26.11.2012

Präzise Psychologie

Von Saltzwedel, Johannes

Gute Vorzeichen für das Wagner-Jahr: "Die Meistersinger" aus Glyndebourne begeistern als Bühnendrama.

W as das wohl gekostet hat! Ein spätgotisches Rippengewölbe samt Gestühl, dazu stilechte Kunstwerke und Hausgeräte haben die Bühnenbildner im englischen Festspielort Glyndebourne aufgeboten, vor allem aber jede Menge Samtjacken und Zylinder des frühen 19. Jahrhunderts, denn ihre Inszenierung von Richard Wagners "Meistersingern" spielt in einem romantisch altertümelnden Nürnberg. Nur durch Kooperation mit Chicago und San Francisco war der Aufwand möglich - aber er hat sich gelohnt. Denn Regisseur David McVicar und Dirigent Vladimir Jurowski stellen nichts Geringeres als eine Musterproduktion hin: Jeder Schritt, jede Geste, selbst das Mienenspiel aller Darsteller folgt bis ins Kleinste Wagners psychologisch ausgefuchstem Libretto. Dass Gerald Finley (Sachs), Anna Gabler (Eva), Johannes Martin Kränzle (Beckmesser) und ihre Kollegen sängerisch Überragendes leisten, könnte fast in Vergessenheit geraten, so filmreif fesselnd und anrührend kommen Musik und Handlung zusammen - weil kein werkfremder Regiebefehl dazwischenfunkt. Genießer klassischer Musik sind bei älteren Instrumentalwerken längst an historisch akkurater Besetzung, Darmsaiten und vibratoarmem Spiel interessiert. Warum dann nicht auch an Opernaufführungen, in denen alles versucht wird, um die vom Komponisten erschaffene Sinnvielfalt optimal in Szene zu setzen? Eines ist sicher: Diese tollen "Meistersinger" werden lange, sehr lange vorhalten.

Richard Wagner: "Die Meistersinger" Glyndebourne 2011, 2 DVDs (Opus Arte)


KulturSPIEGEL 12/2012
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