30.09.1996

Richard Swartz

Vor einem Vierteljahrhundert reiste Richard Swartz, damals 24, zum erstenmal hinter den Eisernen Vorhang - und glaubte, er könne die Fremdheit Osteuropas mit Neugier und Offenheit schnell überwinden. Es war 1970, als der Absolvent der Stockholmer Handelshochschule zur Promotion nach Prag auszog, um sich eine Welt, die er nur aus Geschichts- und Slawistik-Seminaren kannte, zu erobern. Damals erschienen ihm die äußeren Mauern höher als die Barrieren im Innern der Menschen. Heute, nachdem die sichtbaren Hindernisse verschwunden sind, sieht er das anders. Sein Aufbruch ins andere Europa, sagt er mit leiser Resignation, "war der Versuch, eine Grenze zu überschreiten, die wahrscheinlich nicht zu überschreiten ist".
Mit seiner Ausbildung hätte er Spitzenmanager oder Bankier werden können, irgendein hoffnungsloser Erfolgsmensch eben. Aber er wurde Journalist, einer der stilsichersten und politisch einflußreichsten seines Fachs. Seit 1972 berichtet er frei, seit 1976 fest für Svenska Dagbladet über Osteuropa, mit Sitz in Wien. Von dort aus hat er das Siechtum des realen Sozialismus beobachtet - und vielleicht ein wenig beschleunigt. Seine Artikel hatten Gewicht in Dissidentenkreisen.
Swartz legt Wert darauf, "auch als Journalist ein Autor" zu sein, und weil Hans Magnus Enzensberger von den Reportagen des Schweden begeistert war, verlangte er ihm einen Erzählungsband ab. Das Ergebnis heißt "Room Service", und Swartz geht in den 18 Erzählungen der Frage nach, "wie es wirklich war" - immer im Bewußtsein, daß die Wahrheit nur näherungsweise zu bestimmen ist.
Man begegnet tschechischen Philistern und albanischen Überlebenskünstlern, der Masseuse der Ceausescus und dem König der rumänischen Roma. Man begleitet Swartz beim Durchforsten seiner Stasi-Akte und legt sich mit ihm depressiv in ein Warschauer Hotelbett. Und einmal entdeckt man mit ihm im polnischen Przemy'sl das Ende Europas - als Ort, von dem aus man sein eigenes Leben etwas genauer betrachten kann.
"Room Service" belebt eine Tradition des literarischen Journalismus, für die derzeit vor allem der Pole Ryszard Kapu'sci'nski steht. Der berühmte Kollege bewundert Swartz denn auch für sein "Schreiben voll balancierter Passion und kluger Reflexion". Und es ist eine späte Antwort an Péter Nádas, mit dem Swartz vor Jahren den Dialogband "Zwiesprache" veröffentlichte. Ob er nicht auch Belletristisches schreibe, wollte der ungarische Autor wissen. Swartz antwortete mit einem allzu bestimmten Nein - daß er sich anders besonnen hat, ist ein Glücksfall.
Gregor Dotzauer
Richard Swartz: "Room Service". Aus dem Schwedischen von Jörg Scherzer. Eichborn Verlag, Frankfurt; 372 Seiten; 48 Mark.
Von Gregor Dotzauer

KulturSPIEGEL 10/1996
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