29.01.1996

MAD MAXX

Dem jungen Berliner Autor Norman Ohler ist mit dem Internet-Krimi „Die Quotenmaschine“ ein Roman mit Witz, Selbstironie und erstmals einer dem neuen Medium adäquaten Sprache gelungen. / Von Annette Meyhöfer
Niemals taten die Jungen so weise und die Alten so jugendlich. Niemals war das Schlagwort von den ,Generationen' so häufig und das Bewußtsein von einer Tradition so ohnmächtig." Das schrieb 1930 Joseph Roth in dem Essay "Schluß mit der Neuen Sachlichkeit". Das gilt ja fast immer und von Zeit zu Zeit noch ein bißchen mehr.
Andererseits: Jugend ist einzigartig, das ist ihr Privileg, ihre Definition. Später wird das nie mehr so sein, dafür hat man Gedächtnis: Alles schon einmal dagewesen. Oder man geht mit der Mode. Schlimmer noch als die Archäologen des Immergleichen, unsere Kulturpessimisten, sind die Alten mit ihrer Angst zu veralten, die Fortschrittsanbeter, die ihre Zeit in Generationen messen (kaum zehn Jahre liegen heutzutage zwischen einer Generation und der nächsten). All jene, die seit 30 Jahren am Hip-Fläschchen hängen; und in dieser Saison tragen sie statt Armani Wulf-Mathies (oder Herbert Mai), Müllwerker-Orange zur House-Party, wo sie ihre E-Mail-Adresse verteilen wie einst im Mai die Schlüssel zur WG: Du, verrätst du mir deine User-ID?
In den Zeiten des "digital chic" sind die Schriftsteller so etwas wie die letzten Mohikaner, hat der nicht mehr ganz junge Norman Mailer einmal gesagt. Danach würden Bücher nur noch von Computern geschrieben. Aber wovon schreiben Computer? Sie schreiben von letzten Mohikanern.
Ein Detektiv ist der Erzähler, einer der Erzähler, in dem Roman des sehr jungen Norman Ohler, der neuesten Entdeckung im Buch-Cyber-Markt. Ein "stummer Ermittler - Sprechstunden nur nach Vereinbarung" ist Maxx Rutenberg, in Hoboken, New Jersey. Er sucht nach einem gewissen Ray, der vielleicht einen Mord begangen hat, folgt seinen Spuren in New York, im Internet und in einer Organhandelsfirma namens "Lebensnetz", gibt seine Geschichte in den PC ein: "Der Text, den er aufschreibt", heißt es in Ohlers "Quotenmaschine", "behandelt die Geschichte seines eigenen Lebens, und zwar aus einem Grund, der an simpler Komplexität nicht zu übertreffen ist: Er selbst ist jener Ray gewesen, dessen Leben er jetzt festhält, er selbst war es - bis er einen anderen Namen annahm, sich zu Maxx Rutenberg wandelte und stummer Untersucher wurde, weil er als Ray scheiterte."
Eine solche Geschichte, nahezu klassische Werde-der-du-bist-Story, wäre noch immer gut aufgehoben in den Suhrkamp-Schreinen abgelebter Moderne. Doch der 26jährige Autor, Absolvent der Gruner+Jahr-Journalistenschule, Pendler zwischen New York und Berlin, wollte nicht verschwinden "in der deutschen Selbstreflexionsecke", weshalb er sein Erstlingswerk ins Internet schickte und dann "mit der Post" an mehrere Verlage. Auch an den Hamburger Gemischtwarenladen Hoffmann und Campe, wo gerade Bill Gates seine Visionen verkündete und Norman Ohler gepriesen wird als deutsches Pendant zu William Gibson und, mein Gott, Douglas Coupland.
Nun sind die Deutschen zwar, von bescheidenen Bemühungen eines Stefan Schütz ("Galaxas Hochzeit") oder Gert Heidenreich ("Die Nacht der Händler") abgesehen, ohnehin recht spät ans Netz gegangen und stricken der Mode hinterher, aber auch deren Muster ist stets dasselbe: Zurück in die Zukunft, geradewegs in die Vergangenheit. Es sind, seit William Gibson ("Neuromancer") das Wort vom Cyberspace erfand, immer wieder die alten, die uralten Geschichten, die da im Gewande der neuesten Technik ausgehackt werden: Cowboys und Indianer in Silicon Valley, Billy the Bit und die Microserfs; und edle Ritter, die den Konzern-Multis den Fehdehandschuh hinwerfen, Data-Glove, jüngstes Modell, garantiert gefühlsecht. Odysseus surft durchs World Wide Web, Seite an Seite mit dem Doktor Frankenstein, und Prometheus klaut schon wieder, Daten bloß, kein Feuer.
