26.11.2012

STILLE NACHT

Von Wagner, Jan Costin

EIN WEIHNACHTSKRIMI

Der Tag, an dem sie zurückkehrt, ist ein 24. Dezember, und die Welt ist weiß.

Sie parkt den Wagen vor dem Haus und sieht im Garten die Kinder spielen, Marlene und Melanie, die Zwillingstöchter ihres Bruders. Die beiden bauen Schneemänner, hüpfend, rennend, wild lachend, in rosa Wintermänteln. Sie steigt aus und geht auf das Lachen zu, das lauter wird, immer lauter, bis es ihr fremd erscheint, nicht mehr echt, nicht mehr wirklich, und ihr Bruder kommt ihr entgegen, die Hand zum Gruß ausgestreckt.

"Mari. Da bist du ja. Lange nicht gesehen."

"Hallo Dirk", sagt sie und nimmt seine Hand, die sich sanft anfühlt, so wie das Lächeln auf seinem Gesicht, und sie erwidert die flüchtige, aber herzliche Umarmung, spürt den Hauch seiner Berührung und folgt ihm. Sie hat das Gefühl, auf einer Linie zu gehen, die er zieht, auf einem Weg, den er weist, über den von Schnee bedeckten Kiesboden der Einfahrt bis zur Haustür.

Auf der Schwelle steht ihre Mutter, Anne. Sie scheint ein wenig zurückzuweichen, aber in ihren Augen sieht Mari Freude. Für einen Moment kommt Mari die Freude ihrer Mutter über das Wiedersehen unendlich vor. Das ist das Wort, an das sie denkt, und sie fragt sich, ob es das überhaupt gibt - unendliche Freude.

"Schön, dass du da bist", sagt ihre Mutter.

Dann sitzt sie im Wohnzimmer, neben Dirk, und ihre Mutter bringt Kaffee in einem Glas, mit einer Krone aus aufgeschäumter Milch, und selbstgebackene Weihnachtsplätzchen. Draußen, hinter den Scheiben, rennen und hüpfen die Zwillinge im Garten, ihr Lachen dringt gedämpft bis in den Raum, und Susanne, Dirks Frau, steht gebückt, mit Schal und Mütze, in der Kälte auf der Terrasse und sieht ihren Kindern beim Spielen zu.

"Groß sind sie geworden", sagte Mari und führt das Glas zum Mund, und sie denkt, dass alles gut ist, alles richtig. Nichts, was sie noch einmal überdenken müsste.

"Ja", sagt Dirk. "Ja, es geht so schnell. Man kann kaum folgen, so schnell geht das alles ... ich würde mir wünschen, öfter bei den beiden zu sein, aber ... Na ja, du weißt ja, dass ich ... Zwölf-Stunden-Tage habe."

Mari nickt. Ihr Bruder ist Jurist, wie ihr Vater Jurist gewesen ist. Der Bruder Anwalt, der Vater Richter. Sie selbst etwas ganz anderes.

"Und wie ... wie läuft es bei dir denn?", fragt Dirk.

"Ach, gut", sagt sie. "Ich mag das Projekt, an dem ich arbeite ... es fühlt sich so an, als sei es etwas ... Sinnvolles."

"Ja, ich glaube, Papa hat mal davon erzählt ... dieses Forschungsprojekt ..."

Papa, denkt sie.

"Wir arbeiten an einem Medikament gegen Lymphdrüsenkrebs", sagt sie. "Und es entwickelt sich so, dass wir hoffen können. Ja."

"Ja", sagt Dirk.

"Und das mit achtundzwanzig Jahren, hallo, Frau Doktorin", sagt eine Stimme in ihrem Rücken. Martin, ihr Vater. Sie dreht sich um und sieht ihn lächeln, entspannt und gütig. Sie spürt seine Lippen auf ihrer Wange und die kraftvolle Präsenz seiner Umarmung.

"Wie schön, dich zu sehen", sagt er, und die Kinder hüpfen ins Zimmer, diskutierend über die Frage, wessen Schneemann der schönere ist. Susanne lacht und klopft sich den Schnee von den Kleidern.

