29.10.2012

Das Papakind

Seit „Crazy“ ist der Schauspieler Tom Schilling der Scheue, der Suchende, der Sehnsuchtsvolle. Darf er deshalb nicht erwachsen werden? Ein DVD-Abend in seinem Wohnzimmer.
Stadlober und Schilling in "Crazy" (2000):
"Jeder will geliebt werden"
Um 19.30 Uhr bringt der Vater den Sohn ins Bett und hört mit dem Spiel auf. Das Erwachsensein-Spiel. So nennt er es. Er geht zum Späti um die Ecke und kauft ein Sixpack Beck's. Um 20 Uhr beginnt der DVD-Abend mit Filmen über das Erwachsenwerden. Über das Erwachsensein-Spielen.
Der erste Film lief vor zwölf Jahren im Kino: "Crazy". Es geht darin um Freundschaft, Liebeskummer, Sehnsucht, Schwärmen, Träumen, Sex.
Tom Schilling, inzwischen 30, spielt in "Crazy" eine der beiden Hauptfiguren, er war damals gerade volljährig geworden. Er sagt: "Erwachsensein hieß, einen Job zu haben, selbst zu entscheiden, wann man ins Bett geht, ob man raucht, wie viel man trinkt. Ich dachte: Niemand kann einem etwas sagen." Er holt ein gekühltes Bier aus dem Kühlschrank, und während sein Sohn im Nebenzimmer schläft, sagt der Vater: "Irgendwann merkt man, dass es nicht so einfach ist."
Er macht die Flasche Bier auf und setzt sich auf seine Couch, lehnt sich vor, fläzt sich in das Polster, beugt sich wieder nach vorne. Er dreht sich eine Zigarette. Tom Schilling, einer der großen leisen Schauspieler seiner Generation, spielt jetzt keine Rolle. Und er findet das komisch. Er hat noch nie einen Journalisten in seine Wohnung gelassen. Er sagt, dass er aufgeregt sei. Er fühle sich nackt und entblößt.
Deshalb spricht er lieber erst einmal von Guido Westerwelle. Er hat einmal, neun Jahre ist das her, ein Porträt im SPIEGEL über Westerwelle gelesen, in dem beschrieben wurde, wie dieser auf dicken Socken mit Gumminoppen durch seine Wohnung läuft und jedes Gemälde an der Wand erklärt. Tom Schilling trägt Schnürschuhe und einen Anzug. Er sagt, dass er es nicht mag, beobachtet zu werden. Das Bild an der Wand, direkt hinter dem Fernseher, kommt vom Flohmarkt, antwortet er. Von sich aus hätte er das nicht erzählt. Den Tisch, antwortet er, hat er selbst gestaltet, "so bastelmäßig". Ein schlichtes Ikea-Modell, auf die Platte hat er ein Magazin-Cover aus den Siebzigern geklebt, zu sehen sind Mick Jagger und Keith Richards. Auf dem Tisch steht eine Schüssel Popcorn. Von gestern. Da war Kindergeburtstag. Sie haben "Star Wars" geschaut, sein Sohn Oskar hatte sich das gewünscht, er wurde sechs. Ein bisschen Kindersekt ist auch noch übrig.
Es war nicht seine Idee, mit dem KulturSPIEGEL diesen Filmabend zu machen, aber Tom Schilling hatte Lust, als er die Anfrage bekam. Es war dann seine Idee, die DVDs in seinem Wohnzimmer anzuschauen.
Auf dem Tisch liegen zwei DVDs: Neben "Crazy", dem Film, mit dem er bekannt wurde; "Oh Boy", der neueste Film, der Anfang November in die Kinos kommt. Es ist das Regiedebüt von Jan Ole Gerster, ein kleiner Film, aber als der galt "Crazy" anfangs auch.
In "Crazy" spielt Schilling den Anführer einer Internatsclique: Janosch ist selbstbewusst und vorlaut, doch irgendwann merkt er, dass sein Verhalten nur eine Farce ist. Sein bester Freund Benjamin ist unsicher, nachdenklich, halbseitig gelähmt und nennt sich einen Krüppel. Es geht um Identitätssuche, Platzfinden, Lebensgefühl. Eine Coming-of-Age-Geschichte.
