29.07.1996

Neue Bücher

BELLETRISTIK

HÖLLENTRIP: Als der namenlose Ich-Erzähler eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht, findet er sich in seinem Bett in einen ungeheuren Zustand verwandelt: An seinen Unterschenkeln breiten sich wuchernde Kresselandschaften aus. Anders als bei Kafka ist aber unklar, ob wir uns nicht doch in einem Traum im Traum befinden. Im Grunde genommen ist hier überhaupt nichts klar. Die Krankenschwester will sich als Draculas Tochter profilieren, ein Euthanasie-Verfechter hält André Gides "Die enge Pforte" für eine Deflorationsfibel, und der Protagonist fährt mit seinem Krankenbett einen Zickzackkurs auf der Trennlinie zwischen Wirklichkeit und Fiktion, bis er schließlich als Schachtelmann (ver)endet. Die Merkwürdigkeiten werden immer bizarrer und der Leser zur hilflos strampelnden Sinnherstellungsmaschine. "Ich verstehe jede Art von Desorientierung durch Literatur als Gewinn", hat Kobo Abe (1924 bis 1993), Meister absurder Identitätssuche, einmal bekannt - und mit seinem letzten Roman endgültig den High-Score in der Sparte "Literarische Verwirrungen" erzielt.

Kobo Abe: "Die Känguruhhefte". Aus dem Japanischen von Jürgen Stalph. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 192 Seiten; 34 Mark.

Sven Boedecker

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AFRO-ANARCHIE: "Der Roman ist doch das geeignete Mittel der Wirklichkeitserfassung", findet Jean Ziegler, nachdem er rund ein Dutzend Sachbücher geschrieben hat. Also wagte der streitbare Schweizer Soziologieprofessor und Parlamentsabgeordnete mit 60 sein fiktives Erstlingswerk. Es spielt im Kongo in den sechziger Jahren unter Freiheitskämpfern, Folterknechten, Söldnern und Agenten. Der Held des Romans trägt Züge von Patrice Lumumba. Ziegler hat die Zeit als junger Uno-Beamter erlebt. Übervoll mit Detailwissen, fällt es ihm schwer, in die Welt der Phantasie abzuheben. Ein lesenswertes Buch ist Ziegler dennoch gelungen. Der nimmermüde Streiter für die Dritte Welt ist vom Afro-Pessimismus infiziert: "Besessen von uralten ethnischen Feindschaften" verhalten sich Zieglers schwarze Freiheitskämpfer am Schluß, "als hätten sie die Herrschaft der Europäer nur zerschlagen, um die Anarchie der Afrikaner zu errichten". Leider wahr.

Jean Ziegler: "Das Gold von Maniema". Aus dem Französischen von Hanna van Laak. Albrecht Knaus Verlag, München; 256 Seiten; 36,80 Mark.

Hans Hielscher

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GEMÄLDE MIT MASERN: Bildbände sind eine öde Sache, denn Bilder reden nicht mit uns. Schauen uns bloß an. Irgendwann kommt dann der Kunstkritiker, und alles wird noch schlimmer. Weil das ein ewiges Drama ist, hat Wigald Boning jetzt nicht nur Bilder gemalt, er beschreibt und interpretiert sie auch. Und klärt dabei wirklich wichtige Fragen: Wie soll man reagieren, wenn ein Gemälde plötzlich an Masern erkrankt? Worüber unterhalten sich eine Rechenmaschine und eine Disco-Dancing-Stiefelette? Was ist im Sandsack von Trainer Wolke? (Antwort: Ein Brotkasten, ein Paar Gummistiefel, ein Transisterradio, 15 Liter pasteurisierte Bananenmilch et cetera). Interessiert nicht die Boning? Muß aber. Denn Boning baut auf theoretisches Hintergrundwissen. Steht doch auf Seite 33 der kluge Satz: "Das Nebeneinander des Gegensätzlichen ist ein Stilsymptom der Moderne." Schreibt der Boning einfach so hin. Kaum zu glauben, aber steht da.

Wigald Boning: "Fliegenklatschen in Aspik". Kiepenheuer & Witsch, Köln; 108 Seiten; 16,80 Mark. Erscheint Mitte August.

Thomas Hüetlin

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UNGEHEUER KOMISCH: Burkhard Spinnen, mit seinem Supermarktroman "Langer Samstag" Überraschungsstar des Bücherherbstes '95, überrascht diesmal mit Miniaturen nicht nur aus der Warenwelt. Sie erzählen vom Pferd in einer Mietwohnung, von der Kleptomanin, deren Thrill es ist, die geklaute Ware ordnungsgemäß zu bezahlen, vom berühmten Weinconnaisseur, der heimlich Abstinenzler ist, vom Musiker, der als maulheldischer Casanova die Frauen nur in seiner Phantasie verführt, und vom jungvermählten Ehemann, der seine vier verflossenen Geliebten bestellt, um zum Abschied mit ihnen gleichzeitig zu schlafen. Spinnen weiß, warum Zeitungen immer zuerst von hinten gelesen werden: Seine Geschichten kommen als vermischte Meldungen daher, die präzise, lakonisch und meistens ungeheuer komisch nur protokollieren, was wir längst wissen.

