28.01.2013

Die Voyeurin

Von Becker, Tobias

Die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke dringt ein ins Leben der Unterschicht.

Was guckst du? Inger-Maria Mahlke war noch ein Kind, als sie mit ihrer Leidenschaft das erste Mal aneckte: In einem Freibad beobachtete sie die anderen Gäste so lange und so genau, dass eine Mädchen-Gang ihr Schläge androhte. "Wenn ich mir eine übernatürliche Fähigkeit aussuchen könnte", sagt sie heute, "dann wäre das: unsichtbar sein." Eine ideale Fähigkeit für eine Voyeurin.

Mahlke, 35, beobachtet fremde Menschen nach wie vor gern. Und sie beobachtet sie gut. Das beweist ihr Roman "Rechnung offen", der in wenigen Tagen erscheint. In ihm nimmt die Schriftstellerin den Kapitalismus ins Visier, den Konsumismus, die Gentrifizierung. Und die Probleme, die diese in ihrer Neuköllner Nachbarschaft anrichten. Aus ihrem Fenster kann Mahlke die Umzugswagen zählen; einmal waren es neun innerhalb weniger Minuten. Sie rollen an und überrollen die alten Bewohner. "Rechnung offen" ist Mahlkes Abschiedsgruß an sie.

Einen Auszug las die Autorin bereits bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt; sie gewann den Ernst-Willner-Preis und die Herzen der Kritiker. Mahlke habe die "gegenwärtigste Geschichte" beigetragen, schrieb der "Tagesspiegel", ihr Blick auf die Unterschicht sei "soziologisch scharf", lobte "Die Welt". Das Literaturhaus Hannover hat Mahlke nun als Expertin eingeladen. Mit dem Politikprofessor Christoph Butterwegge spricht sie am 20. Februar über die "ignorierte Armut mitten im Reichtum".

Mahlke hat in ihrem Roman bewusst auf die Ortsbezeichnung "Neukölln" verzichtet: "Ich wollte das Buch aus dem Diskussions-Hype heraushalten. Der Name Neukölln ruft mir zu schnell einen Referenzrahmen auf: Migrationsdebatte, Kriminalitätsdebatte, Gentrifizierungsdebatte." Allein: Der Verlag hat den Namen "Neukölln" auf den Umschlag gesetzt - und sie damit mitten hinein in den Diskussions-Hype.

Auch wenn sie dort nie hinwollte: Falsch ist sie dort nicht. "Das Figurenpersonal bildet Neukölln ab", sagt Mahlke, "der Roman ist die Essenz meiner Beobachtungen aus gut 15 Jahren."

Mahlke riss mit 18 von zu Hause aus, nach Barcelona. Monatelang telefonierte ihre Mutter Hotels durch, bis sie ihre Tochter wieder unter Kontrolle brachte. Das heißt: so halb unter Kontrolle, denn ganz wollte Mahlke nicht zurück ins heimische Lübeck. Sie zog nach Berlin-Neukölln, machte ihr Abitur nach, studierte Jura, arbeitete am Lehrstuhl für Kriminologie der Freien Universität. "Meine Zeit als Anzugmaschine", nennt sie dieses Leben, ein Leben wie aus einem bürgerlichen Bilderbuch. Doch Mahlke hatte immer davon geträumt, selbst Bücher zu schreiben.

Es war ein Traum, den sie fast beerdigt hatte, mit Anfang dreißig, als der Aufbau Verlag ihr Debüt "Silberfischchen" kaufte. Mit einem Auszug gewann sie den renommierten Nachwuchspreis "Open Mike", mit dem kompletten Roman den Klaus-Michael-Kühne-Preis des Harbour-Front-Literaturfestivals. Eine Spätzünderin, die den Literaturbetrieb umso schneller in den Griff bekam.