In "Oh Boy" spielt Schilling einen Studienabbrecher, Ende zwanzig, der durch Berlin streift. Es sind Alltagsepisoden in Schwarzweiß-Bildern, unterlegt mit Jazzmusik. Der Film will nicht tragisch und nicht komisch sein, aber er ist genau das: tragisch und komisch. Eben deshalb ist er so gut. Etwas Woody Allen ist darin, etwas "Fänger im Roggen". Identitätssuche, Platzfinden, Lebensgefühl. Coming-of-Age reloaded.
Schilling trinkt einen Schluck Bier, macht die Zigarette aus, dreht sich eine neue, dann drückt er auf Play. "Crazy" also.
Benjamin, Janosch und die anderen Jungs sitzen an einem See, reden über Heimweh: "Musst du einfach wegsaufen", sagt einer, reden über das Großwerden, "Jugend ist scheiße", sagt ein anderer. Sie gehen zur Lehrerin in die Sexualsprechstunde, geben sich als Schwule aus und spielen Keks-Wichsen: Stellen sich im Kreis um einen Keks, holen sich einen runter, und wer den Keks nicht trifft, muss ihn essen.
Es ist lange her, dass Schilling den Film gesehen hat. Neun, zehn Jahre, so genau weiß er es nicht. Er kann sich nicht entspannen, sagt er. Es ist wie ein Fotoalbum anzuschauen. Im Fernseher läuft seine Jugend.
Wer waren Sie damals, als "Crazy" gedreht wurde?
Ich war schnell verliebt und schnell traurig. Ich war neidisch auf Robert Stadlober, der Benjamin gespielt hat. Ich wollte die andere Rolle, weil sie mehr zu mir passte. Ich war neidisch, weil er so selbstsicher war, so offen, immer auf alle zuging.
Ich brauchte länger, um warm zu werden, um mich zu zeigen, um in einer Gruppe meinen Platz zu finden. Das ist immer noch so.
Auf dem Bildschirm buhlen Janosch und Benjamin um Malen, die Hübsche aus der Klasse: Benjamin versucht ihr was zu erzählen, dann kommt Janosch, macht die Situation kaputt, zieht Malen auf die Tanzfläche.
"Jeder", sagt Tom Schilling, "wünscht sich wie der andere zu sein, jeder sagt auf seine Weise: Hier bin ich, nehmt mich wahr, lasst mich nicht allein."
Tom Schilling war in seiner Jugend mal Punker, Skater, Sprayer, Satanist. Nichts dauerte länger als ein halbes Jahr. Es war keine Haltung, nur eine Maske, sagt er, Subkulturen-Fasching. "Heute mal den Mantel anprobieren, morgen den anderen."
Maler wollte er eigentlich mal werden, besuchte Akt-Zeichenkurse und dachte daran, Kunst zu studieren. Nach "Crazy" dachte er nur noch ans Filmemachen. Kannst du, sagte sein Vater, aber mach dein Abitur. Als er 18 war, unterschrieb er einen Mietvertrag, zog in Berlin in eine eigene Wohnung: direkt neben die Schule, einmal die Woche brachte er zwei Säcke Wäsche nach Hause. Ruhe wollte er haben, einen Platz, wo keiner vorgab, wie er zu sein hatte.
Für seine Rolle im Internatsfilm wurde Tom Schilling mit dem Bayerischen Filmpreis 2000 als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet; 2003 sah man ihn in "Verschwende deine Jugend", 2004 war er ein schöngeistiger Gauleiter-Sohn bei "Napola", 2011 gab er den jungen Hitler in der George-Tabori-Verfilmung "Mein Kampf".
Gerade hat er mal wieder eine Komödie von Leander Haußmann abgedreht: Tom ist der Scheue, der Sympathische, der Sehnsuchtsvolle.
Nach "Crazy" hatten sich alle in ihn verknallt; seitdem kann das deutsche Kino nicht auf ihn verzichten.
