28.10.1996

Isabel Kreitz

Im Alltag malt sie Ottifanten in Serie, jetzt ist der Hamburgerin ein Ausnahme-Comic gelungen: „Die Entdeckung der Currywurst“.
Es war einer dieser magischen Momente, die im wirklichen Leben seltener sind als in der Literatur - plötzlich scheint alles klar und einfach, und der Mensch ist frei von allen Zweifeln. Als Isabel Kreitz "Die Entdeckung der Currywurst" von Uwe Timm zu Ende gelesen hatte, spürte sie ein aufregendes Kribbeln. "Ich hatte schon länger nach einer Idee für ein neues Album gesucht", erzählt die 29jährige Zeichnerin. "Und hier waren plötzlich all die Themen, die mich interessieren, in einer Geschichte. Daraus mußte ich einfach einen Comic machen." Mit Currywürsten hatte die Hamburgerin, die ihr Handwerk unter anderem in der Parsons School in New York gelernt hat und zum Broterwerb in einem Cartoon-Studio Ottifanten zeichnet, Erfahrung: Vor zwei Jahren malte sie ein Buch mit Cartoon-Strips über eine Imbißbude. Aber noch mehr interessierten die Zeichnerin der Ort und die Zeit von Timms Geschichte - Hamburg, Kriegsende.
Seit Jahren nervt sie alle alten Menschen in ihrer Umgebung mit Fragen nach der Vergangenheit. Auf Flohmärkten ersteht Isabel Kreitz Dinge wie ihr Grammophon: aus Edelholz, von Dual. Die Schellackplatten, die neben der Underworld-CD liegen, hat sie von ihrem Großvater geerbt. Wer die Tür zu ihrer Wohnung in Altona durchschreitet, begibt sich auf eine Zeitreise: Alles erinnert an die dreißiger und vierziger Jahre - der Schnitt ihrer Anzüge, ihre Frisur, ihre gußeisernen Pfannen; sogar die Muster an der Wand hat sie nach einer alten Vorlage aufgetragen.
Da kam die Geschichte der Frau Brückner, die im Altenheim dem namenlosen Erzähler berichtet, wie sie die Currywurst erfand und wie der Alltag aussah damals, in den letzten Kriegsjahren, natürlich genau richtig. Isabel muß den alten Leuten gut zugehört haben; ihre Bilder vermitteln viel Gespür für das Lebensgefühl nach einem Krieg, inmitten von zerstörten Gebäuden und Beziehungen. Und damit der Leser auch genau hinsieht, hat Isabel kleinteiliger, sperriger gezeichnet als sonst. "Literatur", sagt die Zeichnerin, "bedeutet Abstraktionsarbeit. Du liest etwas, es entstehen Bilder in deinem Kopf, du bist gefordert, mußt dich anstrengen. Im Comic wird einem das abgenommen - mein Werk könnte Leute ansprechen, die gar keine Ahnung von dieser Zeit haben."
Unter Fachleuten gilt Isabel Kreitz als die beste Zeichnerin Deutschlands. Und auch Uwe Timm zeigte sich begeistert von der Umsetzung seines Werkes: Besonders die gelungene Komprimierung auf 48 Comicseiten schätzt er als große Leistung. Ein guter Roman, aus dem ein guter Comic wurde - so was ist ganz selten in dieser Welt.
Jörg Böckem
Isabel Kreitz (Zeichnungen)/Uwe Timm (Text): "Die Entdeckung der Currywurst". Carlsen Verlag, Hamburg; 48 Seiten; 16,90 Mark.
Von Jörg Böckem

KulturSPIEGEL 11/1996
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