31.12.2012

Neue Bücher

Andrej Iwanow: "Hanumans Reise nach Lolland". Aus d. Russ. v. Friederike Meltendorf. Kunstmann; 400 S.; 19,95 Euro.

Hanuman bekommt Sodbrennen von dänischem Magenbitter, Depressionen von den Gedanken an die Atomtests in Indien, Schluckauf von den Gesichtern der Menschen in ihren Gärten. Hanuman kann die dänische Sprache nicht ertragen, und ihm wird übel von der dänischen Provinz. Hanuman ist ein illegaler Einwanderer und ob seines Schicksals (und der unlogischen dänischen Buspläne) mies gelaunt. Im echten Leben würde man ihm niemals begegnen wollen, aber jede Seite, die man ihn begleiten darf, ist ein Vergnügen. Denn Hanumans Blickwinkel auf die vertraute, westliche, pittoreske Welt ist fies und fremd und voller Poesie. "Solide gearbeitet wie Säulen, die den trüben Himmel stützen" sind die Berufspendler aus dieser Sicht. "Über jedem leuchtete ein nimmer erlöschender Stern der Spezialisierung."

Edo Popovic: "Der Aufstand der Ungenießbaren". Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. Luchterhand; 192 Seiten; 17,99 Euro.

Kroatien im Jahr 2020. Das Staatswesen ist aufgelöst zugunsten einer unheiligen Allianz von Politik und Wirtschaft. Die großen Städte werden von einem Kartell beherrscht, sind durch Mauern geschützt und von Kameras bewacht. Außerhalb dieser Mauern liegt ein verödetes Land. "Wie kann man etwas besiegen, das kein Gesicht hat, das keine Niederlage kennt?" Das fragt sich eine kleine, versprengte Gruppe von Widerständigen, die sich "Die Ungenießbaren" nennt und sich zunächst die gerechte Verteilung von Gütern wie Nahrungsmitteln und Wasser auf die Fahnen geschrieben hat, bevor sie sich zu Terrorakten genötigt sieht und beginnt, Vertreter des Systems zu exekutieren. Popovics Dystopie hat Kraft und Wut, allerdings rennt sie nicht selten offene antikapitalistische Türen ein und verfängt sich dabei in Klischees.

Linus Volkmann: "Kein Schlaf bis Langenselbold".

Ventil Verlag; 220 Seiten; 12,90 Euro.

16-jährige Jungs mit schwerem Hormonüberschuss, viel Liebe zu schrecklichen Popsongs und Brutalehrgeiz in der eher mittelspannenden Sportart Feldhockey in der schauerlichsten südhessischen Provinz: Dieser im Jahr 1993 spielende Jugendroman steckt voller Zumutungen und netter Trash-Einfälle. Von sexuellen Eskapaden, fröhlichem Drogen- und Alkoholgebrauch und pubertären Liebesverwirrungen erzählt der Autor Volkmann, Jahrgang 1973, in einer Sprache, die sich um angebliche Grenzen des guten Geschmacks rein gar nicht schert, aber oft zum Lachen reizt. Es geht um Langeweile, Vorstadt-Nazis und Figuren, die Blödelnamen wie Jimi Blue Wagenknecht tragen. Sie schreien Trinksprüche herum, die auch als Motto für dieses Buch herhalten könnten: "Humpe humpe, Nachbar stumpe! Kurz gewunke! Humpe pumpe!"

Ansgar Oberholz: "Für hier oder zum Mitnehmen?"

Ullstein Extra; 240 Seiten; 14,99 Euro.

Ewige Berlin-Folklore! Am Anfang ist immer ein leeres Gebäude, graues Wetter und viel Geschichte. Daraus entsteht dann etwas Neues, noch nie Dagewesenes. So geht es auch Ansgar Oberholz, als er 2004 das Haus an der Ecke Torstraße und Rosenthaler Straße entdeckt. Das Ladenlokal steht leer, vorher waren hier ein trashiger Club und Burger King gewesen, und ganz früher ging Alfred Döblin hier essen, in "Berlin Alexanderplatz" kommt es auch vor. Oberholz eröffnet das Café St. Oberholz, das bald in den Ruf kommt, die Geburtsstätte der sogenannten digitalen Boheme Berlins zu sein. Davon erzählt sein Roman "Für hier oder zum Mitnehmen?", kurzweilig und mit Blick fürs Detail. Aber irgendwann, liebe Berliner, ist es dann auch mal gut mit dieser Feier der subkulturellen Unternehmensgründung. Lasst euch mal was anderes einfallen.


KulturSPIEGEL 1/2013
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