Tom Schilling ist jetzt drin im Film, eben noch schien ihm diese Nähe zu nah, jetzt hat es ihn gepackt: Die Internat-Jungs feiern eine Zimmerparty; Benjamin hat das erste Mal Sex, in einem Waschraum. "Jetzt bist du erwachsen", sagt Janosch am nächsten Morgen zu ihm. "Mich hat aber keiner gefragt, ob ich erwachsen werden will", antwortet Benjamin.
"Der Film nimmt die Figuren sehr ernst, das finde ich gut. Das ganze Leben unter einem Brennglas: Jeder will geliebt werden", sagt Tom. Filmabspann. Die Band "Echt" singt. Er sieht erschöpft aus.
War's schlimm?
Es fühlt sich sehr privat an.
Wieso?
Ich war anders als Janosch. Trotzdem hat dieser Film viel von mir damals: Er ist durchlässig.
Wen sieht man also?
Jemanden, der totale Glücksmomente und schlimme Krisen erlebt, Allmachtsphantasien hat. Wenn man so jung ist, denkt man, man kann alles schaffen, Frauen erobern, einen tollen Job haben. Man hat alles zugleich gefühlt. Man war einsam und wertlos, und am nächsten Tag stand man auf und dachte: Mir gehört die Welt.
Es gibt diesen Satz im Film, in dem Benjamin gefragt wird: "Hast du manchmal Angst? Nicht vor etwas Bestimmtem - ich meine vor dem Leben."
Kennen Sie diese Angst selbst?
Total. Mein ganzes Leben ist voller Angst. Ich habe eine permanente Angst vor dem Leben.
Was für eine Angst?
Angst, nicht zu bestehen, Angst, etwas zu verpassen, Angst, sich zu verlieren, nicht zu wissen, wer man sein möchte, was richtig und was falsch ist, Angst zu versagen. Ich finde die Angst überall. Die Verlustangst aber ist die größte. Die hat jeder, egal ob Poser oder Sonderling. Am Ende des Tages haben wir alle Angst, verlassen zu werden oder nicht geliebt zu werden.
Er guckt nachdenklich, dann steht er rasch auf. "So, we need drinks", sagt er und läuft in die Küche. Über Tom Schilling heißt es: Er sehe zart aus, wirke zerbrechlich, habe aber etwas Zähes, Entschlossenes in sich. Eine klassische Ausbildung hat Tom Schilling nicht, 2006 bekam er ein Stipendium für die Lee-Strasberg-Schauspielschule, ein halbes Jahr New York, ein kleines Zimmer an der Lower East Side. Er hatte Angst aufzufallen, Angst, sie würden merken, er könne gar nicht spielen. Er kaufte sich eine Flasche Wodka, trank jeden Morgen vor dem Unterricht, lief dann die 25 Blocks zur Schule und hörte dabei das dritte Album der Strokes. Das, sagt er, habe ihn beruhigt. Er hat durchgehalten in New York.
Es ist jetzt kurz vor Mitternacht. Tom wechselt die DVD.
"Oh Boy", sagt er, sei ein Film, auf den er stolz sei, "also gewissermaßen", "vielleicht sogar erstmalig". "Ich bin selten zufrieden, ganz selten. Aber ich habe mich jetzt nicht blamiert in dem Film."
Tom spielt Niko Fischer, und er wollte diese Rolle unbedingt spielen: Niko ist Studienabbrecher, ein orientierungsloser, melancholischer, beobachtender Endzwanziger. Der Film erzählt sein Leben in merkwürdigen Begegnungen.
Niko hat seinen Führerschein verloren, Alkoholfahrt, und er bekommt ihn nicht zurück, weil er emotional unausgeglichen sei, sagt der Beamte. Niko trifft eine Schulfreundin wieder, Julika, hübsch und schlank, damals war sie dick und wurde Schwulika genannt; er besucht ein Filmset, wo ein Nazi-Zeit-Drama gedreht wird. Er trifft seinen Vater auf einem Golfplatz, als der gerade herausgefunden hat, dass er seinem Sohn zwei Jahre lang 1000 Euro im Monat fürs Nichtstun überwiesen hat. Er habe nachgedacht, sagt Niko. "Und über was, wenn ich fragen darf?" "Über mich, über dich, über alles."