Burkhard Spinnen: "Trost und Reserve". Schöffling Verlag, Frankfurt am Main, 168 Seiten; 34 Mark. Erscheint am 19. August.

Martina Gollhardt

SACHBÜCHER

ZOTEN RAUS: Schatzhaus der Phantasie und europäischer Klassiker sind sie allemal - Gründe genug, daß nun die historischen Grundlagen der Grimm-Märchen genauer durchleuchtet werden. In der ersten Veröffentlichung von 1812, erläutert Märchenspezialist Uther im Kommentar, war Schneewittchens böse Stiefmutter beispielsweise noch die leibliche Mutter, wie auch bei Hänsel und Gretel. Gerade die bald populärsten Stücke stammten oft nicht aus Volkes Mund, sondern aus der Feder hilfreicher Bekannter oder Verwandter. Die Brüder redigierten dann noch munter darin herum, merzten zotige Details aus und begradigten den Stil immer weiter - schließlich sollte ihr Buch, so Uther, keine Quellensammlung, sondern ein Erziehungswerk sein. In Zeiten neuerwachten Wertbewußtseins vielleicht ein Ansporn, es mal wieder zu lesen.

Brüder Grimm: "Kinder- und Hausmärchen". Herausgegeben und kommentiert von Hans-Jörg Uther. Diederichs Verlag, München; 4 Bände, zusammen 1200 Seiten; bis 31. Dezember: 98 Mark, danach 128 Mark.

Johannes Saltzwedel

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DER BEGINN DES WAHNS: Waslaw Nijinsky (1889 bis 1950), war der berühmteste Tänzer seiner Zeit, bis 1919 seine Geisteskrankheit ausbrach, die ihn bis zu seinem Tode von der Ballettbühne verbannte. In jenem Jahr schrieb Nijinsky innerhalb weniger Wochen seine Tagebücher, vier schmale Hefte, nie der. Erst nach dem Tode seiner Frau Romola erschienen sie nur wenig gekürzt und liegen jetzt in der deutschen Übersetzung vor. Sie gelten als einzigartiges Dokument einer beginnenden Schizophrenie, können aber heute aus der Sicht der transpersonalen Psychoanalyse auch als Ausbruch einer tiefen spirituellen Krise verstanden werden. Neben soghaften Assoziationen, beschwörenden Kinderreimen, Erinnerungen und Reflektionen über sein Leben kreisen die Aufzeichnungen als atemloser, jagender Monolog unablässig um Fragen der Gotteserfahrung, um universelle Liebesgefühle und um das Einssein mit Gott: "Ich bin ein Geisteskranker, der die Menschen liebt, meine Geisteskrankheit ist die Liebe zum Menschen", schreibt er und vergleicht sich selbst mit Dostojewskis Idioten. Wahrheit und Wahn vermischen sich in diesen Tagebüchern zu einem faszinierenden Seelengemälde.

Waslaw Nijinsky: "Ich bin ein Philosoph, der fühlt". Aus dem Russischen von Alfred Frank. Berlin Verlag, Berlin; 300 Seiten; 39,80 Mark.

Martina Gollhardt

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BORSTE AM SCHWEIN: Die alte Tolstoi-Frage: Wieviel Erde braucht der Mensch, stellt sich heute anders: Wieviel Mensch verträgt die Erde? Wir Ressourcenräuber wissen: Von unserer Sorte weniger, als es gibt. Doch wir ziehen daraus keine Konsequenzen, höchstens Birkenstock-Sandalen an. Zivilisationskritiker vom Schlage des Terroristen Una-Bomber haben dennoch Hochkonjunktur. Sie formulieren unser schlechtes Gewissen und machen es dadurch erträglich. Der amerikanische Zoologe Bernd Heinrich imitierte einen der Urväter der "back to nature"-Bewegung, Henry David Thoreau ("Walden"), und zog sich ein Jahr lang in eine Blockhütte in die Wälder von Maine zurück. Sein vor Kälte zitternder Blick aus der verschneiten Hütte wirkt ernüchternd auf alle Naturschwärmer, die das Dickicht der Städte gern gegen die Latschenkiefer-Romantik ausspielen. Das Wunder der Natur erscheint bei ihm als das Phänomen des trickreichen Überlebenskampfes. Heinrich führt dafür genau beobachtete Beispiele aus Fauna und Flora an. Und der Mensch, die Krone der Schöpfung? Gelassen stellt Heinrich fest: "Wenn man das Leben insgesamt betrachtet, ist Intelligenz nur eine Borste am Schwein."

