25.02.2013

Schluss. Aus. Feierabend.

Von Becker, Tobias

Ein Plädoyer gegen die Diktatur der Lohnarbeit.

Der Slogan klingt wie aus dem vergangenen Jahrhundert, und von dort stammt er auch: "Samstags gehört Vati mir." Mit ihm kämpfte der Deutsche Gewerkschaftsbund 1956 für die Fünf-Tage-Woche.

Aber ist der Slogan wirklich so aus der Zeit gefallen, wie er klingt? Wäre es nicht im Gegenteil höchste Zeit, ihn aus dem Plakatarchiv politischer Parolen hervorzukramen? Natürlich - keine Sorge, liebe Kolleginnen - in einer gegenderten Version: Samstags gehören Mutti und Vati mir.

Zwei von drei deutschen Vollbeschäftigten arbeiten zumindest gelegentlich samstags, mehr als einer von drei auch sonntags und feiertags. Das zeigt der Stressreport 2012, den Arbeitsministerin Ursula von der Leyen vor kurzem vorstellte. Im Durchschnitt bringen es die Vollbeschäftigten auf 43 Arbeitsstunden in der Woche, jeder sechste kommt sogar auf mehr als 48 Stunden. Kein Wunder, dass 43 Prozent das Gefühl haben, ihr Arbeitsstress habe in den vergangenen beiden Jahren zugenommen. Die Folge: Fast jede zweite Frühverrentung wird mit seelischen Leiden begründet; psychische Störungen führen zu 59 Millionen Krankheitstagen pro Jahr.

Und was machen die deutschen Arbeitnehmer? Statt Parolen zu plakatieren oder Arbeiterkampflieder wie die Internationale zu singen ("Wacht auf, Verdammte dieser Erde"), schauen sie die ProSieben-Satire mit dem tyrannischen Chef Bernd Stromberg oder lesen Wühltisch-Bücher mit Titeln wie "Hilfe, mein Chef ist ein Affe", "Mein Boss, die Memme", "Der Feind in meinem Büro", "Ist der Chef verrückt?", "Das Chefhasserbuch", "Der Chef-Faktor. Lösungen für das Arschloch-Problem", "Chefs - Aufzucht, Haltung und Pflege".

Als ob der Chef der Depp wäre. Die Deppen, das sind wir alle.

"Kein autoritärer Chef nötigt uns, die Dinge zu tun, die wir tun, wir nötigen uns selbst", schrieb Christoph Bartmann schon im vergangenen Jahr in seinem Sachbuch "Leben im Büro". Seine paradoxe Kernthese: "Nie waren wir so frei im Büro, und nie zuvor waren wir so dressiert."

Die Deppen sind wir, weil wir unseren Frust mit zynischem Humor à la Stromberg kompensieren. Weil wir Ratgeber über Work-Life-Balance lesen. Weil wir Auszeiten in Schweigeklöstern nehmen. Weil wir in Wellness-Spas gehen. Weil wir Autogenes Training machen oder Yoga. Nun gut, das sieht besser aus als der Fluchtversuch der Achtziger, als Aerobic, aber es bleibt ein Fluchtversuch. Eine therapeutische Gegen- und Parallelwelt, die das weitere Funktionieren der Arbeitswelt nur sichert.

Es gibt einen gesamtgesellschaftlichen Fluchtreflex, den jahrelang Hape Kerkelings Pilger-Dauerrenner "Ich bin dann mal weg" befriedigt hat, ebenso wie ihn heute All-Age-Romane wie "Artemis Fowl" und "Die Tribute von Panem" befriedigen, Science-Fiction-Filme wie "Total Recall" und "Prometheus", Endzeit-Blockbuster wie "2012" und "I Am Legend". Wir träumen vom Aussteigen, so tief, dass wir gar nicht mehr aufwachen und es wirklich versuchen. Oder was glauben Sie, wieso gestresste Gutverdiener in Geländelimousinen durch Großstädte fahren?

