 24,99 Euro.

Nicol Ljubić: "Als wäre es Liebe".

Hoffmann & Campe; 224 Seiten; 19,99 Euro.

Michael Roes: "Die Laute".

Matthes & Seitz; 528 Seiten; 24,90 Euro.

Tim Parks: "Sex ist ver boten".

Aus dem Englischen von Ulrike Becker. Kunstmann; 336 Seiten; 19,95 Euro.

Clemens J. Setz: "Indigo".

Suhrkamp; 480 Seiten; 22,95 Euro.


KulturSPIEGEL 10/2012
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