26.11.2012

Randnotizen

Mit Geschenken missionieren

DARF MAN DAS?

Von Becker, Tobias

Sie lieben die Menschen, die Sie an Weihnachten beschenken wollen? Mehr noch: Sie wollen sie beschenken, weil Sie sie lieben? Aus reinem Altruismus? Frei von Egoismus? Mit Gaben, die den Beschenkten möglichst viel nutzen? Glückwunsch: Sie sind ein guter Mensch - und sollten Geld schenken.

Der Gedanke gefällt Ihnen nicht? Willkommen in der Realität: Sie haben verstanden, worum es beim Schenken geht.

Schenken ist ein Kommunikationsakt, bei dem es um viel mehr geht als darum, den Beschenkten zu beglücken. Jedes Geschenk zeigt, wie man den anderen sieht - und wie man selbst gesehen werden möchte. Es zeigt, wie Schenkender und Beschenkter zueinander stehen. Ein Statement, stärker als jede Ansprache.

Ein Geldgeschenk leistet das nicht. Ein Geschenk von einer Wunschliste auch nicht. Sie machen den Beschenkten glücklich, aber sie sagen fast nichts: Wer ist der Beschenkte für den Schenkenden? Er ist ihm Betrag x wert. Vielleicht kauft er sogar für ihn ein. Wer ist der Schenkende? Er kann sich Betrag x leisten. Vielleicht kann er sogar eine Wunschliste lesen. Wie stehen Schenkender und Beschenkter zueinander? Er füttert ihn durch. Was als Botschaft, wenn überhaupt, nur zwischen Eltern und Kindern sinnvoll ist.

Die Lösung: Der Schenkende sollte sich nicht dagegen wehren, mit seinem Geschenk die Konsumgewohnheiten des Beschenkten zu steuern. Im Gegenteil: Das ist das Ziel. Ein guter Schenker bevormundet. Er missioniert. Mit einem Debatten-Buch, einer Stummfilm-DVD, einem exquisiten Gin (s. Seite 16). Mit ihnen sagt er: 1. Du könntest Geschmack haben. 2. Ich habe Geschmack. 3. Falls nötig, kannst du von mir was lernen.

Mission erfüllt.


KulturSPIEGEL 12/2012
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