Nun wäre es leicht, den weinerlichen Burnout-Texten, die die Buch- und Zeitschriftenauflagen nach oben treiben, einen weiteren hinzuzufügen, aber Christoph Bartmann hat in "Leben im Büro" eigentlich schon alles gesagt, was zu Texten wie Miriam Meckels "Brief an mein Leben" zu sagen ist: "Die Burnout-Klinik, aus der heraus sie ihren Bestseller geschrieben hat, ist, wie das Kloster oder die Wellness-Oase, eine jener Außenstellen oder Ausgründungen des Büros, in denen Büroteilnehmer ihre ausgebrannten Existenzen kurieren, ohne dabei sich oder anderen die Systemfrage stellen zu müssen."

Kurzum: Die Deppen sind wir, weil das Problem nicht unsere Chefs sind, sondern unsere inneren Chefs. Wir selbst. Die Deppen sind wir, weil wir im Job gegen unsere Bedürfnisse handeln, um im Laden unsere vermeintlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Deppen sind wir, weil wir uns nicht auflehnen, weder gegen unser Arbeitsethos noch gegen unsere Betriebe, noch gegen unsere Politik.

Ein erster Schritt zur Revolte könnte es sein, drei Neuerscheinungen zu lesen, die im März unsere Arbeitsgesellschaft angreifen: "Dead Man Working. Die schöne neue Welt der toten Arbeit", "Hört auf zu arbeiten! Eine Anstiftung, das zu tun, was wirklich zählt" und "Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens". Die Streitschriften eint eine Frage: Kann Arbeit Spaß machen? Und falls ja, wie?

Radikal, aber auch krude argumentieren Carl Cederström, Dozent für Human Ressource Management an der Cardiff Business School, und Peter Fleming, Professor für Arbeit und Organisation am Londoner Queen Mary College: "Das Gefühl des Nicht-Lebens ist nirgendwo weiter verbreitet als unter der Menge der Angestellten, die in modernen Unternehmen eingeschlossen sind", schreiben sie in "Dead Man Working". Der Angestellte als Zombie.

Wenn es den Arbeiter alter Schule auf der Baustelle nach Lebensqualität dürstete, griff er während der Maloche zur Flasche Bier: eine innere Emigration, ein Akt der Autonomie. Wenn es dem modernen Wissensarbeiter zu viel wird, geht er in der Mittagspause ins firmeneigene Fitnessstudio - und stellt seine Arbeitskraft wieder her. Ein Akt der Autonomie ist das nicht.

Fitnessstudios sind für Cederström und Fleming ebenso wie Kickertische, Kinderbetreuung, Firmenfeste und Teambildungsübungen faule Tricks, mit denen Arbeitswissenschaftler versuchen, "Leben in die Todeszone der Arbeit zu injizieren". Tricks, die suggerieren, Arbeit und Freizeit ließen sich versöhnen - und die den Arbeitnehmer doch nur dazu zwingen, er selbst zu sein. Tricks mit einer Kehrseite noch dazu: das Eindringen von Arbeit in alle Bereiche der Freizeit, etwa durch die ständige Erreichbarkeit über Smartphones. Die Menschen, wundern sich Cederström und Fleming, arbeiteten inzwischen sogar freiwillig an Abenden und Wochenenden. "Die meisten von uns haben noch einen Chef, der Anweisungen gibt", schreiben sie. "Aber wir haben diese ,Boss-Funktion' auch schon teilweise verinnerlicht." Die Folge: "Wir haben nicht nur einen Job oder verrichten einen Job. Wir sind der Job."

Man spürt, dass man sich beim Lesen dieses Satzes gruseln soll. Aber warum eigentlich? Es ist natürlich richtig, dass die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit immer löchriger wird, und es ist auch richtig, die Menschen für die Gefahren dieses Wandels zu sensibilisieren, aber ist dieser Wandel per se schlecht? Oder anders gefragt: Ist eine Grenze zwischen Arbeit und Freizeit per se wünschenswert?

Der Arbeitswissenschaftler und langjährige Spitzen-Gewerkschafter Ulrich Klotz hat einmal darauf aufmerksam gemacht, dass diese Grenze viel jünger ist, als wir vermuten: Erst die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert hat Lebens- und Arbeitsraum zertrennt, weil nun massenhaft ehemalige Bauern zu den Dampfmaschinen in zentral gelegenen Fabriken pendelten, erst die industrielle Revolution hat den Tag konsequent in Arbeit und Freizeit zerteilt. Anfänglich empfanden die Menschen das als einen enormen Verlust an Freiheit. Die digitale Revolution hat nun einen umgekehrten Effekt: "Arbeit bezeichnet wieder das, was man tut, nicht, wohin man geht." Man kann das auch als einen Gewinn an Freiheit empfinden.

