28.01.2013

Herz oder Hirn?

Kann eine Liebeskomödie Steven Spielbergs Polit-Drama schlagen? Wir wagen die Oscar-Prognose.
Bester Film
NOMINIERT
"Liebe", "Argo", "Beasts of the Southern Wild", "Django Unchained", "Les Misérables", "Life of Pi", "Lincoln", "Silver Linings", "Zero Dark Thirty"
GEFÄHRLICH
Silver Linings
Denn alle, die lieber auf ihr Herz als auf ihr Hirn hören, dürften eher für David O. Russells wundervolle Liebeskomödie "Silver Linings" stimmen. Kein filmhistorischer Meilenstein, aber so liebenswert und mitreißend, dass ihm fast jeder Zuschauer verfällt. Wie begeistert die Academy ist, zeigt sich schon daran, dass der Film als einziger für die "Big Five" nominiert ist: in den Kategorien Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller und Hauptdarstellerin. Das hat das letzte Mal "Million Dollar Baby" im Jahr 2005 geschafft - und am Ende den Hauptpreis geholt.
SOLLTE GEWINNEN
Zero Dark Thirty
Lange galt Kathryn Bigelows spektakulär guter Agentenfilm "Zero Dark Thirty" über die Jagd auf Osama Bin Laden als aussichtsreichster Konkurrent von "Lincoln". Bis in den USA eine fast hysterische Debatte begann, ob der Film mit seinen Waterboarding-Szenen etwa versucht, Folter zu rechtfertigen. Dabei ist eine der großen Qualitäten des Films gerade die Tatsache, dass er seinen Zuschauern eben keine einfachen Botschaften mitgibt und ihnen das moralische Urteil ganz allein überlässt. Hilft aber nichts. Kathryn Bigelow bekam am Ende keine Nominierung in der Regie-Kategorie, womit "Zero Dark Thirty" (wie auch Ben Afflecks Golden-Globe-Gewinner "Argo") chancenlos sein dürfte.
WIRD GEWINNEN
Lincoln
Ein Film über den amerikanischen Lieblingspräsidenten vom amerikanischen Lieblingsregisseur - es dürfte kaum ein idiotensichereres Rezept für einen Oscar-Sieg geben als das, nach dem Steven Spielberg sein saftiges Politiker-Epos "Lincoln" gekocht hat. Sowohl nach Nominierungen (12) als auch nach US-Einspielergebnis (über 150 Millionen Dollar) liegt der Film vor allen Oscar-Mitbewerbern. Mehr Favorit geht nicht. Doch ganz sicher darf sich Spielberg nicht sein, denn "Lincoln" verzichtet auf die Spielberg-typische Übersentimentalität und kommt als geradezu differenziertes, komplexes Geschichtsdrama daher. Gerade dafür wird er gefeiert, aber bei der notorisch gefühlsduseligen Academy ist so viel Zurückhaltung nicht immer gern gesehen.
Bester Darsteller
NOMINIERT
Daniel Day-Lewis ["Lincoln"] | Bradley Cooper ["Silver Linings"] | Hugh Jackman ["Les Misérables"] | Joaquin Phoenix ["The Master"] | Denzel Washington
["Flight"]
WIRD UND SOLLTE GEWINNEN
Daniel Day-Lewis
Das Einzige, was Daniel Day-Lewis seinen dritten Sieg als bester Hauptdarsteller kosten könnte, ist die Tatsache, dass der Oscar-Rekord in dieser Kategorie damit an einen Engländer gehen würde. Muss er aber, denn mit seinem Lehrbuch-Auftritt als Abraham Lincoln ist Day-Lewis eine Klasse für sich.
BITTE NICHT!
Denzel Washington
Wie immer präsentiert sich Denzel Washington in "Flight" als exzellenter Schauspieler. Das Drehbuch lässt ihn aber als drogen- und alkoholsüchtigen Bruchpiloten nicht viel mehr als die üblichen Trinkerfilm-Klischees abarbeiten.
