25.02.2013

Randnotizen

Mundart reden

DARF MAN DAS?

Von Heinrich, Kaspar

Er gilt als unschick, bäuerlich, vorzivilisatorisch: der Dialekt. "Nondr" statt "hinunter", "nu" statt "ja" - fürs ungeschulte Ohr klingt Mundart fremder als manche Fremdsprache. Die Botschaft, die mitschwingt: Ich will nicht, dass man mich außerhalb meiner Region versteht. Bleibt mir weg mit eurer Globalisierung.

Solche Kleingeistigkeit war lange Zeit out. Man wollte multilingual sein und weltgewandt. Her mit dem Hochdeutsch, lautete das Motto, und weg mit jeder regionalen Färbung, mit Wörtern, hinter denen im Duden vorwurfsvoll der Begriff "landschaftlich" prangt. Denn die Herkunft verrät sich - man ahnte es schon, bevor Wolfgang Thierse über "Wecken" und "Datschi" schimpfte - auch durch die Worte, die man wählt. Soll ein Schwabe in Berlin die Brötchen plötzlich "Schrippen" nennen? Sagt man nicht mehr "schauen", sondern "gucken", nicht mehr "heim" gehen, sondern "nach Hause", und soll man zur Begrüßung ein säkulares "Guten Tag" hervorschmettern statt des gewohnten "Grüß Gott"? Bloß nicht! Peinlich ist, wer versucht, sich derart zu verstellen, so tut, als hätte er nie woanders gelebt. Es kann nur schiefgehen. Die Zunge verwehrt den Dienst, die neuen Vokabeln entfallen in den entscheidenden Momenten, und die Ureinwohner bedenken einen im besten Fall mit mitleidigen Blicken.

Die Rückbesinnung aufs Idiom wäre hingegen voll im Trend von Slow-Food-Bewegung, Buy-Local-Initiativen und Kiezwährungen. Sie alle sagen: Vergiss die große Welt da draußen, das Provinzielle hat Charme. Hauptstädter und Schwabe im dialektalen Dialog über den Unterschied zwischen "Pfannkuchen" und "Berliner": ein respektvoller Austausch der Kulturen. I have a dream.


KulturSPIEGEL 3/2013
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