"Hallo Susanne", sagt Mari. "Ich bin Dirks Schwester."

"Hallo. Wie schön, dass wir uns mal kennenlernen", sagt Susanne. "Irgendwie kam immer was dazwischen." Sie lacht, und Mari denkt, dass sie Susanne mögen könnte, vielleicht, irgendwann. Sie mochte ihr Lachen schon auf dem Hochzeitsfoto, das ihr Bruder geschickt hat, vor Jahren. Sie denkt an sein Lächeln, auf dem Foto - ein gestelltes Lächeln, das Lächeln eines Anwalts, der heiratet. Und an Susannes Lachen - das Lachen einer Frau, die glücklich ist.

"Wann gibt's Bescherung?", fragt eines der Mädchen.

"Bald", sagt Anne. "Die Kirche habt ihr schon überstanden, die Schneemänner sind gebaut, und Tante Mari ist auch schon da."

Die beiden sehen sich um, ratlos, auf der Suche nach Tante Mari, und Mari muss fast lachen. "Ich bin das", sagt sie und reicht den beiden die Hand. "Ich bin die Schwester von eurem Papa. Hallo."

"Hallo", murmeln die Mädchen, annähernd synchron.

Dann bittet ihre Mutter um einige Minuten Geduld und geht in die Küche, und ihr Vater und Dirk gehen in den Keller, um die Geschenke zu holen. Mari wird die Aufgabe zugeteilt, die Kinder abzulenken, indem sie ihnen im Arbeitszimmer ihres Vaters eine Folge von "Prinzessin Lillifee" auf den Computer-Bildschirm zaubert. Während die Mädchen schauen, lässt sie ihren Blick durch den Raum gleiten. Ein Regal voller Bücher, in der Mitte teure Spirituosen, hinter Glas, und Fotos.

Auf einem dieser Fotos, ganz klein im großen Regal, neben einer Enzyklopädie der Rechtsprechung, sieht sie sich selbst, als Kind, vielleicht sechs oder sieben, im Alter der Zwillinge, und sie steht auf, um das Foto aus der Nähe zu betrachten. Sie mag, was sie sieht. Natürlich kann sie dem Bild ansehen, dass es eine unangenehme Situation gewesen sein muss, sie hat keine Erinnerung daran. Sie wollte nicht fotografiert werden, das sieht sie dem Bild an, welches Kind will das schon, aber dennoch mag sie es. Hinter ihrem Lächeln, einem vom Fotografen aufgenötigten Lächeln, erkennt sie reine Freude am Leben. Dieses Foto ist der Beleg dafür, dass sie diese Freude gekannt hat, in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben.

Sie wendet sich von dem Bild ab und betrachtet für eine Weile die Zwillinge, die sich auf den Bildschirm des Computers konzentrieren, vollkommen vereinnahmt von Prinzessin Lillifees Welt.

Als alle Geschenke am Platz sind und die Vorspeise bereitsteht, möchte ihr Vater eine rauchen, was ihr Bruder missbilligt, doch Mari sagt, sie rauche auch wieder, guten Vorsätzen zum Trotz, und bietet ihrem Vater eine Zigarette an.

"Mensch, Mari ...", sagt ihr Bruder, während sie in der Kälte vor dem Haus stehen, jenseits der Überdachung hat heftiges Schneetreiben eingesetzt.

"Ja, ja ...", sagt Mari, und ihr Vater lacht. Mari zieht an ihrer Zigarette, atmet tief ein und betrachtet ihren Vater, und als sie zurück ins Haus gehen und von schimmernden Lichtern umgeben werden, von leiser, festlicher Musik, beginnen die Bilder vor ihren Augen zu verschwimmen, und Erinnerungen mischen sich mit dem, was sie sieht. Die Kinder packen Geschenke aus, mit glänzenden Augen, das Essen, das ihre Mutter gekocht hat, schmilzt auf ihrer Zunge, der Wein schmeckt anders als alles, was sie früher getrunken hat.