VERKACKT
Joaquin Phoenix
Joaquin Phoenix hätte mit seinem feurigen Auftritt als labiler Veteran in "The Master" zum ernsthaften Konkurrenten von Day-Lewis werden können. Bis er die Oscars in einem Interview vor kurzem als "Bullshit" bezeichnete. So macht man sich in der Academy keine Freunde.
Beste Darstellerin
NOMINIERT
Jessica Chastain ["Zero Dark Thirty"] | Jennifer Lawrence ["Silver Linings"] | Emmanuelle Riva ["Liebe"] | Naomi Watts ["The Impossible"] | Quvenzhané Wallis ["Beasts of the Southern Wild"]
WIRD GEWINNEN
Jennifer Lawrence
Sie sprüht als lustige Witwe in "Silver Linings" vor Charme und Witz, weiß auch mit tiefgründigeren Momenten umzugehen und gilt sowieso gerade als angesagteste Schauspielerin Hollywoods. Eine Kombination, die Siegerinnen macht.
SOLLTE GEWINNEN
Jessica Chastain
Wenn es nur nach Leistung ginge, läge Chastain als entschlossene CIA-Agentin in "Zero Dark Thirty" vorn. Vor allem, weil sie den Film allein trägt und nicht (wie die Figur von Lawrence) einem Mann hinterherrennt. Gerade Letzteres findet das mehrheitlich männliche Wahlkomitee aber traditionell besonders toll.
GEFÄHRLICH
Emmanuelle Riva
Wenn sich Lawrence und Chastain gegenseitig zu viele Stimmen wegnehmen, könnte die Stunde der 85-jährigen Emmanuelle Riva schlagen. Als langsam sterbende Ehefrau in "Liebe" kann sie zu Tränen rühren und im nächsten Moment wieder eiskalt sein. Große Kunst.
Bester Nebendarsteller
NOMINIERT
Alan Arkin ["Argo"] | Robert De Niro ["Silver Linings"] | Philip Seymour Hoffman ["The Master"] | Tommy Lee Jones ["Lincoln"] | Christoph Waltz ["Django Unchained"]
WIRD GEWINNEN
Tommy Lee Jones
Als fanatischer Sklaverei-Gegner Thaddeus Stevens lässt sich der alte Profi Tommy Lee Jones nicht einmal von Daniel Day-Lewis an die Wand spielen. Außerdem hat er seit fast 20 Jahren keinen Oscar mehr bekommen, da wird es langsam mal wieder Zeit.
SOLLTE GEWINNEN
Alan Arkin
Das Beste an Ben Afflecks lustiger Agenten-Saga "Argo" (und die ist nicht gerade arm an Erfreulichkeiten) ist Alan Arkin als abgehalfterter Filmproduzent, der auf einmal bei einer internationalen Polit-Verschwörung helfen soll. Hat für seinen unvergessenen Auftritt in "Little Miss Sunshine" seinen letzten Oscar aber erst vor sechs Jahren bekommen.
BITTE NICHT!
Christoph Waltz
Ja, Christoph Waltz ist ganz toll als Sklavenjäger in "Django Unchained". Aber dort spielt er eindeutig eine Hauptrolle. Die Produzenten lassen ihn nur als Nebendarsteller antreten, weil sie sich hier mehr Chancen für ihn ausrechnen als gegen Daniel Day-Lewis. Nicht die feine Art.
Beste Nebendarstellerin
NOMINIERT
Amy Adams ["The Master"] | Sally Field ["Lincoln"] | Anne Hathaway ["Les Misérables"] | Helen Hunt ["The Sessions"] | Jacki Weaver ["Silver Linings"]
WIRD UND SOLLTE GEWINNEN
Anne Hathaway
Als Fantine singt Anne Hathaway im Musical "Les Misérables" das berüchtigte Schmachtstück "I Dreamed a Dream" so herzerweichend traurig, dass sie damit wahrscheinlich sogar eine Autobahn zum Weinen bringen könnte. Außerdem hat man danach endlich nicht mehr die Version von Susan Boyle im Kopf. Danke!
