26.11.2012

Neue Filme im Dezember

AB 29.11.

Alexander Granach - Da geht ein Mensch.Regie: Angelika Wittlich.

Neugierig wie ein Kind auf Ostereiersuche und gleichzeitig unsentimental wie ein Besenwagen, sammelt dieser Film die Spuren, die nach dem Tod des berühmten Schauspielers Alexander Granach von ihm geblieben sind: die Briefe an seine Frau aus den USA, wohin Granach 1938 emigriert war, Poster von Theaterpremieren, Filmausschnitte und Orte in der Ukraine, in Russland, Hollywood und New York, an denen er gelebt und gewirkt hatte.

Festung.Regie: Kirsi M. Liimatainen. Mit Ursina Lardi, Peter Lohmeyer, Elisa Essig.

Die südhessische Landschaft ist idyllisch, die bürgerliche Fassade steht, doch dahinter stimmt nichts: Der Vater schlägt die Mutter, die Töchter versuchen zu verhindern, vertuschen, verdrängen, bis es nicht mehr geht. Unaufdringlich und präzise schildert der Film die bedrohliche Atmosphäre aus der Sicht der Kinder. Kein Vergnügen, aber unbedingt sehenswert.

Die Hüter des Lichts.Regie: Peter Ramsey.

Ein internationales Einsatzkommando - bestehend aus dem Weihnachtsmann, der Zahnfee, dem Osterhasen und dem Sandmann - soll auf Anweisung vom Mann im Mond den schwarzen Mann in die Flucht schlagen und gleichzeitig den unangepassten Wintermacher Jack Frost in der Truppe aufnehmen. Sehr liebevoll animierter Film, nicht gerade umwerfend komisch, dafür aber auch frei vom üblichen Fäkalhumor.

In ihrem Haus.Regie: François Ozon. Mit Fabrice Luchini, Ernst Umhauer, Kristin Scott Thomas, Emmanuelle Seigner.

Ein junger Möchtegern-Schriftsteller sabotiert unter Anleitung seines Lehrers das Leben einer unbescholtenen Familie, um Inspiration zu finden und nebenbei ein paar Existenzen zu zerstören. Delikate Mischung aus Boulevardkomödie und täuschend sanftem Thriller.

Killing Them Softly.Regie: Andrew Dominik. Mit Brad Pitt, Scoot McNairy, James Gandolfini, Ray Liotta.

Nachdem eine mafiöse Poker-Runde von zwei Kleinkriminellen ausgeraubt wird, macht sich der Auftragsvollstrecker Jackie Cogan auf die Suche nach den Verantwortlichen, um mit ein paar gezielten Morden wieder Ordnung in das wacklige System zu bringen. Geschwätziger Edel-Krimi, der sich mit ausgesuchter Penetranz als soziopolitischer Kommentar zur Wirtschaftskrise verkauft.

The Man with the Iron Fists.Regie: RZA. Mit RZA, Russell Crowe, Lucy Liu.

Präsentiert von Quentin Tarantino: RZA, Gründungsmitglied des Wu-Tang Clan, erfüllt sich als Regisseur und Hauptdarsteller dieses absolut sinnfreien, aber entzückend trashigen Martial-Arts-Epos einen Kindheitstraum.

Marina Abramović - The Artist Is Present.Regie: Matthew Akers.

Dieses außergewöhnlich zugängliche und vor allem bewegende Doku-Porträt der serbischen Künstlerin Marina Abramović begleitet die Performance-Art-Pionierin bei der Vorbereitung und Durchführung ihrer legendären Ausstellung im New Yorker MoMA, für die sie drei Monate lang stumm auf einem Stuhl sitzend jenen in die Augen schaute, die es wagten, sich ihr gegenüberzusetzen.

Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin.Regie: Jonathan Dayton, Valerie Faris. Mit Paul Dano, Zoe Kazan, Annette Bening.

