26.11.2012

Da geht noch was

Von Keller, Maren

Teju Coles aufsehenerregendes Debüt über einen Flaneur.

S o sehen die Lehr- und Wanderjahre der Gegenwart aus: Julius ist im letzten Jahr seiner Facharztausbildung zum Psychiater, und nach Feierabend streift er durch New York. "Die Spaziergänge erfüllten ein Bedürfnis: Sie erlösten mich von der Atmosphäre strenger Reglementierung bei der Arbeit, und als ich ihren therapeutischen Wert einmal erkannt hatte, wurden sie zur Normalität, und ich vergaß, wie mein Leben gewesen war, bevor ich damit begonnen hatte." Julius ist ein Flaneur mit exzellenter Beobachtungsgabe, mit Bildung, einem Faible für klassische Kunst und für die Theoretiker, einer, der Zugvögel beobachtet und Roland Barthes liest und vielleicht ein düsteres Geheimnis hat. Er streift durch Viertel, in denen er der Einzige mit seiner Hautfarbe ist, und durch überfüllte Straßen, in denen er der Einsamste ist. Er lässt seine Gedanken schweifen bis nach Nigeria, wo er geboren wurde, und bis zu dem College, an dem er Literatur studiert hat, und zu den Anschlägen des 11. September, die New York noch nicht aufrichtig betrauert habe, und der Roman folgt diesen Gedanken überallhin. Open City ist der Name einer wehrlosen Stadt im Krieg, die besetzt werden kann. Es ist aber auch der Name einer New Yorker Literaturzeitschrift - und der Romantitel. Schon daran erkennt man, dass der Autor Teju Cole, 37, um die vielen Bedeutungsschichten weiß, die wie Staub auf der Gegenwart liegen. Auch darum gilt er als einer der interessantesten jungen Stars der US-amerikanischen Literaturszene.

Teju Cole: "Open City". Aus dem Amerik. von Christine Richter-Nilsson. Suhrkamp; 336 S., 22,95 Euro.


KulturSPIEGEL 12/2012
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