28.01.2013

Herzdispo

Von Keller, Maren

In Sascha Rehs Finanzkrisen-Roman "Gibraltar" ruiniert ein Banker seine Bank und seine Familie.

B ei Sascha Reh ist die Finanzkrise Geschichte - und was für eine! Der Banker Bernhard Milbrandt verzockt sich und ruiniert die Bank Alberts, bei der er angestellt ist. Er setzt sich ab nach Südspanien, ob Burnout oder Bankräubertum dahintersteckt, kann niemand wirklich sagen. Während der alte Alberts nach einem Schlaganfall im Sterben liegt, wird Bernhard verfolgt von: seiner schizophrenen Stieftochter, seiner Frau Carmen, die sich in einer bizarren Abhängigkeitsbeziehung zu ihm befindet, und Alberts' Sohn, dessen Platz Bernhard eingenommen hatte.

Sascha Reh, 38, beeindruckte 2010 mit seinem Debütroman "Falscher Frühling" über eine Familienkrise. Ausgezeichnet wurde er damals für sein erzählerisches Niveau, die intellektuelle Tiefe und den artifiziellen Aufbau - alles Eigenschaften, die auch "Gibraltar" aus den Frühjahrsneuerscheinungen herausragen lässt. Nur dass es dieses Mal um eine Krise geht, bei der kein Rettungsschirm noch irgendetwas richten könnte. "Gibraltar" besteht aus sechs Teilen, die jeweils aus der Sicht einer Figur erzählt werden und immer neue emotionale Abgründe erkennen lassen. Seite um Seite wird so klarer, um was für eine Bankrotterklärung es sich hier in Wahrheit handelt: um eine moralische in erster Linie. Alle Figuren leben und reden und handeln aneinander vorbei und sind letztlich innerlich so leer, dass ihre Herzen tief im Dispo sein müssen.

Sascha Reh: "Gibraltar". Schöffling; 464 Seiten; 22,95 Euro. Ab 4.2.


KulturSPIEGEL 2/2013
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