28.01.2013

Neue Bücher

Von Keller, Christoph Schröder Wolfgang Höbel Kaspar Heinrich Maren

Scott Bradfield: "Die Leute, die sie vorübergehen sahen". Aus dem Englischen von Manfred Allié. Residenz; 240 Seiten; 21,90 Euro.

Ganz ohne jede Vorwarnung ereignet sich gleich im ersten Satz von Scott Bradfields neuem Roman eine Ungeheuerlichkeit: Ein Heizungsmechaniker packt in einem fremden Haus die dreijährige Salome Jensen und nimmt sie mit. Doch Bradfield macht daraus keine Tragödie, sondern etwas viel Raffinierteres - er schlüpft in das Bewusstsein des entführten Mädchens, das ihr Dasein in einer Mischung aus stoischer Abgebrühtheit und unfassbarer Lebensklugheit analysiert. Sal wird zu einer Vagabundin und zu einem Medium, durch das die Eindrücke von einem tristen Land namens USA fließen. Bereits vor 20 Jahren, in seinem Debüt "Die Geschichte der leuchtenden Bewegung", hat Bradfield die Erwachsenenwelt aus der Perspektive eines Kindes entlarvt. Und auch der neue Roman ist ein Angriff auf vermeintliche Gewissheiten.

Birk Meinhardt: "Brüder und Schwestern".

Hanser; 704 Seiten; 24,90 Euro.

In der DDR hat das 20. Jahrhundert offenbar nicht stattgefunden, zumindest nicht in der Bestsellerliteratur über dieses zunehmend ferne Land. Wie die Erfolgsromane "Der Turm" von Uwe Tellkamp und "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von Eugen Ruge schlägt auch "Brüder und Schwestern" derart altväterliche Töne an, als wären die "Buddenbrooks" der neueste heiße Scheiß auf dem Literaturmarkt. Das Familien-Epos, das Birk Meinhardt erzählt, handelt von einem ostdeutschen Mitläufer namens Willy Werchow, der eine Druckerei in Thüringen leitet, seinen teils rebellischen Kindern, seinem besten Freund Achim und diversen üblen Menschenschindern. Nix dagegen, dass auch diese DDR-Saga ein großes Lesepublikum begeistern dürfte; der Sprachschwulst aber lässt einen manchmal fürchten, er könne ein paar Seiten dieses dicken Buchs verkleben.

Jonas T. Bengtsson: "Wie keiner sonst".

Aus dem Dänischen von Frank Zuber. Kein & Aber; 448 Seiten; 22,90 Euro. Ab 4.2.

Wenn sie umziehen, lacht der Vater viel. Doch wozu die ständigen Wechsel von Job und Wohnung? Der siebenjährige Ich-Erzähler liebt seinen Vater, aber er wundert sich auch: darüber, dass er nicht zur Schule gehen darf und den Vater immer wieder Alpträume plagen. Oft verschwindet der rauchend hinter einer Zeitung, und was er über das Leben sagt, klingt klug und bestimmt: Geld mache Menschen merkwürdig, man dürfe nicht sein wie alle anderen. Der Sohn nimmt das Nomadenleben genügsam hin - bis an einem Tag im Jahr 1989 das Unfassbare geschieht. Jonas T. Bengtsson schreibt in der staunenden und genau beobachtenden Sprache eines Kindes. Er erzählt auf ein sich leise anbahnendes Unheil zu und spinnt die Geschichte des erwachsen werdenden Jungen in der zweiten Romanhälfte mit ihren bitteren Konsequenzen weiter.

Jonas Lüscher: "Frühling der Barbaren".

C. H. Beck; 128 Seiten; 14,95 Euro.

Die Ochsenfelle in einer tunesischen Pension registriert Preißing "mit der besonderen Freude der Wissenden", wie es an einer Stelle dieser Novelle heißt. Denn er erkennt darin sofort einen Verweis auf das isoperimetrische Problem (das es sich zu googeln oder in diesem Buch nachzulesen lohnt). Wer die Freude des Wissenden zu schätzen weiß, wird dieses kluge Debüt lieben, denn es ist voll von Verweisen auf die Literatur- und Philosophiegeschichte. Seinem Ton gemäß müsste man es in einer Mahagoni-Bibliothek aufbewahren, in der Abteilung für Ethnologie. Denn es ist eine Studie über Zivilisation und Barbarei in Zeiten der Finanzkrise. In seinem tunesischen Resort trifft Preißing eine exotische Hochzeitsgesellschaft aus jungen englischen Bankern, deren Gebaren er mit Staunen betrachtet, während England untergeht.


KulturSPIEGEL 2/2013
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