Cederströms und Flemings Klage, der moderne Mensch sei unfrei, liegt der populäre Wunsch zugrunde, dass wir nicht leben sollten, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben. Um uns ein Leben abseits der Arbeit leisten zu können. Der Gedanke also, dass wir einen großen Teil des Tages gegen unsere Bedürfnisse handeln, um am Rest des Tages unsere Bedürfnisse befriedigen zu können. Man könnte das indirektes Leben nennen: Man hat, bevor man eigentlich lebt, immer noch etwas anderes zu erledigen. Freiheit jedoch ist das nicht. Freiheit wäre es, wenn die Arbeit selbst lebenswert wäre.

"Unser Ziel sollte sein, Leben und Arbeit miteinander zu integrieren", schreiben die Wirtschaftswissenschaftler Anja Förster und Peter Kreuz, die ihr Geld vor allem als Vortrags-Gurus bei Business-Konferenzen verdienen. Anders als Cederström und Fleming vermitteln sie in ihrem Buch "Hört auf zu arbeiten!" konkrete Änderungsvisionen.

Früher sei man arm gewesen ohne Arbeit, stellen sie fest, heute sei man mit Arbeit arm. Arm an Geld, weil viele niedere Tätigkeiten zu gering bezahlt sind. Vor allem aber arm an Lebensfreude.

Die Erklärung findet sich, wenn man sich fragt, wieso wir eigentlich so viel arbeiten. Wir arbeiten, um Geld zu verdienen, um Macht zu erlangen, um Image in unserem sozialen Umfeld zu generieren. Wir arbeiten aus äußeren Motiven heraus - und machen uns so selbst zum Produkt. Wir leben das Leben der von außen an uns gestellten Erwartungen.

Eine Überlegung fällt dabei zu oft unter den Tisch: Ist das, was ich mache, eigentlich das, was ich machen will?

Förster und Kreuz plädieren dafür, sich diese Frage wieder häufiger zu stellen - und gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen. Das Ziel: weniger um des Geldes, der Macht, des Images willen arbeiten, sondern mehr um der Arbeit willen. Miese Arbeit zurückdrängen und durch sinnstiftende Arbeit ersetzen. "Hören Sie auf zu arbeiten! Und fangen Sie endlich an, das zu tun, was Ihnen viel mehr entspricht, nämlich das, was Sie tun würden, wenn Sie die Haltung eines Künstlers einnehmen würden!"

Nun werden sich ein Fließbandarbeiter oder auch eine einfache Sachbearbeiterin zu Recht fragen, wie sie das denn anstellen sollen. Doch zum einen sind stumpfe Industriejobs in Westeuropa ohnehin ein Auslaufmodell, zum anderen fordern Förster und Kreuz auch eine Neuerfindung des Managements. Nicht so sehr aus Liebe zum Menschen, sondern vor allem aus ökonomischem Kalkül.

Der Wettbewerb verlange heute schöpferisches Arbeiten, schreiben sie, unsere Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft sei jedoch noch immer geprägt von den Denkweisen des Fabrikzeitalters, die Struktur der Arbeit sei noch immer dieselbe wie am Fließband, fast alle Unternehmen seien noch immer nach sieben alten Prinzipien organisiert: Hierarchie, Anweisung und Kontrolle, abteilende Ordnung, Effizienz, Standardisierung, Prozessoptimierung, Routine. "Kreativität, Engagement und Mut können aber nicht von oben aufgetragen werden, sondern es sind Geschenke, die Menschen entweder freiwillig bei ihrer Arbeit einbringen - oder aber nicht." Nur wer Freiräume habe, könne kreativ, innovativ, risikobereit, experimentierfreudig und enthusiastisch sein. Das Gute an dieser Erkenntnis: Schöpferisches Arbeiten ist sehr oft auch sinnstiftendes Arbeiten.

