31.12.2012

Der Schriftsteller Martin Walser, 85, über Militärsprache, Kritiker und Aberglaube

Von Wellershoff, Marianne

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Martin Walser: Vielleicht war dies das unruhigste Jahr meines Lebens. Erst war ich bei der Heimat-Flak, im Sommer kam ich zum Arbeitsdienst, im Spätherbst zum Militär. Wie es mir zumute war, zeigen zwei meiner Gedichtzeilen aus dieser Zeit: "O, dass ich einsam ward / so früh am Tage schon." Ich war geradezu abhängig von Hölderlin, Schiller und George und habe deshalb das Wort "wurde" in der klassischen Veredelung "ward" geschrieben. In diesem Kriegs-Durcheinander fühlte ich mich als Lyriker.

Trieb der Zweite Weltkrieg Ihnen das Schreiben nicht aus?

Ich meldete mich zu den Gebirgsjägern, um nicht zur Infanterie zu müssen. In prächtiger Alpenwelt sind wir Ski gefahren. Tagsüber herrschte die Militärsprache, gegen die man sich abends Gedichte lesend oder Gedichte schreibend wehrte.

Waren Sie damals sicher, Schriftsteller werden zu wollen?

Es klingt anmaßend, aber ich habe geglaubt, ich sei einer.

Ging es Ihnen im Literaturstudium in Regensburg besser?

Ja, da fand ich Leute meines Schlags. Drei Semester lang habe ich fast ausschließlich Studententheater gemacht. Die Amerikaner hatten uns einen Saal überlassen, in dem machten wir ein richtiges Programm mit drei Vorstellungen pro Woche und Kabarett.

Spielten Sie auch Ihre Stücke?

Nein. Allerdings habe ich in "Leonce und Lena" eine Figur hineingeschrieben - einen Heutigen, der um Leonce und Lena herumtaumelt. Den habe ich auch selber gespielt.

Wann schrieben Sie erstmals Prosa?

Ab 1949 in Tübingen, für einen Kleinverlag, der Prosatexte an Zeitungen vermittelte. Meine erste Veröffentlichung war "Urleus" für die "Frankfurter Rundschau". Später schickte ich Texte zu Suhrkamp.

Anfangs arbeiteten Sie fürs Radio.

Ja, um Geld zu verdienen, aber nicht ohne Schmerzen an Leib und Seele, denn abends habe ich erst meine Doktorarbeit über Kafka und dann Erzählungen und meinen ersten Roman verfasst. 1957 bin ich an den Bodensee desertiert, um nur noch als Schriftsteller zu arbeiten.

Fiel Ihnen das Schreiben Ihres Debüt-Romans "Ehen in Philippsburg" leicht?

Nein, es war das schwierigste Buch überhaupt, weil ich weg musste vom Klangvorbild Kafka, von dem ich unwillkürlich abhängig war, musste ich also mit 28 Jahren einen mir gemäßen Erzählton finden.

"Das Einhorn" war 1966 Ihr erster Bestseller, ein noch größerer 1978 "Ein fliehendes Pferd". Macht Sie das stolz?

Für mich ist jedes Buch, an dem ich gerade arbeite, das wichtigste. Das "Fliehende Pferd" hat mich aber für eine längere Zeit aus finanziellen Bedrängnissen erlöst. Lobende Kritiken schaut man allerdings weniger intensiv an als bösartige. Das ist halt so.

Die Macht des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki haben auch Sie zu spüren bekommen.

Ja, ich habe mir das 25 Jahre lang gefallen lassen und dann 2002 das Büchlein "Tod eines Kritikers" geschrieben.

Das zum Skandal wurde. Bereuen Sie Ihr Buch?

Nein, ich wollte endlich antworten und dafür eine Form finden. Den Vorwurf des Antisemitismus fand ich grotesk. Zum Glück sah Reich-Ranicki, der das Buch nicht mochte, das genauso. Damals habe ich unseren Literaturbetrieb wirklich kennengelernt.

Ihr Werk umfasst rund 20 Romane. Wie diszipliniert sind Sie?

Früher habe ich am Vormittag angefangen zu arbeiten. Heute sind es noch vier Stunden, meist nachmittags. Nachts schreibe ich, wenn es sein muss, im Bett, mit beleuchtetem Kugelschreiber.

Ihr jüngstes Buch heißt "Das dreizehnte Kapitel". Sind Sie abergläubisch?

Mein Großvater hatte einen Gasthof, und da gab es die Zimmer 11, 12, 14. Seitdem hat die Zahl 13 mich fasziniert. Ich habe jahrelang Romanprojekten den Titel "Das dreizehnte Kapitel" gegeben. Aber erst jetzt passte er.

Martin Walserliest aus "Das dreizehnte Kapitel" (Rowohlt): Am 26.2. in Schwäbisch Gmünd, am 27.2. in Pforzheim.

Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 28. Januar 2013.

INTERVIEW: MARIANNE WELLERSHOFF


KulturSPIEGEL 1/2013
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