28.01.2013

Der ZZ-Top-Sänger Billy Gibbons, 63, über Gitarren, Elvis und tiefenentspannten Blues

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Billy Gibbons: Mit 17 startete ich meine erste Band The Moving Sidewalks. Vor allem aber kaufte ich mir die beste Gitarre meines Lebens - "Pearly Gates", die ich bis heute noch spiele. Damals überließ ich einer Freundin, die ein Angebot aus Hollywood hatte, mein altes Auto, um von Texas nach Los Angeles zu fahren. Die Bedingung war, dass sie die Kiste vor Ort verkauft und mir den Erlös schickt. Der Umschlag mit den 250 Dollar erreichte mich an dem Tag, an dem ich die Gitarre, die exakt so viel kostete, in einem Laden entdeckte. Ein Wunder!
Gab es für Sie einen Plan B?
Meine Eltern waren nicht begeistert davon, dass ich als Rockmusiker meinen Lebensunterhalt bestreiten wollte. Aber für mich war klar, dass es keine Alternative gibt, seit ich mit fünf ein Elvis-Konzert erlebte. Dieses unfassbare Erlebnis hatte ich meiner Mutter zu verdanken. Ich war baff, und in meinem Kopf schrie seitdem eine Stimme: Das ist es! Das will ich auch machen!
Ihr Vater war ebenfalls Musiker. Was lernten Sie von ihm?
Mein Vater spielte nur raffinierte Sachen für Hollywood-Produktionen, die sehr erwachsen klangen. Mein Onkel war auch ein Star im Filmmusikgeschäft. Ich dagegen liebte von klein auf den Blues. Eines Tages gab Dad mir einen entscheidenden Rat: "Wenn du darauf bestehst, mit diesem Gitarren-Krimskrams weiterzumachen, dann tu dir einen Gefallen: Spiel immer nur Musik, die du selbst hören magst. Und lass dir nie von irgendwelchen Lehrern einreden, was gut ist, denn was gut ist, entscheidest allein du." Diesen Ratschlag beherzige ich bis heute.
Wie kamen Sie auf den Blues, Ihre bevorzugte Musik?
Der Blues war für mich und meine Schwester schon deshalb anziehend, weil meine Eltern ihn hassten: diese laute, verrückte und zutiefst schmutzige Musik. Wir hatten damals zwei schwarze Haushälterinnen, denen es großen Spaß machte, wenn sie einkaufen gingen, immer einige Blues-Platten mitzubringen. Heimlich natürlich. Die zwei zischten immer begeistert: "Verratet es bloß nicht euren Eltern." Meine Mutter schimpfte auch regelmäßig: "Wo kriegt ihr Kinder bloß immer diese schrecklichen Platten her?"
Haben Sie die Platten noch?
Jede einzelne. Außerdem jede Original-Single von Elvis, Johnny Cash, Howlin' Wolf und John Lee Hooker. Ich habe eine riesige Musiksammlung. Außerdem habe ich zu jeder Platte, die ich besitze, irgendeine Anekdote auf Lager. Ich bin sozusagen eine lebende Jukebox. Allerdings interessiert mich keine Platte, die nach 1958 entstand.
Mit ZZ Top gingen Sie Ihre Karriere auch immer verschmitzt an. Wie wichtig ist Humor im Rock'n'Roll?
Für uns bedeutete er eine Abgrenzung gegen die wechselnden Moden der Zeit. Als wir vor über 40 Jahren mit ZZ Top begannen, wollten alle Musiker so sein wie Bob Dylan. Alle wollten damals Künstler sein und stellten ihre Poesie, Ernsthaftigkeit und Sinnsuche zur Schau. Nur wir von ZZ Top wollten keinesfalls wie Bob Dylan sein. Wir nahmen unsere Musik sehr ernst, aber alles andere war uns wirklich egal. Wir hatten sowieso nie eine Botschaft. Der Blues, der uns stets heilig war, ist letztlich auch nur Unterhaltungsmusik. In Extremfällen ist der Blues sogar Comedy. Wir fragten uns bei jeder Platte nur, ob Howlin' Wolf unsere Musik gefallen würde, alles andere war uns schnuppe.
Sie sind seit mehr als 40 Jahren mit demselben Personal bei ZZ Top. Wie oft haben Sie sich gefetzt?
Nie. Wir sind langweilige Typen, denen ihre Instrumente so viel Spaß machen, dass sie immer tiefenentspannt sind. Einen Job zu haben, der einem nach so unfassbar langer Zeit noch gute Laune macht, ist ein toller Luxus. Und das begreift man immer besser, je älter man wird.
Billy Gibbons ist Gitarrist und Sänger bei der texanischen Rockband ZZ Top. Zuletzt erschien deren Album "La Futura" (Universal). Ab 30.6. gehen ZZ Top in Deutschland auf Tournee. Karten: www.mlk.com
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 25. Februar 2013.
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 2/2013
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