Später, als die anderen im Wohnzimmer sitzen und ein Gesellschaftsspiel spielen und die Kinder, unter dem Weihnachtsbaum sitzend, mit Engelsgeduld eine Feenwelt aus Legosteinen aufbauen, geht sie ins Bad und dann durch das Haus, nach oben, in das Zimmer, das ihres gewesen ist. Für Momente hat sie das Gefühl, überrascht sein zu müssen, aber sie ist nicht überrascht. Das Zimmer ist unverändert. Gleichsam unberührt. So, wie sie es im Alter von 16 Jahren verlassen hat. Ein Poster einer Sängerin, deren Namen sie vergessen hat. Darüber ist sie doch überrascht. Dass ihr der Name der Sängerin nicht mehr einfällt. Das Bett ist mit einem Laken bezogen, das so rosa ist wie die Mäntel der Zwillinge.

Sie geht nach unten, wieder in dem Gefühl, einer vorgegebenen Linie zu folgen, rechts und links von ihr zucken Bilder auf, vage Lichtblitze, Gedanken an Ereignisse, die vergangen sind. Das Zimmer ihres Bruders am Ende des Flurs, neben der Treppe, sie nimmt Stufe für Stufe, Susanne kommt ihr entgegen, eines der Mädchen tragend.

"Eingeschlafen", sagt sie. "Beide. Dirk hat schon Melanie ins Bettchen gebracht."

Mari nickt.

"Bis morgen", sagt Susanne.

"Ja. Bis dann", sagt Mari. "Bis bald."

In der Küche steht Anne, ihre Mutter, über die Spülmaschine gebeugt.

"Kann ich helfen?", fragt Mari.

"Ach, nein, danke dir. Bin gleich fertig. Ich habe dir das zweite Gästezimmer vorbereitet. Oder ... willst du oben schlafen ... in deinem ... alten Zimmer?"

"Das Gästezimmer ist gut", sagt Mari. "Ist Papa noch wach?"

Ihre Mutter hebt den Blick. Mari fragt sich, ob in den Sekunden, die still vergehen, eine Aussage verborgen liegt, ein Dialog vielleicht, ein ganzes Gespräch, das sie nie geführt haben.

Dirk kommt aus dem Bad, eine Zahnbürste und einen Lappen in der Hand haltend, und sagt: "Gute Nacht, kleine Schwester."

"Schlaf schön", sagt Mari, und dann hilft sie ihrer Mutter beim Aufräumen in der Küche. Sie schweigen, bis die Küche sauber ist, dann gähnt ihre Mutter und bedankt sich und geht ins Bad. Mari konzentriert sich auf das leise Summen der Spülmaschine, und irgendwann löscht ihre Mutter das Licht im Flur und lächelt sie an, müde, bevor sie leise das Schlafzimmer betritt und die Tür schließt. Allein, denkt, Mari. Sie ist allein, wie früher.

Ihr Vater sitzt im Wohnzimmer, in ein Buch über spektakuläre Justizfälle vertieft, das er von Dirk geschenkt bekommen hat.

"Papa?"

Er hebt den Blick. Fällt ihm auf, dass sie ihn lange, sehr lange nicht so genannt hat?

"Mari", sagt er.

"Ich muss mit dir reden."

"Ja ... natürlich ... dann ..."

Sie setzt sich ihm gegenüber.

"Mari ...", sagt er. "Ich denke auch, dass wir ..."

"Ich habe dich vergiftet", sagt sie.

Er hält inne. Scheint darauf zu warten, dass sie erklärt, was sie meint. "Mari, ich ..."

"Heute Abend. Ich habe dir eine Zigarette angeboten, die dich töten wird."

Er lehnt sich zurück. Sie hat den Eindruck, sehen zu können, wie das, was sie sagt, langsam Formen annimmt in seinen Gedanken.

"Du hast ...", sagt er.

"Es ist eine Substanz, die ihre volle Wirkung in zwei, spätestens drei Tagen entfalten wird. Ein Fall, in dem eine Behandlung vier Stunden nach Einnahme noch Erfolg gehabt hätte, ist weltweit nicht dokumentiert. Du hast die Zigarette vor vier Stunden geraucht."

