26.11.2012

Neue Bücher

Tilman Rammstedt: "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters".

DuMont; 160 Seiten; 18,99 Euro.

Es war eine schlimme Schreibkrise, die den Literaturbetrieb 2008 einen Herbst lang amüsierte: Tilman Rammstedt rang damit, aus dem tragikomischen Text, mit dem er den Bachmann-Preis gewonnen hatte, rechtzeitig einen Roman zu machen. Er vertröstete seinen Verlag von August auf September auf Oktober, riss auch noch die allerallerletzte Abgabefrist um einen Tag, doch als "Der Kaiser von China" erschien, rechtfertigte er jedes Warten. Nun amüsiert erneut eine Schreibkrise den Literaturbetrieb, und wieder heißt der Betroffene Rammstedt. Wobei er die Schreibkrise dieses Mal zum Thema eines Textes macht: Er schreibt über einen Schriftsteller namens Rammstedt, der den Actionheld Bruce Willis in Dutzenden Mails anfleht, eine Rolle in seinem Roman zu übernehmen - und ihn so zu retten. Ein Roman über das Romanschreiben, komisch und melancholisch zugleich.

Emmanuel Bove: "Begegnung".

Aus dem Französischen von Thomas Laux.

Lilienfeld; 448 Seiten; 24,90 Euro.

Die kleinen, komischen Lebenstragödien von nicht mehr ganz jungen Männern, die mit ihrer Mutter zusammenleben oder wegen einer Dummheit im Gefängnis gelandet sind - das ist der Stoff, aus dem der französische Schriftsteller Emmanuel Bove (1898 bis 1945) in seinen wunderbaren Erzählungen eine Atmosphäre sanfter, süßer Vergeblichkeit beschwört. 16 der 24 Geschichten dieses Buchs erscheinen zum ersten Mal auf Deutsch, in allen Erzählungen spürt man eine Trauer, die den einzigartigen Ton des Schriftstellers Bove prägte; man bestaunt seine Kunst der beiläufigen Charakterzeichnung und die feine Sympathie, mit der der stets diskrete, immer stilsichere und oft brutal lustige Autor schildert, wie die Träume und sexuellen Wünsche seiner Helden im Rinnstein des Lebens fortgespült werden, als wären sie Unrat.

Florian Weber: "Grimms Erben".

Verlag Walde + Graf; 414 Seiten; 24,95 Euro.

Ein Militärflüchtling, der versehentlich über eine Mauer ins Warschauer Ghetto springt. Ein Mobbing-Opfer, das sich an seinen Drangsalierern rächt wie ein Held aus einem Quentin-Tarantino-Film. Ein Bergwanderer, der bekifft neben einer Leiche erwacht. Die drei Schicksale, die Florian Weber in seinem Roman "Grimms Erben" verwebt, sind abstrus und schaurig. Genauso wie die Märchen, in denen sich seine Protagonisten verlieren. Humorvoll bissig entspinnt der Autor, im Hauptberuf Schlagzeuger der Band Sportfreunde Stiller, eine generationenübergreifende Geschichte, in der am Ende alles mit einem geheimen Eid zusammenhängt. Abgesehen von einigen abgestandenen Sprachbildern erweist sich der Musiker Weber auch als taktvoller Erzähler. Er sollte seine Trommelstöcke häufiger gegen Schreibfedern tauschen.

Jörg Hannemann: "Die Wärme des Körpers der Frau Pietsch".

Berlin University Press; 252 Seiten; 19,90 Euro.

Ein stolpernder Taugenichts ist Heinrich Glöde, ein charmanter Antiheld Anfang dreißig, so belesen wie desorientiert. Glöde landet als Hilfsarbeiter in einem norddeutschen Dorf namens Groß Schwülper, in dem er die Deckenmalereien einer romanischen Kapelle restaurieren soll. Stattdessen hält er sich jedoch mit Vorliebe in der Dorfkneipe auf und in den alles umschlingenden Armen seiner Vermieterin Frau Pietsch, einer Flüchtlingswitwe mit Aprikosenlikörproblem. Der Ausweg aus der Provinzfalle heißt Delmenhorst - aber da ist es auch nicht besser. Jörg Hannemann, Jahrgang 1942, hat einen lebensklugen und ganz gewiss nicht naiv erzählten Roman über einen grundnaiven Menschen geschrieben. Ganz nebenbei vermittelt er einen intensiven Eindruck der Atmosphäre, die in der Bundesrepublik der siebziger Jahre geherrscht hat.


KulturSPIEGEL 12/2012
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