26.11.2012

Himmel ist ein tolles Wort

Von Dallach, Christoph

Der Pop-Superstar Lana Del Rey, 26, über Missgunst, die Leidenschaft der Sozialarbeiter und das Glück, das im Weihnachtslied liegt "Ich muss nur irgendwo ,Shut up' schreiben, und Millionen Menschen finden das großartig. Das ist mir unheimlich."

Lana Del Rey: Ich würde Sie gern vorab etwas fragen: Gefällt Ihnen eigentlich meine Musik?

KulturSPIEGEL: Ja. Warum fragen Sie?

Oh danke, danke, das ist überraschend. Die meisten Journalisten hassen meine Songs. Glauben Sie mir, ich spreche aus Erfahrung, denn ich bin in diesem Jahr für meine Arbeit ausgiebig beschimpft worden.

Ihr Album "Born to Die" wurde trotzdem einer der Bestseller des Jahres. Haben Sie eine Idee, warum Sie so polarisieren?

Mir ist das ein Rätsel. Vielleicht ist es so, dass alle Jubeljahre mal jemand im Pop auftaucht, mit dem viele nichts anfangen können, und das war zuletzt wohl ich. Das funktioniert dann wie "Stille Post": Irgendein Schreiber verbreitet als Erster eine kleine, merkwürdige, böse Geschichte über dich, die dann weitergetragen wird und beständig an Irrsinn und Bosheit zunimmt, bis sie irgendwann mit dir nichts mehr zu tun hat.

Sie wurden heftig als hübsche Marionette gewitzter Musikmanager kritisiert. Wäre das auch einem Mann passiert?

Auf die vermeintliche Frauenfeindlichkeit der Musikindustrie wurde ich oft angesprochen, aber darum geht es in meinem Fall nicht. Ich glaube, dass das etwas Persönliches ist. Meine Songs, die ich tatsächlich selbst schreibe, sind sehr intim, und weil vielen Menschen solche Gefühle dubios vorkommen, schließen sie daraus, dass ich eine Marionette sein muss. Aber das illustriert in Wahrheit nur ihre Hilflosigkeit.

Ist die Melancholie Ihrer Musik kunstvolle Pose oder ein Fall für den Therapeuten?

Weder noch. In mir war schon immer eine Melancholie, nennen wir es Sehnsucht. Ich war vier oder fünf, als ich auf den Eingangsstufen vor dem Haus meiner Eltern saß und mich nach einem Ort sehnte, der irgendwo anders war. Fragen Sie meine Mutter, falls Sie mir nicht glauben. Dieses Gefühl begleitet mich ein Leben lang. Aber ich leide nicht. Ich würde eher sagen, dass ich ganz gut gelernt habe, mich mit meiner Traurigkeit zu arrangieren. Aber es gab auch Zeiten, in denen es mir sehr schlechtging. Diese finsteren Jahre habe ich zum Glück überwunden. Die Erinnerung an sie inspiriert mich heute zu meinen Songs.

Sie sprachen in einem Interview mal vom Tod als "dunklem Paradies". Meinen Sie das wirklich ernst?

Ja, Tod und Paradies sind für mich miteinander verknüpft. Ich erwarte nach meinem Tod etwas, das sehr ruhig und entspannt ist. Das kann man schon als Paradies bezeichnen. Ich liebe einfach den Begriff "Paradies". Er ist so aufgeladen mit Bedeutung. Ich habe ihn sogar auf meine Hand tätowiert. "Himmel" ist auch so ein tolles Wort, oder "exotisch".

Aber muss man sich ein Wort gleich auf die Hand tätowieren, weil es schön klingt?

Na sicher! Ich liebe ausdrucksstarke Wörter. Auf meinen Arm habe ich die Namen meiner Lieblingsschriftsteller Whitman und Nabokov tätowieren lassen. Immer, wenn ich darauf schaue, werde ich daran erinnert, dass das Leben großartig sein kann.

Was unterscheidet Elisabeth Woolridge Grant, wie Sie mit bürgerlichem Namen heißen, von Lana Del Rey, Ihrer Künstler-Identität?

Nichts. Wir sind eins. Ich fand einfach, dass dieser Name besser zu meiner Musik passt. Er ist exotisch und geheimnisvoll. Aber wenn ich mit Freunden Zeit verbringe, führe ich mich nicht anders auf als in dieser Hotel-Suite, wo ich als Lana Del Rey mit Ihnen plaudere. Ich spiele kein Theater, der Name Lana Del Rey entspricht nur eher meinem Selbstverständnis als Künstlerin. Dass das ein Marketing-Coup schlauer Plattenfirmen-Menschen sei, wie manche behaupten, ist auch wieder so ein Blödsinn.

Fühlen Sie sich unterschätzt?