Mindestens einen blinden Fleck hat die Theorie von Förster und Kreuz allerdings - und auf sie stößt einen das Buch von Cederström und Fleming: Unternehmen versuchen nicht nur, "Leben in die Todeszone der Arbeit zu injizieren", sondern auch Sinn und Bedeutung. Sie lassen die alten Kontrollstrukturen intakt, führen aber Fair-Trade-Produkte in der Kantine ein, organisieren jährlich einen Tag gemeinsamen Freiwilligendienstes, etwa Müllsammeln im benachbarten Park, motivieren zur Teilnahme an Firmenläufen, mit denen Geld für soziale Zwecke gesammelt wird, oder stellen Mitarbeiter großzügig für ein Sabbatical frei, damit sie eine Zeitlang soziale Arbeit in einem südamerikanischen Slum verrichten können. All das diene dazu, schreiben Cederström und Fleming, "den einzelnen Angestellten mit einem Job zu versöhnen, der völlig im Widerspruch zu seinen Werten und Idealen steht". Opium für das Arbeitsvolk.

Wie lässt sich also Arbeit ins Leben integrieren? Und das von allen, nicht nur von einigen Privilegierten mit Traumjobs?

Die besten Antworten darauf geben der britische Wirtschaftswissenschaftler und Oberhaus-Politiker Robert Skidelsky und sein Sohn, der Sozialphilosoph Edward Skidelsky. Wenn Sie nur eine der drei Neuerscheinungen lesen können - der Arbeitsstress, schon klar -, dann lesen Sie ihre Streitschrift "Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens". Es ist eine Kritik der Unersättlichkeit.

Robert Skidelsky ist Biograf des Ökonomen John Maynard Keynes, und so gehen Vater und Sohn von dessen Theorien aus. Keynes schrieb 1930 einen Aufsatz mit dem Titel "Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder", in dem er die Vision entwarf, dass der technische Fortschritt die Produktion pro Arbeitsstunde so sehr steigere, dass wir im Jahr 2030 nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten würden; den Rest erledigten die Maschinen für uns. Seine Annahme: Einkommen habe einen abnehmenden Grenznutzen, so dass reichere Gesellschaften mehr Freizeit zusätzlichem Einkommen vorziehen würden.

Nun, Keynes hat nicht Recht behalten, die Arbeitszeiten sinken seit Jahrzehnten nicht mehr weiter. Aber wieso?

Die Skidelskys identifizieren zwei Gründe: 1. Die Arbeitgeber diktieren die Arbeitsstunden und Arbeitsbedingungen. In den vergangenen Jahrzehnten ist zwar das Durchschnittseinkommen stark gestiegen, aber das Medianeinkommen nur leicht, also der Wert, bei dem es genauso viele Menschen mit einem höheren wie mit einem niedrigeren Einkommen gibt. Viele Geringverdiener können es sich daher nicht leisten, ihre Arbeitszeit weiter zu reduzieren. 2. Die freie Marktwirtschaft stachelt unsere angeborene Neigung an, uns im Konsum von Statusgütern zu übertrumpfen, also Begierden zu befriedigen und nicht nur Bedürfnisse wie Nahrung, Gesundheit, Sicherheit. Die Menschen streben nicht nach einem absoluten Vorteil, sondern nach einem relativen, weshalb die Eskalation der Einkommen nie endet.

Hinzu kommt ein dritter Grund, den die Skidelskys nur am Rande anreißen: Passiver Konsum wie Fernsehen prägt unsere Freizeit, so dass wir uns in Arbeit flüchten. Sie verdeckt psychische Probleme besser, weil sie besser ablenkt als Berieselung. Burnout-Patienten etwa entwickeln oft erst richtig heftige Depressionen, wenn sie kürzertreten oder in Frührente gehen. Ihre Arbeitssucht war dann nicht ihr Kernproblem, sondern nur ein Symptom.

Fasst man die drei Gründe zusammen, ergibt sich eine bittere Ironie: In Westeuropa und den USA haben wir den von Keynes prognostizierten Überfluss erreicht, aber wir können ihn nicht genießen wegen der Gewohnheiten, die der Kapitalismus uns eingeprägt hat.