Denn das fehlt den meisten dieser Geschichten, fast allen auch die Intelligenz, weshalb davon, von künstlicher insbesondere, viel die Rede ist - Technoballast für dünne Plots. Blade Runner und Robocop sind inzwischen zu Tode recycelt, und kaum ein mittelmäßiger Thriller kommt mehr aus ohne Netz und Doppeleinsatz computergesteuerter Hirne und hirnverbrannter Computer: "Die Stunde des Clowns" (oder des Klons?), willkommen im interaktiven Killerklub, bei Cyberwolf mit dem Hackerbeilchen; warte nur ein Weilchen, auf Datenbänken läßt sich gut ruhen. Und Timothy Leary, einst Drogenpapst, gibt seinen Segen dazu: Der PC sei das LSD der Neunziger.
Die besten jener Geschichten, von Gibson oder Bruce Sterling, haben den Unterhaltungswert von Comic strips. Sie bieten ihre apokalyptischen Visionen garantiert moralfrei an, Methadon für die Süchtigen, wenn http:/www ... wieder einmal nicht verfügbar ist: "Sorry, server not available." Und solange das Netz spinnt und man viel zu selten auf Sendung mit der Maus gehen kann, erinnern die Bücher daran, daß die schöne neue digitale Welt vor allem eine Welt aus Texten und Daten ist.
Und diese läßt sich in der Tat entdecken in Norman Ohlers "Quotenmaschine", keinem jener pseudo-futuristischen Nachtmahre, worin die Erfindungen von übermorgen, die heute schon veraltet sind, feilgeboten werden, Taucheranzüge für den Cybersex mit eingebautem Kopfschutz und Sprachsensoren. Letztere allerdings sind erforderlich - Rezensenten, die gewöhnlich von Sprachspielen und -experimenten schwärmen, wenn ihnen sonst nichts mehr einfällt, büßen es in diesem Buch mit seiner entpersonalisierten Sprache der Infinitiv- und Partizipialkonstruktionen, der oft fehlenden Artikel und Pronomina, der Inversionen und Verkürzungen. "Geschwindigkeit und Bewegung" habe er darin umsetzen wollen, sagt der Autor; Technorhythmus, manchmal enervierend monoton oder rasend schnell oder wie der "Hal-Computer aus 2001 auf Prozac". Das Ganze ist organisiert wie ein Schreibprogramm, die einzelnen Kapitel darin Dateien, überschrieben "Willkommen zu:", im Computerdeutsch heißt das meist "Welcome to:". Die Sätze sind teilweise von Doppelpunkten zerhackt, voller Neologismen, manche albern - wenn einer "schlafschnüffelt" oder "Wörter seegrasen" -, manche parodistisch: Man geht in den "Desasturbationspalast", trägt "Drecklocks" und schaut "EmpTV", und der Cyberspace ist ein "Sauberraum". Er hatte, sagt Ohler, den Roman ja in New York geschrieben, nach deutschen Worten gesucht. Mit Deutschland aber war er nur über die Online-Dienste verbunden.
Die "Quotenmaschine" ist vermutlich das erste, zumindest das erste deutschsprachige Buch, dessen Autor sich nicht mit Beschreibungen von Technik begnügt, sondern eine eigene Sprachtechnik schafft. Das ist die eigentliche Geschichte dieses Romans: daß einer, "vollgestopft mit Wörtern und Erinnerungen", immer nur denen der anderen, sich an den Rand der Gesellschaft zurückzieht, sich selber marginalisiert, verstummt, um mit Hilfe des Computers eine eigene Sprache zu suchen, eine eigene Geschichte: "Die Buchstaben aber rennen den Ereignissen hinterher." Wie kann man dem "Angriff der Vergangenheit auf die übrige Zeit" standhalten, "sich vortasten in ein Gebiet, in dem die gleichzeitig lebenden Fremden füreinander wichtiger sind als die bisher identitätsverleihenden Vorfahren?" Und "wann genau ist man Zuchtpflanze und wann eigene Person?" Aber "es gibt keinen sauberen Bruch", es gibt auch "keine lineare Geschichte mehr". So erfindet sich Jugend ahnungslos die Moderne stets neu.
Maxx Rutenberg schreibt Facetten einer Geschichte, bastelt mit Puzzleteilen, schickt sie ins Internet, wo andere Geschichten in seine eingreifen, "Maxx ändern, indem sie seine Vergangenheit ändern". Er empfängt E-Mail-Botschaften, die er in seinen Text integriert, und gelegentlich klickt er sich ein in die "virtuelle Kommune Zoo York", wo er Konversation pflegt im "Speak easy", der "Ekstase des Datenabrufens" hingegeben, der "süßen Sucht der Suche".
Seine Geliebte in seinem früheren Leben als Ray, Ließa, die Künstlerin, hat eine Möglichkeitsmaschine konstruiert, Kuppel aus Glas und Spiegeln und Hologrammen. Ohlers Mad Maxx genügt die Sprache: Virtuelle Realität entsteht an den Schnittstellen aus Fiktion und (literarischer) Realität.