Junger Autor mit schwerster Schreibblockade erfindet sich eine Muse, die dann tatsächlich als Wesen aus Fleisch und Blut auftaucht und sich sogar immer so verhält, wie er es vorher aufschreibt. Mit weit weniger traumhaften Konsequenzen, als er sich das vorgestellt hat. Charmanter Zweitling vom "Little Miss Sunshine"-Regie-Duo, das auch hier wieder den richtigen Ton zwischen Mainstream und Indie-Flair trifft.

AB 6.12.

Anna Karenina.Regie: Joe Wright. Mit Keira Knightley, Aaron Taylor-Johnson.

Eine wirklich gelungene Verfilmung von Tolstois übergroßem moralischem Liebesroman hat bislang noch kein Regisseur zustande gebracht. Joe Wright ("Abbitte") versucht es erstaunlich erfolgreich mit seiner Lieblingsschauspielerin Keira Knightley in der Hauptrolle und der einigermaßen kühnen Idee, das Ganze wie ein riesiges, die Sinne berauschendes Theaterstück zu inszenieren. Respekt.

Müll im Garten Eden.Regie: Fatih Akin.

Teebauern an der türkischen Schwarzmeerküste bekämpfen eine Mülldeponie vor ihrer Haustür. Fatih Akins Dokumentation aus dem Dorf seiner Väter ist Appell gegen Umweltpestilenz, für Bürgersinn und nebenbei spannendes Gesellschaftsporträt der heutigen Türkei.

7 Psychos.Regie: Martin McDonagh. Mit Colin Farrell, Sam Rockwell.

Auf der Suche nach der zündenden Idee für einen Psychopathen-Horrorfilm stolpert ein uninspirierter Drehbuchautor in die blutigen Auseinandersetzungen einiger unausgeglichener Serienmörder hinein. Durchaus clevere und oft spaßige Profikiller-Farce, die im Vergleich zu McDonaghs letzter Profikiller-Farce "Brügge sehen... und sterben?" aber etwas blass wirkt.

Shut Up and Play the Hits.Regie: Dylan Southern, Will Lovelace.

James Murphy, Frontmann der Dance-Punk-Band LCD Soundsystem hörte auf, als es am schönsten war - das Abschiedskonzert im April 2011 in New York war zugleich der ambitionierteste Auftritt in der Bandgeschichte. Gemischt mit Szenen des Tages danach ist daraus etwas entstanden, das mehr ist als nur ein Konzertfilm: ein angemessenes Abschiedsgeschenk an die Fans der Band.

AB 13.12.

Große Erwartungen.Regie: Mike Newell. Mit Toby und Jeremy Irvine, Ralph Fiennes, Helena Bonham Carter.

Charles Dickens' komplexer Roman um den Werdegang des Waisenknaben Pip, der dank eines anonymen Gönners zum Oberklassen-Snob in London mutiert, alles verliert, doch sich selbst und seine Jugendliebe wiederfindet, kommt hier rüber als routiniertes, uninspiriertes Ausstattungskino.

Der Hobbit: Eine unerwartete Reise.Regie: Peter Jackson. Mit Martin Freeman, Ian McKellen, Cate Blanchett.

Nach dem gigantischen Erfolg seiner drei "Herr der Ringe"-Filme hat sich Peter Jackson auch an Tolkiens etwas weniger berühmtes Vorgängerbuch herangewagt, gewinnmaximierend aufgeteilt in drei Folgen. Hier kommt die erste, die der Presse natürlich noch nicht gezeigt wurde, Tolkien-Fans weltweit aber auch so schon in einen besorgniserregenden Zustand hyperventilierender Vorfreude gestürzt hat.

AB 20.12.

Tabu - Eine Geschichte von Liebe und Schuld.Regie: Miguel Gomes. Mit Teresa Madruga, Laura Soveral.