Wieso sollte ich? Bloß weil einige amerikanische Journalisten mich nicht ausstehen können? Mein Album ist ein Multi-Millionen-Bestseller. Ich habe sogar diverse Preise gewonnen. Nur in meinem Heimatland, den USA, die Inspiration all meiner Songs sind, weiß man leider nicht mit mir umzugehen. Deshalb bin ich dort auch weggezogen und lebe jetzt in London.

Was hätten Sie gemacht, wenn Sie als Lana Del Rey keinen Erfolg gehabt hätten? Gab es einen Plan B?

Musik war mein Plan B. Ein Hobby. Ich habe in New York viele Jahre lang als Sozialarbeiterin gearbeitet. Ich war seit meinem 18. Lebensjahr in Obdachlosenheimen beschäftigt und in Rehabilitationszentren für Alkoholiker und Drogensüchtige. Musik war lange der Luxus danach. Ich bin super darin, bedürftigen Menschen ihre Sozialversicherungsnummern und -ausweise wiederzubeschaffen. Das ist meine wahre Leidenschaft.

Kaum zu glauben.

Fragen Sie doch meine Eltern und meine Geschwister. Die werden alles bestätigen. Als ich nach New York kam, lernte ich gleich zu Beginn ein paar Menschen kennen, die sozial engagiert waren. Ich kam ja nach New York, um coole Musiker und Schriftsteller kennenzulernen. Die von mir erträumten Poeten, die in atemlosen Nächten einen sensationellen Roman in die Schreibmaschine hämmern, habe ich nie gefunden. Ich habe überhaupt nie einen Schriftsteller in New York kennengelernt. Die einzigen leidenschaftlichen Menschen, die ich in New York traf, waren Sozialarbeiter. Und da blieb ich hängen, arbeitete tagsüber und machte nachts allein Musik mit meiner Gitarre.

Und wie kamen Sie dann an Ihren Plattenvertrag?

Indem ich mich an einem Songwriter-Amateur-Wettbewerb beteiligte. Ich gewann nicht. Aber einer der Juroren hatte ein kleines Label und bot mir einen Vertrag an und einen Produzenten. Dann legte ich mir den Künstlernamen Lizzy Grant zu und nahm sieben Monate lang abends ein Album auf, das dann für zwei Jahre auf Halde gelegt wurde in der Hoffnung, dass eine große Firma die Platte übernehmen würde. Aber daraus wurde nichts. Die Songs waren sehr finster, nicht geeignet für ein großes Publikum. Außerdem war das Hin und Her der Musikmanager nervtötend: Leute, die dir erst sagen, dass du genial bist, finden eine Woche später, dass dir doch etwas fehlt. Ich hatte mich bereits damit abgefunden, keine Musik zu machen. Zumindest nur noch für mich. Ich produzierte dann mit Freunden Video-Clips, die ich eben selbst online stellte. So wie "Video Games", der mir dann doch noch einen Plattenvertrag einbrachte.

Stimmt es, dass Sie ohne Fernseher aufwuchsen?

Es stand zwar ein Fernseher im Wohnzimmer meines Elternhauses, der war aber nicht ans Kabelnetz angeschlossen, sondern diente nur als Monitor für Videofilme. In den Zimmern meines Vaters und meiner Mutter standen regulär verbundene Fernseher, auf denen ich als Kind Trickfilme schauen durfte. Aber nur selten. Meine Eltern fanden, dass mich Fernsehen überfordere, dass mich das zu sehr beeindrucke. Wahrscheinlich hatten sie recht. Wenn ich als Kind etwas Interessantes im Fernsehen sah, plapperte ich es tagelang wie ein Papagei nach, was meine Eltern so erschreckte, dass sie den Familien-Fernseher vom Netz nahmen, als ich 7 war. Erst mit 14 durfte ich wieder regulär fernsehen. Ich saß damals rund um die Uhr vor MTV und inhalierte alles, was da flimmerte.

Der Clip zu Ihrem Song "Video Games" wurde inzwischen bei YouTube fast 50 Millionen Mal angeklickt. Wo wären Sie ohne das Internet?

Keine Ahnung, das habe ich mich auch schon gefragt. Das Internet ist etwas Abstraktes, das ich vermutlich noch immer nicht richtig begriffen habe. Wer sind all die Menschen, die dort meine Clips sehen? Ich kenne weder sie noch ihre Gesichter, was meinen Erfolg durchaus surreal erscheinen lässt.

Lesen Sie die Kommentare bei YouTube?

Manchmal. Man muss da vorsichtig sein, sonst dreht man durch. Manchmal reagiere ich auf etwas. Verfasse einen Kommentar, ganz normal, unter meinem richtigen Namen. Das sorgt dann zuverlässig für mächtig Trubel im weltweiten Netz. Ich muss nur irgendwo "Shut up" schreiben, und mehr als eine Million Menschen finden das großartig. Das ist mir unheimlich.