Aber wenn nun all die Energie daran verschwendet wäre, nur wieder einmal das alte selbstmitleidige Quiz durchzuspielen, wer oder was bin ich, pubertäres Identitätsdrama, Wiedervorlage Nr. 95? Und der es diesmal spielte, bediente sich aus dem Repertoire der klassischen Moderne: Erzählen folgt dem Bewußtseinsstrom. Und weiter zurück, aus den Spiegelkabinetten der Romantik, auch aus ihren Horrorarsenalen. Monstren bevölkern die Kulisse von Müll, Stadt und Tod: Paul, der Gehilfe von Maxx, der Computerfreak mit der Chromtitan-Beinprothese, der sich alle Zähne ziehen läßt, aus Angst vor darin versteckten Mikrofonen, und der seine Cyberidentität vernichtet und zum Virus wird; Candy, die Kellnerin mit dem vollkommenen runden Auge, die sich kleidet wie Madonna, als die noch bei Gaultier einkaufte; Zara, die Tochter des Lebensnetz-Chefs, die einem Massai nachträumt und schließlich zur Stadtstreicherin wird; und Maxx/Ray selber: von keiner Mutter je geboren, im fünften Monat war die Mutter verunglückt, der Fötus in der Leiche von Maschinen am Leben gehalten, "Spezialanfertigung, Meisterwerk moderner Medizin", Erlangen muß irgendwo bei New York liegen. So einer wird dann zum Maschinenstürmer: Und ewig töten die Söhne die Väter.
"Das ganze ist ja ein Diskurs über Natürlichkeit und Künstlichkeit", sagt der Autor, "alles ist Diskurs, am Ende wird vollkommene Künstlichkeit wieder Natürlichkeit." Wenn Worte sich "verselbständigen in digitaler Flüssigkeit", "Sätze zu Lianen wuchern", dann erscheint die Sprache als etwas Organisches, zumindest auf der Ebene der Metaphern. Und die Metaphern, die manchmal gar nichts mehr bedeuten, wuchern wild in diesem Text, der Computer ist eine Assoziationsmaschine. Ein wenig Nietzsche ist darin gespeichert, Zara heißt schließlich eine der Heldinnen, und Derrida, "es kommt auf die Erschaffung des Vielleicht an", und Derridada und sogar die ganz Alten: "Wenn Maxx die Silhouette New Yorks auf seine Wand projiziert, dann ist das ein Zitat von Platos Höhlengleichnis." Dazu Westöstliches: "Der Westen, die ewige Suche nach dem Gold, muß balanciert werden durch ein Zurückgehen, den Osten, im Westen war am Anfang das Wort, im Osten der Klang. Maxx ist ein Tänzer, so tritt er zuerst auf." Aus Zarathustras Tanzlied: "Wie sollte ich, ihr Leichten, göttlichen Tänzen feind sein."
Und Ohler erzählt von Primzahlenforschung und der unhörbaren Oktave: Davon wird sein nächster Roman handeln, "Chemie", von Energie und Baustellen und Nachtleben, "nicht diesem Deppentechno", von dem Haus am Hackeschen Markt in Berlin, in dem er wohnte, das ganz von Straßenbahnen umkreist ist. Dort war man unter Hochspannung, "glücklich, wenn das eigene Energie-Level mit dem der Außenwelt korrespondierte, hört sich alles ein bißchen esoterisch an".
Am Ende kann keiner der Vergangenheit entfliehen, am Ende kehrt der Held, Maxx, nach New York zurück, zu den Katzenjammer-Kids, zu Ließa: um einen Rahmen zu finden, nicht den des Bildschirms. "Sie beginnen, ihr eigenes Lebensnetz zu bauen." Nur die Liebe zählt.
Also alles beim alten und ganz alt der Rezensent? Weil wieder einmal nur die Welt von gestern zu entdecken ist? Hinter der bunten Benutzeroberfläche funktioniert der Computer als Innerlichkeitsmaschine. Und allein, daß sein humanoider Programmierer darüber nicht in allzumenschliche Tränen ausbrechen wollte, tröstet ein wenig. Und vor allem, daß dieser Autor auch Witz und Selbstironie hat. Und wenn am Ende aus allen künstlichen Paradiesen oder Höllen der Mythos bleibt von der Echtheit - die meisten tappten in diese Falle, nur weniger elegant, weniger energisch. Und keine blauen Bildschirme der Romantik glitzerten, wenn sie, stets um sich selber kreisend, das goldene Kalb der Authentizität umtanzten. "Auf jeden Fall ist ein LSD-Trip besser als virtuelle Realität." Spricht Norman Ohler.
NORMAN OHLER: "DIE QUOTEN-MASCHINE". VERLAG HOFFMANN UND CAMPE, HAMBURG; 288 SEITEN; 38 MARK. (ERSCHEINT AM 16. FEBRUAR).
Von Annette Meyhöfer

KulturSPIEGEL 2/1996
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