Eigentlich zwei Filme in einem: Die erste Hälfte kümmert sich spöttisch um eine Lissabonner Rentnerin, deren wahnhafter Drang zu guten Taten bei ihrer giftigen alten Nachbarin an die Grenzen stößt; die zweite erforscht als Stummfilm vor afrikanischer Kulisse das dunkle Geheimnis in der Vergangenheit jener Nachbarin. Bedeutungsvolle Schwarzweiß-Optik und exzessives Zitieren aus der Filmgeschichte dürfte Hardcore-Cineasten in die Ekstase treiben. Für alle anderen immerhin noch eine unschlagbare Einschlafhilfe.

Die Abenteuer des Huck Finn.Regie: Hermine Huntgeburth. Mit Leon Seidel, Louis Hofmann, August Diehl.

Um seinem geldgierigen Vater zu entkommen, schließt sich Huckleberry Finn dem Sklaven Jim an, der über den Mississippi in die Freiheit fliehen will. Gelungene, angenehm unaufdringliche Fortsetzung von Hermine Huntgeburths liebenswerter "Tom Sawyer"-Verfilmung aus dem vergangenen Jahr.

Jesus liebt mich.Regie: Florian David Fitz. Mit Florian David Fitz, Jessica Schwarz.

Jesus mag uns lieben, hätte aber sicher auch nie gewollt, dass sich die Welt mit dieser geistlosen Verfilmung von David Safiers Bestseller quälen muss. Marie verliebt sich darin in Gottes Sohn, als der wegen des anstehenden Weltuntergangs auf die Erde kommt. Was sie aneinander finden, ist ebenso schwer verständlich wie die Tatsache, dass diese furchtbare Filmwelt am Ende doch nicht untergehen muss.

Die Köchin und der Präsident.Regie: Christian Vincent. Mit Catherine Frot, Jean d'Ormessan.

Die wahre, für Kinozwecke etwas geschönte Geschichte der persönlichen Köchin von François Mitterrand, die Ende der achtziger Jahre von der Provinz in den Elysée-Palast verpflanzt wird, weil sich der Präsident plötzlich nach unprätentiöser französischer Hausmannskost sehnt. Harmloser, aber leichtfüßiger Spaß mit umwerfender Hauptdarstellerin und einer endlosen, geradezu lüstern in Szene gesetzten Parade von Köstlichkeiten.

Pitch Perfect.Regie: Jason Moore. Mit Anna Kendrick, Rebel Wilson, Brittany Snow.

Beca sehnt sich nach einer ruhmreichen DJ-Karriere, muss aber ihrem Vater zuliebe erst das College hinter sich bringen. Dort landet sie eher versehentlich in einer erfolglosen weiblichen A-capella-Gruppe, die nach jahrelangen Demütigungen den Triumph über ihre arroganten männlichen Singkollegen plant. Die vielen hübschen Gesangseinlagen lenken von der dürren Handlung und den platten Witzen ab, heben den Film aber auch nicht über das Niveau einer aufgemotzten Folge von "Glee".

AB 26.12.

Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger.Regie: Ang Lee. Mit Suraj Sharma, Irrfan Khan, Tabu, Gérard Depardieu.

Spektakulär schöne Verfilmung des berühmten Romans von Yann Martel über einen indischen Teenager, der nach einem Schiffsunglück monatelang mit einem bengalischen Tiger in einem Rettungsboot festsitzt. Erfordert eine gewisse Unempfindlichkeit gegenüber philosophisch-spirituellen Erkenntnissen.

Ludwig II.Regie: Peter Sehr, Marie Noëlle. Mit Sabin Tambrea, Sebastian Schipper, Tom Schilling, Hannah Herzsprung.

Überraschend unterhaltsames Porträt des bayerischen Märchenkönigs (1845 bis 1886), der lieber Schlösser baute und Richard Wagner förderte, als zu regieren. Ludwigs Weg in den Wahnsinn wird nicht als Freak-Show inszeniert, sondern als echte Tragödie. Sabin Tambrea in der Titelrolle ist ein würdiger Nachfolger der großen Ludwig-Darsteller O. W. Fischer, Helmut Berger und Loriot.


KulturSPIEGEL 12/2012
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