MILD GEFÄHRLICH
Sally Field
Sally Field ist toll als die psychisch labile Lincoln-Ehefrau und wäre nach 28 Jahren mal wieder fällig für einen Sieg. Anne Hathaway hat ihre Gewinner-Rede bei den Golden Globes genialerweise aber dazu genutzt, Field als ihr großes Vorbild zu preisen und damit gleich noch ein paar Sympathiestimmen eingeheimst.
BITTE NICHT!
Helen Hunt
In "The Sessions" spielt Helen Hunt sehr souverän eine Sex-Therapeutin ohne Berührungsängste und läuft einige Male nackt durchs Bild. Weil sie über 40 Jahre alt ist, wird sie dafür als besonders mutig bejubelt. Aber muss man dafür gleich einen Oscar kriegen?
Beste Regie
NOMINIERT
Michael Haneke ["Liebe"] | Benh Zeitlin ["Beasts of the Southern Wild"] Ang Lee ["Life of Pi"] | Steven Spielberg ["Lincoln"] | David O. Russell ["Silver Linings"]
WIRD GEWINNEN
Steven Spielberg
Selbst wenn "Silver Linings" als bester Film triumphieren sollte, wird sich die Academy kaum trauen, Steven Spielberg den Regie-Preis zu verwehren. So war es beispielsweise 1999, als er für "Der Soldat James Ryan" zum besten Regisseur gekürt wurde und "Shakespeare in Love" von John Madden als bester Film gewann. Für eine Überraschung sorgen könnte allenfalls Ang Lee, wenn die Academy findet, dass "Life of Pi" neben diversen Technik-Oscars wenigstens einen der Hauptpreise verdient.
Bester
ausländischer Film
NOMINIERT
"Liebe" [Österreich] | "Kon-Tiki" [Norwegen] "No" [Chile] | "Die Königin und der Leibarzt" [Dänemark] | "War Witch" [Kanada]
WIRD GEWINNEN
Liebe
Abgesehen vom besten Hauptdarsteller gibt es wahrscheinlich keine Kategorie, deren Sieger so sicher ist wie die beim besten ausländischen Film (ja, wir wissen, dass es eigentlich "bester nichtenglischsprachiger Film" heißt): Michael Hanekes brillante Sterbestudie "Liebe" ist immerhin auch als bester Film überhaupt nominiert, da dürfte dem Film wenigstens den Auslands-Oscar keiner nehmen können.
PREISVERLEIHUNG
Am 24. Februar werden um 17.30 Uhr Ortszeit im Dolby Theatre in Los Angeles die Oscars vergeben (deutsche Zeit: 25. Februar; 2.30 Uhr).
Bestes Original-
Drehbuch
NOMINIERT
"Liebe" | "Django Unchained" "Flight" | "Moonrise Kingdom" | "Zero Dark Thirty"
WIRD GEWINNEN
Liebe
Mark Boals moralinfreies Drehbuch zu "Zero Dark Thirty" dürfte der Academy zu kontrovers scheinen, ein ähnliches Problem hat bei der aktuellen Schusswaffendiskussion "Django Unchained" von Quentin Tarantino, der damit in dieser Kategorie allerdings immerhin schon einen Golden Globe gewonnen hat. "Moonrise Kingdom" von Wes Anderson und Roman Coppola und "Flight" vom Autor John Gatins sind Außenseiter. Bleibt als ernsthafter und auch verdienter Bewerber nur Michael Hanekes kunstvolles Buch zu "Liebe".
Bestes adaptiertes
Drehbuch
NOMINIERT
"Argo" | "Beasts of the Southern Wild" "Life of Pi" | "Lincoln" |
"Silver Linings"
WIRD GEWINNEN
Lincoln
Dass sich Spielberg bei "Lincoln" von so ungewöhnlich subtiler Seite zeigte, dürfte mit dem klarsichtigen Drehbuch zusammenhängen, das Star-Autor Tony Kushner aus der Lincoln-Biografie von Doris Kearns Goodwin gemacht hat. Kushner hat unter anderem schon einen Pulitzer-Preis, einen Emmy und zwei Tonys gewonnen. Jetzt ist der Oscar dran.
Illustrationen: Jörg Block
Von Sander, Daniel

KulturSPIEGEL 2/2013
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