"Super-Dialog", sagt Tom, "ein Schlüsselsatz: Vielleicht sollte das jeder machen. Vielleicht würde uns das nicht schaden, wenn wir uns alle trauen, so einen Satz mal zu sagen, statt immer nur zu machen, streben, zu funktionieren."
Es ist jetzt weit nach Mitternacht, wir sitzen schon Stunden vor dem Fernseher. Es geht nicht mehr nur um Wer-bin-ich und Was-bin-ich. Es geht um Alles-in-Frage-stellen.
Was von Niko Fischer steckt in Tom Schilling?
Dieses Hadern, dieses Zweifeln, das Verweigern, damit kann ich mich sehr identifizieren.
Sie haben mal gesagt: "Ich habe ein ausgefülltes Leben, das klingt banal, aber ich denke nicht mehr die ganze Zeit über meine Sehnsüchte nach. Ich lebe einfach."
Ziemlich altklug klingt das. Was ist schon ein ausgefülltes Leben? Kann es so etwas geben? Das ist doch eine bequeme Phantasie, die man vom Erwachsenwerden hat. Wahrscheinlich bin ich an dem Tag, als ich das gesagt habe, aufgestanden und habe gedacht: Das Leben ist wunderbar. Nur aus einer Laune heraus. Ausgefüllt mit was? Mit Glückseligkeit? Mit Zufriedenheit? Doch nicht zu 100 Prozent.
Noch ein Zitat von Ihnen: "Frühstück und Abendessen, Familienausflüge - so ausgewogen war mein Leben noch nie."
Bullshit. Was ist denn zwischen Frühstück und Abendessen, und was ist nach dem Abendessen? Das Leben ist vielleicht strukturierter, aber nicht ausgeglichener. Familientage sind wunderbar, ich bringe gern meinen Sohn in die Schule, aber das überdeckt nicht das Suchen und Zweifeln, doch vielleicht überdeckt es das, es löst es aber nicht auf.
Fühlen Sie sich erwachsen?
Nur in Beziehung zu Kindern, zu meinem Sohn. In allen anderen Situationen fühle ich mich genauso kindisch wie früher. Ich spiele für meinen Sohn Erwachsensein. Ich bin also vernünftig und weiß, was richtig und was falsch ist. Dadurch, dass ich es vorgebe, lebe ich es irgendwie, aber am Ende des Tages bin ich genauso ein Kind wie er. Als Erwachsener überbringst du schlechte Nachrichten, bist der Bad Guy, das fällt schwer. Ich will nicht immer der Bad Guy sein.
Also versuchen Sie, wieder ein Kind zu sein?
Ja. Manchmal bin ich Franz, also eine fiktive Figur, ein bisschen älter als mein Sohn, acht oder neun. Dann setze ich ein lustiges Gesicht auf, spreche komisch und streite mich mit ihm um ein Spielzeug, wir machen Quatsch und schmieren Zahnpasta irgendwo dran oder bespritzen die Wand mit einer Wasserpistole. Ich spiele also Sachen, die ich als Tom, der Vater, nicht machen könnte. Das geht für einen kurzen Moment, danach muss ich wieder streng sein.
Es ist kurz vor drei Uhr, das Bier ist alle, eine Flasche Wein aufgemacht. Ein paar Chips sind noch da. Tom Schilling steht auf. Der Sohn schläft, und der Vater geht jetzt ins Bett.
Erwachsensein. Am nächsten Tag beginnt das Spiel von Neuem.
"Oh Boy" Filmstart 1. November.
Stadlober und Schilling in "Verschwende deine Jugend" (2003):
"Ich war neidisch, weil er so selbstsicher war, so offen"
Schilling in "Oh Boy":
"Ich habe mich jetzt nicht blamiert in dem Film"
Von Hartwig, Sonja

KulturSPIEGEL 11/2012
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