Er schweigt. Sitzt zurückgelehnt. Sie glaubt, einen Hauch von Angst zu sehen, die sich langsam aufbaut, aber sie kann sich täuschen.

"Du kannst ins Krankenhaus fahren, aber du wirst nicht überleben. Du kannst die Polizei informieren, aber in diesem Fall werde ich öffentlich machen, dass du mich seit meinem achten Lebensjahr missbraucht hast, so lange, bis ich endlich den Mut aufgebracht habe, aus diesem Haus auszuziehen. Danke, im Nachhinein, dass du meine erste Wohnung finanziert hast."

Er sitzt zurückgelehnt, der Mund leicht geöffnet. Er setzt mehrfach an, etwas zu sagen, hält aber inne. Findet die Worte nicht.

"Ich möchte dich um etwas bitten", sagt Mari. "Ich möchte dich bitten, in den kommenden zwei Tagen etwas gutzumachen. Bist du bereit, mir zuzuhören?"

Er schweigt. Und sie wartet. Sie fragt sich, ob ihr Bruder bei der Wahl der Namen an sie gedacht hat. Ob da etwas war, bewusst oder unbewusst, eine verdrängte Angst vielleicht, ein schleichendes Gefühl, dass etwas nicht so war, wie es hätte sein sollen, damals, als sie alle hier in diesem Haus gelebt haben. Vielleicht hat ihr Bruder deshalb, um ihr zu zeigen, dass er an seine Schwester denkt, den Zwillingen Namen mit dem Anfangsbuchstaben M gegeben.

Marlene, Melanie, Mari.

Ihr Vater schweigt, und sie fragt sich, ob er versteht, warum sie es getan hat. Ob er daran denkt, dass die Zwillinge bald acht Jahre alt sein werden, die Zwillinge, die viel Zeit bei Oma und Opa verbringen. Und manchmal bei Opa, wenn Oma einkaufen geht.

Er nickt.

Sie ist sich nicht sicher, sie sieht genau hin. Ja, er nickt. Er will hören, worum sie ihn bitten möchte.

"Ich möchte dich darum bitten, in den kommenden Tagen über das nachzudenken, was du getan hast. Warum du es getan hast. Und welche Folgen das hatte, für mich. Ich möchte, dass du stirbst, ohne irgendjemandem zu sagen, was die Todesursache ist. Der Arzt, der deinen Tod begutachtet, wird von Herzversagen ausgehen. Mama wird traurig sein. Dirk auch. Sie würden aber noch trauriger sein, wenn sie erfahren, dass ich das getan habe."

Er schweigt. In seinen Augen sieht sie jetzt deutlich die Angst, den Beginn des Begreifens.

"Ich möchte, dass du ihnen diesen Schmerz ersparst, als Ausgleich für den Schmerz, den du mir zugefügt hast. Das würde mich glücklich machen und mir helfen, weiterzuleben. Verstehst du das?"

Minuten vergehen. Er nickt nicht, aber er schüttelt auch nicht den Kopf. Sie sitzen sich gegenüber, in einem Dialog, der ohne Worte auskommt.

Als sie aufsteht und geht, ist das Haus so still wie damals. In den Nächten, in denen sie wach gelegen und sich gefragt hat, ob ihr Vater immer da sein wird. Oder ob sie darauf hoffen kann, dass er sterblich ist.

Jan Costin Wagner, 40, ist einer der bekanntesten deutschen Krimi-Autoren, ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis. Seine Romane mit dem melancholischen Kommissar Kimmo Joentaa wurden in 14 Sprachen übersetzt. Zuletzt hat Wagner ein Buch mit 24 Kurzkrimis von 24 Autoren herausgegeben: "Totenstille Nacht. Ein krimineller Adventskalender". Rowohlt; 332 Seiten; 8,99 Euro. "Stille Nächte" hat Wagner exklusiv für den KulturSPIEGEL geschrieben, als Bonusgeschichte für den 1. Weihnachtstag.

Mari zieht an ihrer Zigarette, atmet tief ein und betrachtet ihren Vater.

KulturSPIEGEL 12/2012
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