28.01.2013

Schöner sitzen

Von Hollersen, Wiebke

Das neue Berliner Gefängnis Heidering hat apfelgrüne Fußböden, schicke Sportplätze und Loggien. Darf ein Knast so komfortabel sein?

Die Loggien waren ein kleiner Sieg für Josef Hohensinn. Er wollte sie unbedingt. Kleine, offene Räume, in denen man einen Luftzug spüren kann. Wind auf der Haut. Kälte, Wärme, Sonne womöglich. Räume, mit denen man "ein wenig gegen den Druck arbeiten kann", sagt er.

Man solle auf die Loggien achten, wenn man seinen neuen Bau besichtige, sagt Josef Hohensinn, der Architekt aus Graz.

Hohensinn hat für die Stadt Berlin ein neues Gefängnis gebaut, die Justizvollzugsanstalt Heidering. Der Bau ist fast fertig, man kann ihn sich ansehen, in der Nähe der Gemeinde Großbeeren, das ist in Brandenburg, aber das Grundstück gehört zu Berlin. Es gibt keine Mauer, die das Gefängnis verbirgt, nur einen doppelten Zaun, fünfeinhalb und sechs Meter hoch. Die Gebäude, die man dahinter erkennt, die Fassaden ockerfarben oder rostrot, könnten zu einer gutgesicherten Fabrik gehören. Ein Zweckbau, keine Festung, zwischen Äckern und Bahngleisen. Im April sollen die ersten Häftlinge hierher verlegt werden. Es gibt 648 Einzelzellen in Heidering, erwachsene Männer werden hier sitzen, geschlossener Vollzug.

Geschlossener Vollzug mit Loggien.

In der Teilanstalt I, einem der drei Häuser, in denen die Zellen liegen, lässt der Vollzugsdienstleiter Markus Jahnsmüller eine Schiebetür aufgleiten. Die Tür ist aus Glas. Der Fußboden in der Teilanstalt I ist apfelgrün, die Wände sind weiß. Jahnsmüller trägt eine Uniform, auf der "Justiz" steht, und einen kleinen Schnauzbart, er wirkt in diesem Raum etwas altmodisch.

Es ist ein Gemeinschaftsraum, der auch in einem neuen Hostel liegen könnte, es gibt natürlich kein WLAN, aber die Küchenzeile wird bald eingebaut. Die Männer sollen gemeinsam kochen können. Hinter der Schiebetür öffnet sich der Gemeinschaftsraum zur Loggia, und bevor das zu sehr nach Italien-Urlaub klingt, sagt Jahnsmüller, man könne sich ruhig mal rausstellen.

Die Loggia ist ein schmaler Balkon, die offene Seite von oben bis unten vergittert wie ein Käfig. Das Urlaubsgefühl weicht einem Zoogefühl. "Es ist ein Gefängnis, das kann man nicht wegschummeln", sagt Josef Hohensinn, der Architekt.

Vor zehn Jahren hat er schon mal ein Gefängnis gebaut, in der Kleinstadt Leoben, nicht weit von seiner Heimatstadt Graz, in Österreich. Sein Büro war zu einem Wettbewerb eingeladen worden für das Gerichtsgebäude von Leoben und gewann. Die Haftanstalt kam dann noch hinzu.

Hohensinn war noch nie in einem Gefängnis gewesen und besuchte auch erst mal keins. Stattdessen sprach er mit Leuten, die im Gefängnis gesessen hatten.

Hohensinn fragte sie nicht, wie ein Gefängnis aussehen solle, sondern er wollte wissen, wie das Leben in einem Gefängnis ist und wie es sein sollte. Architektur könne nur bauliche Voraussetzungen schaffen, sagt Hohensinn. Wofür, das müsse man vorher herausfinden.

Hohensinn sprach damals mit einem Mann, von dem er oft erzählt, wenn er seine Gefängnisbauten erklärt. Dieser Mann blieb nach seiner Haftzeit lange vor jeder verschlossenen Tür stehen. Er griff nicht nach der Klinke, sondern wartete, dass ihm jemand aufschließen würde.

Seine Architektur, entschied Hohensinn, sollte zwei Bedingungen erfüllen: Die Leute sollen nicht vergessen, dass sie im Gefängnis sind. Aber sie sollen auch nicht vergessen, wie man eine Tür aufschiebt, wie es ist, mal ins Freie zu treten. Auch wenn das Freie nur ein vergitterter Balkon ist.

Gemeinsam mit seinem Team entwarf Hohensinn für das Gefängnis in Leoben ein System aus miteinander verbundenen Pavillons - Pavillons, auch so ein heiteres, leichtes Wort. Gemeint sind die Häuser, in denen bis zu 15 Zellen liegen, wie Zimmer in Wohngemeinschaften, außerdem je eine Teeküche, ein Aufenthaltsraum. Und eine Loggia. Die Zellen erhielten Fenster, die von der Decke bis fast zum Boden reichen.

Für das Justizzentrum Leoben, Gerichtsgebäude und Gefängnis, gewann Hohensinn mehrere Preise. "Verbrechen zahlt sich aus", schrieb die New York Times, was natürlich ein Bonmot war.