Bernd Heinrich: "Ein Jahr in den Wäldern von Maine". Aus dem Amerikanischen von Ilse Strasmann. List Verlag, München; 336 Seiten; 39,80 Mark.

Wolfgang Limmer

KRIMI

SCHNODDERSCHNAUZE: Vier alleinstehende alte Damen sind tot, hingemordet. Normalerweise vermutet man den Witwenschänder in solchen Fällen im nächsten Zug ab Paddington, seufzt: "Miss Marple, übernehmen Sie!" und schnappt sich einen Krimi, der nicht ins nächstgelegene Altersheim führt. Ereignen sich die ungeklärten Todesfälle aber im tiefsten Texas von Kinky Friedmans siebtem Krimi, dort, wo alles weit und leer ist ("besonders zwischen den Ohren der Leute"), dann bleibt man besser am Ball. Denn was der ehemalige Sänger mit dem Ehrentitel "The Frank Zappa of Country Music", der Gandhi und Anne Frank zu seinen Hausheiligen erklärt hat, an anarchischem Witz und schrägem Plot aufzubieten hat, ist beste Krimiware - Altersheim hin oder her. In Zeiten, da die meisten vor lauter Angst, das Unkorrekte zu sagen, auf Nummer Sicher gehen, will der "Kinkster" die Klappe nicht halten: "Die Menschen waren Tiere. Sie hätten Jesus geklaut, wenn er nicht angenagelt gewesen wäre." Für solche und andere Einsichten ins menschliche Sein sollten wir diesem unorthodoxen Texaner verdammt dankbar sein.

Kinky Friedman: "Gürteltier und Spitzenhäubchen". Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach. Haffmans Verlag, Zürich; 208 Seiten; 26,50 Mark.

Sven Boedecker

BILDBÄNDE

EINDEUTIGE ABSICHTEN: Der Buchtitel ist Programm: 160 Fotoarbeiten bilden ein einheitliches Werk zum Thema deutsche Einheit. EIN-HEIT, als Buch und Ausstellung, heißt das jüngste Projekt des seit langem heftig umstrittenen Berliner Fotografen Michael Schmidt. Im Rahmen des Siemens-Kulturprogrammes mischte er eigene Momentaufnahmen deutscher Gegenwart mit Bildreproduktionen aus unserer jüngeren Geschichte. Und was zunächst beliebig zusammengestellt scheint, entpuppt sich als sorgfältig plaziert. Porträts unbekannter Deutscher, Bilder von nicht genauer bezeichneten Landschaften, von Stadtansichten und Innenräumen wechseln mit altbekannten oder zumindest vertraut wirkenden Bildzitaten wie etwa des jungen Konrad Adenauer. Dahinter steckt die eindeutige Absicht, ein richtig gutes Bilderbuch zu machen. Deshalb ist es nur konsequent, auf jede Art von Text zu verzichten und ganz auf die Farbe Grau als weitgehendes Gestaltungsmittel zu vertrauen.

Michael Schmidt: "Ein-Heit". Scalo Verlag, Zürich; 316 Seiten; 98 Mark.

Christiane Gehner

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HURE FOTOGRAFIE: Um Gottes willen! Ein Fotograf hat die Bibel bebildert. Nichts hat ihn gehindert, auch nicht das zweite Gebot: "Du sollst Dir kein Bildnis, noch irgend ein Gleichnis machen..." (2. Buch Mose 20,4). Unsere Vorstellungen von Gott und der Welt finden ein jähes Ende durch bunte Bilder aus dem Archiv des zugegeben hochbegabten Fotografen Anselm Spring. Irdische Symbolfotografie verdrängt das Paradies eigener Imaginationen. Den Titel der im Auftrag deutscher und europäischer Bischöfe sprachlich geglätteten Einheitsübersetzung ziert ein Alpenmotiv, sieben Bildessays sind über das ganze Werk verteilt. Und die Bibelzitate neben den Fotos, zum Teil zweitverwertete Werbe- und Magazinaufnahmen, hinterlassen ein x-beliebiges Assoziationschaos. Einmal mehr verkommt die Fotografie zur Hure, sie läßt sich für alles gebrauchen - jetzt sogar für die Bibel.

"Die Bibel. Mit Bildern von Anselm Spring". Pattloch Verlag, Augsburg; 1420 Seiten, 78 Mark.

Christiane Gehner


KulturSPIEGEL 8/1996
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