Die Hauptfigur in "Silberfischchen" ist Hermann Mildt, ein pensionierter Polizeibeamter, der zwanghaft fotografiert, um die bedrohliche Außenwelt auf den Fotos stillzuhalten. Kontrolle und die Angst vor Kontrollverlust sind die Motive dieses Romans, und sie bestimmen auch Mahlkes neuen Roman.

Da ist die Backshop-Mitarbeiterin Manuela, die sich zur Domina ausbildet, um im Schutz der Latexmaske einen Ausweg aus ihrem Unterschichtsleben zu finden. Da ist Manuelas vorpubertärer Sohn Lucas, der seine Spielsachen wie besessen sortiert. Da ist die demente Seniorin Elsa Streml, die 49 Jahre lang in einer Seidenblumen-Manufaktur gearbeitet hat: "Sie schloss die Augen und stand in der Mitte des Lagers, wusste, wie viele Schritte es zu jeder Seite waren, ohne dass sie an ein Regal stieß, konnte jede Schublade fühlen, jede einzelne Blumenreihe. Als wenn an jedem Schubfach ein Faden befestigt wäre und am anderen Ende des Fadens sie, und die Fäden hielten sie an ihrem Platz in all dem Gewühle."

Zu Mahlkes soziologischem Blick gehört der Verzicht auf Moral und Psychologie. "Ich misstraue der Psychologie. Sie vereinfacht die Dinge. Sie erklärt alles - und sie gewinnt nichts." Ihre Figuren lässt die Autorin handeln, aber sie lässt sie fast nicht reflektieren. "Reflexion legt in Romanen alles fest. So sind Menschen nicht, sie reflektieren fünfmal am Tag anders über die Dinge."

Mahlke erzählt kaltherzig konsequent, wie die Figuren durch ihr prekäres Leben treiben. Etwa der kaufsüchtige Psychotherapeut Claas Jansen, der Porzellanfiguren sammelt, um Halt zu finden. Oder seine kiffende Tochter Ebba, eine verschwitzte Wuchtbrumme, die sich immer wohl gefühlt hatte zwischen Wettbüros und Döner-Imbissen, weil sie dachte, trotz abgebrochener Ausbildung "eine von den Begünstigten zu sein, nur vorübergehend hier, zufällig, die anderen dazu verdammt". Doch dann begann die Invasion der Mit-Laptop-im-Café-Sitzer, die Gentrifizierung.

"Fragilität gibt Stabilität", sagt Mahlke, das beobachte sie oft in ihrer Neuköllner Nachbarschaft: "Das prekäre Umfeld gibt eine Art Geborgenheit, die Menschen wollen da nicht weg, genauso wenig wie meine Figuren."

Die Figuren, neben den genannten rund ein Dutzend weitere, sind alle verknüpft mit demselben Neuköllner Haus, aber ihre Leben, die sind kaum verknüpft. Mahlke führt sie nicht zu einer geschlossenen Geschichte zusammen, sie springt zwischen ihnen hin und her, und das ist beim Lesen schwer unter Kontrolle zu bekommen - ein genialer Kniff, der den Leser genauso haltlos macht wie die Figuren. Innerhalb der chaotischen Struktur aber beschreibt Mahlke ihre Figuren pedantisch genau. Mit überbordenden Details versucht sie, sie zu fixieren und in ihrer Romanwelt zu verankern. Es ist ein Ringen um Kontrolle.

Ein Ringen, das zu Mahlkes Leidenschaft passt, fremde Menschen zu beobachten. Und zu ihrem Traum, unsichtbar zu sein. "Zu schauen gibt einem Kontrolle", sagt sie, "selber werde ich ungern angeschaut. Ich nehme mehr als ich geben will."

Welch Glück, dass Romanfiguren nicht zurückschauen.

Inger-Maria Mahlke: "Rechnung offen". Berlin Verlag; 284 Seiten; 19,99 Euro. Erscheint am 12. Februar.

Foto: Nadine Elfenbein


KulturSPIEGEL 2/2013
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