In Heidering gehören jeweils 18 Zellen zu einer Wohngruppe, auch hier sind die Fenster in den Zellen beinahe raumhoch. Die Fenster haben zwei Flügel, einen schmalen, den jeder Gefangene öffnen darf und vor dem Lochblech hängt, damit er keinen Müll rauswirft. Vor dem breiteren Flügel hängt nur ein Gitter. "Den muss man sich verdienen", sagt Jahnsmüller, der Vollzugsdienstleiter in der Haftanstalt I. Wer sich gut benimmt, darf den zweiten Flügel öffnen.

Jahnsmüller will nicht wirken, als habe er etwas gegen die großen Fenster. Ganz im Gegenteil. "Helligkeit ist eine angenehme Sache, die entspannt, auch den Bediensteten", sagt er. Er sei ja nun schon seit 27 Jahren im Vollzug.

Die meiste Zeit war Jahnsmüller in der JVA Tegel, Berlins größtem Gefängnis, eröffnet im Jahr 1898, hinter dicken Backsteinmauern. Die Zellen in Tegel I, dem ältesten Teil des Gefängnisses, sind nur 5,3 Quadratmeter groß. Im Jahr 2009 entschied das Berliner Verfassungsgericht, dass es gegen die Menschenwürde verstößt, Menschen dort einzusperren.

Die Zellen in Heidering sind doppelt so groß, 10,3 Quadratmeter, Toilette und Waschbecken mit dünnen Wänden vom Rest des Raums getrennt.

Tegel, das waren die Ideen von vor über hundert Jahren, sagt Jahnsmüller. Die dicken Mauern trennten das Gefängnis von der Welt. Inzwischen soll ein Gefängnis die Welt spiegeln. Es gilt das Strafvollzugsgesetz, auch schon seit 36 Jahren, in dem steht: Das Ziel der Haft ist die Resozialisierung.

Eine sehr zeitgemäße Idee, die in Heidering nun auch gelten soll, erwähnt Anke Stein beim Rundgang durch das Gefängnis vor fast jeder Glasscheibe: "Das Prinzip ist Transparenz", sagt sie. Anke Stein hat sechs Jahre lang in der Berliner Justizverwaltung das Gefängnis geplant, nun ist sie Anstaltsleiterin. Es gibt viele Glasscheiben in Heidering.

Jedes der drei Häuser, in denen die Zellen untergebracht sind, sieht von oben aus wie ein großes X, zwei Gänge kreuzen sich, an der Kreuzung liegen verglaste Büros, wie Aquarien. Die Bediensteten können jederzeit in alle Gänge schauen, "panoptisches System" wird diese Art der Rundumüberwachung genannt, das ist noch eine Idee aus dem 18. Jahrhundert. In Heidering können aber nun auch die Bewachten jederzeit ihre Bewacher beobachten.

In der Mitte der gesamten Anstalt liegt ein Gang mit Wänden aus Sicherheitsglas, die "Vollzugsmagistrale", 260 Meter lang, videoüberwacht, eine Art Hauptstraße, die alle Gefängnisteile miteinander verbindet. Sie ist überdacht, aber nicht beheizt, die Gefangenen sollen merken, ob draußen Winter ist oder Sommer. Die Gefangenen sollen allein die Magistrale entlanglaufen, zur Arbeit, zur Schule, das spart Personal und ist eine weitere Übung für das Leben draußen.

Ein Gefängnis soll die Welt draußen spiegeln. In der JVA Heidering, so viel kann man schon sagen, spiegeln sich zumindest viele der Ansprüche, die diese Gesellschaft an sich selbst stellt. Es gibt behindertengerechte Hafträume, Lärmschutzdecken, viele Höfe, man kann Vollwertkost essen, wenn man das möchte. Demnächst soll ein Windrad geliefert werden, auf dem eine Skulptur stehen wird. Die Skulptur wird einen Mann zeigen, der Ausschau hält.

Es ist alles sehr zeitgemäß, möglicherweise ist es für einige auch eine Zumutung, dass ausgerechnet ein Gefängnis so gut durchdacht ist. Die Baukosten und die Bauzeit, 118 Millionen Euro, zweieinhalb Jahre, blieben im Plan. Die Boulevardzeitung "B.Z." fand schon mal, die Sportplätze seien zu schön, besser in Schuss als in vielen Berliner Schulen. Das stimmt, es sind gute Sportplätze, drei Stück sogar.

Darf ein neues Gefängnis neue Sportplätze haben, solange es noch Schulen mit maroden Turnhallen gibt? Auch die Toiletten sehen in vielen Berliner Schulen schlimmer aus. Darf ein Gefängnis schön sein?

Josef Hohensinn, der Architekt, sagt am Telefon aus Graz, ach, er sehe sein Gefängnis gar nicht als einen schönen Bau an. Es sei doch nur normale, gebaute Umgebung, ein Nutzgebäude. "Es muss aber ja nicht absichtlich hässlich sein", sagt Hohensinn.

Hohe Fenster und apfelgrüne Fußböden: Hässlich wirkt die JVA Heidering wirklich nicht, nicht auf Besucher. Es ist aber auch nicht so, dass man sich nach einem Rundgang dort sofort eine Zelle wünscht. Durch die Gitter der Loggia und den doppelten Zaun kann man eine Straße sehen, Autos, die vorbeifahren. Man ist froh, wenn man selbst wieder auf dieser Straße ist.

Fotos: Ludwig Rauch


KulturSPIEGEL 2/2013
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