Im Internet wird besonders böse über Sie hergezogen. Sind Sie inzwischen abgehärtet?

Nein, und ich werde auch niemals so gepanzert sein. Ich weiß natürlich, dass man solche Gemeinheiten nie persönlich nehmen darf. Nur manchmal braucht es etwas Zeit, um sich dieser Tatsache wieder bewusst zu werden.

Erliegen Sie trotzdem der Versuchung, Ihren Namen zu googeln?

Früher, bevor ich bekannt war, tat ich das oft. Jetzt nur noch selten. Vor gut einem Jahr hat ja auch noch kein Mensch über mich geschrieben, da war das Googeln entspannt. Heute macht es mir eher Angst. Das Netz ist voll mit sehr aggressiven Menschen. Ich will gar nicht wissen, wie in diesen Tagen meine neue Platte "Paradise" im Netz verrissen wird. Aber in ein paar Wochen wird mich dann vermutlich doch die Neugier überkommen.

Nutzen Sie soziale Netzwerke?

Was Twitter und Facebook angeht, habe ich mich privat lange zurückgezogen. Ich nutze die Netzwerke nur als Werbe-Tool. Wenn eine neue Platte kommt, lade ich einige Bilder hoch. Mehr nicht. Mich persönlich interessieren andere Aspekte des Internets mehr, zum Beispiel plane ich gerade, eine kleine Stiftung zu gründen. Für so eine Arbeit ist das Internet toll. Wir möchten Denker mit bis zu 200000 Dollar fördern - Leute, die sich um die Nachhaltigkeit auf diesem Planeten verdient machen oder die Nutzbarkeit sozialer Netzwerke verbessern.

Woher kommt Ihr soziales Engagement?

Meine Eltern haben mich in dem Bewusstsein erzogen, dass man sich in die Gemeinschaft einbringen und mit anderen teilen muss. Ich fliege morgen nach New York und werde dort an Thanksgiving bei "Essen auf Rädern" aushelfen. Das brauche ich auch für mein inneres Gleichgewicht, denn in den vergangenen zehn Monaten fühlte es sich oft so an, als wenn das nicht mein Leben wäre. Mit den Menschen, die bis dahin mein Leben ausmachten, rede ich kaum noch.

Verteilen Sie auch an Heiligabend Essen an Bedürftige?

Nein, da werden meine Geschwister und ich bei meinen Großeltern in Lake Placid sein. Ich habe meiner Mutter vor einiger Zeit versprochen, dass wir uns zu Weihnachten immer sehen werden. Das ist ja auch eine bedeutsame Zeit, in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr zieht jeder Bilanz, wo er im Leben so steht und wie es weitergehen soll.

Gehen Sie dann auch in die Kirche?

Selbstverständlich, ich bin Katholikin. Ich singe gern in der Kirche, denn ich liebe religiöse Lieder, Weihnachtslieder. "Stille Nacht" ist ganz besonders toll.

Haben Sie als Kind auch an den Weihnachtsmann geglaubt?

Oh ja! Ich war fest von seiner Existenz überzeugt. Meine Mutter schrieb immer kleine Botschaften an uns, die angeblich vom Weihnachtsmann waren. So wie "Danke für die Kekse. Ich hoffe, dir gefallen meine Geschenke. Viele Grüße, W."

Fühlten Sie sich betrogen, als Sie die Wahrheit erfuhren?

Ich war zwölf Jahre alt und schockiert und forderte meinen Vater auf, mir die Wahrheit zu sagen: "Dad, gibt es den Weihnachtsmann?" Er schüttelte betreten den Kopf, und ich war fassungslos - "Was?" Ich wollte dann wissen, wozu der ganze Zirkus mit den Märchen gut sein soll. Aber heute ist mir natürlich klar, wie wichtig eine gute Show ist.

Ist es anstrengend, die Hauptperson der Lana-Del-Rey-Show zu sein?

Das kommt darauf an wo. In Frankreich sorge ich für Menschenaufläufe, in den USA erkennt mich nur selten jemand. Ich liebe es, in Coffeeshops zu sitzen und Zeitung zu lesen. Das ist in New York auch immer noch kein Problem. Na gut, manchmal kommt jemand und sagt: "Entschuldigung, Sie sehen ja aus wie Lana Del Rey." Und ich antworte dann: "Vielen Dank, das ist sehr nett von Ihnen." Und freue mich.

Lana Del Rey: "Born to Die", gerade erschienen ist die "Paradise Edition" mit acht neuen Songs (Universal). Tournee ab 6. April 2013.

INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH


KulturSPIEGEL 12/2012
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