Während viele Arme weniger arbeiten, als sie wollen, arbeiten viele Reiche mehr, als sie müssen oder gar können. Zu Keynes' Zeiten gab es noch den reichen Müßiggänger, allen voran den Aristokraten, heute hat ihn der reiche Workaholic ersetzt. Weitverbreitet sind Menschen, die man als gut betuchte Sklaven bezeichnen könnte: Bestverdiener, deren Spitzengehalt fest eingeplant ist für Immobilienkredite, Schulgebühren und Geländelimousinen-Sprit. Sie sind Sklaven ihres von Statuskonsum geprägten Lebensstils. "Hohe Gehälter bieten heute keinen Schutz mehr vor Proletarisierung", schreiben die Skidelskys.

Als die Knappheit noch das Arbeitsethos diktierte, befreite der Kapitalismus den Menschen aus der Armut, indem er die Produktivkräfte entfesselte: "Der Kapitalismus war ein Mittel zum Zweck, und der Zweck war ein gutes Leben." Heute aber, da die Knappheit in Westeuropa und den USA überwunden ist, hat das Monster seine Schuldigkeit getan. Es kann gehen. Oder es kann zumindest, wie die Skidelskys fordern, "wieder an die Kette" gelegt werden.

Erreichen wollen sie das mit drei politischen Appellen: 1. Eine progressive Ausgabensteuer soll die progressive Einkommensteuer ersetzen, um den Statuskonsum zu vermindern. 2. Unternehmen sollen Werbung nicht mehr von der Steuer absetzen können, damit weniger Status-Begierden künstlich geweckt werden. 3. Jeder Bürger soll ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten, als einmaligen Betrag im Alter von 30 Jahren, um den Arbeitsanreiz zu vermindern und Muße attraktiver zu machen.

Nun werden viele einwenden, dass das zu Faulheit führe und letztlich zu einem immensen Wohlstandsverlust. Aber zum einen geht es ja gerade darum, den Arbeitswahn zu bekämpfen, der zur Befriedigung zentraler Bedürfnisse unnötig ist, und die Bevölkerung stattdessen zu einem guten Leben zu befähigen. Zum anderen lässt sich das auf einen Schlag ausgezahlte Grundeinkommen als eine Art Erbe betrachten, als ererbter Anteil am Wohlstand einer Gesellschaft. Wer heute privat erbt, etwa weil Eltern oder Großeltern gestorben sind, stellt seine Arbeit ja in aller Regel auch nicht ein. Er ist nur etwas befreit von der Diktatur des Lohnerwerbs.

Das angestrebte Plus an Muße definieren die Skidelskys insofern nicht als ein Plus an Untätigkeit, sondern als ein Plus an Tätigkeiten ohne äußeren Zweck: "Bezahlte Arbeit kann Muße sein, wenn sie nicht primär dem Geldverdienen dient, sondern um ihrer selbst willen geleistet wird." Marx würde das nicht-entfremdete Arbeit nennen.

Zu den drei politischen Appellen gesellt sich im Buch der Skidelskys ein persönlicher: Wer fett ist, muss lernen, mit dem Essen aufzuhören, wenn er satt ist - und seine Ernährung umstellen auf mehr Vollwertkost. Ähnliches gilt für Arbeit und Konsum. Wir müssen lernen, wann es genug ist - und unsere Motivation umstellen von äußeren auf innere Motive.

Arbeit sollte nicht mehr primär darin bestehen, Geld zu machen, sondern Autos, Schuhe, Zeitschriften.

Carl Cederström / Peter Fleming: "Dead Man Working. Die schöne neue Welt der toten Arbeit". Aus dem Engl. von Norbert Hofmann. Edition Tiamat; 128 Seiten; 13 Euro. Erscheint am 5.3.

Anja Förster / Peter Kreuz: "Hört auf zu arbeiten! Eine Anstiftung, das zu tun, was wirklich zählt". Pantheon; 240 Seiten; 14,99 Euro. Erscheint am 11.3.

Robert und Edward Skidelsky: "Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens". Aus dem Englischen von Thomas Pfeiffer und Ursel Schäfer. Kunstmann; 280 Seiten; 19,95 Euro. Erscheint am 6.3.


KulturSPIEGEL 3/2013
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