25.02.2013

Es war einmal in L. A.

Von Dallach, Christoph

Das legendäre Tonstudio Sound City ging mit dem analogen Zeitalter unter. Der Nirvana-Drummer Dave Grohl würdigt es in einer Kinodokumentation.

Als Dave Grohl vor gut zwanzig Jahren an einem sonnigen kalifornischen Frühlingsvormittag zum ersten Mal die Sound City Studios betrat, war es dort dunkel, und es stank. Von draußen sah der schmucklose Laden in Van Nuys, Los Angeles, wie eine verlassene Matratzendiscount-Halle aus, drinnen döste der Geschäftsführer schwer betrunken auf einem schmutzigen Sofa. Sonst war keiner da, um Grohl und seine zwei Freunde Krist Novoselic und Kurt Cobain zu begrüßen. Tag und Nacht waren die drei Nachwuchsrocker, die sich Nirvana nannten, in einem schrottreifen VW-Bus von ihrer Heimatstadt Seattle nach Los Angeles gefahren. Sie waren aufgeregt, weil sie das erste Mal in einem richtigen Studio ihre Songs aufnehmen würden, und hatten ihr letztes Geld in Benzin investiert. Entsprechend groß war die Ernüchterung bei ihrer Ankunft.

Aber für Ärger und verlorene Illusionen hatten die drei keine Zeit. Jeder Tag in den Sound City Studios kostete 600 Dollar. Das war zwar nicht teuer für ein Profi-Studio, aber sie waren pleite, und 16 Tage waren das Limit, das ihnen die neue, große Plattenfirma zugebilligt hatte. Also legten Nirvana los. Sie mussten ja schnell fertig werden. Aber nachdem "In Bloom", der erste neue Song, an einem Nachmittag eingespielt war, dachten sie, dass die Reise nach "Sound City" eine ziemlich gute Idee gewesen war. Sie lauschten der Aufnahme und staunten: "So kraftvoll hatten wir noch nie geklungen. Als ich mein Schlagzeug hörte, diese Wucht und Präzision, war ich sprachlos und begriff, dass wir an einem magischen Ort waren. Alles, was wir jemals davor aufgenommen hatten, klang im Vergleich schlapp", sagt Grohl, 44, mit einer Begeisterung, als wäre es gestern gewesen.

Vor 22 Jahren erschien "Nevermind", das Album, das Nirvana damals in den Sound City Studios einspielten. "Wir waren unserer Plattenfirma so egal, dass sich keiner von denen während der Aufnahmen blicken ließ. Die pressten dann 35000 Exemplare von ,Nevermind' und erwarteten, dass die Angelegenheit damit erledigt sei", sagt Grohl. Dann lacht er. "Nevermind" verkaufte sich weltweit mehr als 30 Millionen Mal, gilt als Grungerock-Geniestreich und eine der besten Rockplatten überhaupt.

Heute ist Grohl mit seiner Band Foo Fighters megaerfolgreich. Doch als vor zwei Jahren der 20. Jahrestag der "Nevermind"-Veröffentlichung anstand, überlegte sich Grohl, einen Kurzfilm über die Sound City Studios zu produzieren. 15 Minuten wollte er dem Studio widmen, in dem die Nirvana-Karriere in Fahrt gekommen war. Grohl war dorthin zurückgekehrt, als der Laden Konkurs angemeldet hatte und alles zum Verkauf stand. Auch aus Sentimentalität sicherte sich der bärtige Rocker das Sound-City-Mischpult, das Herz des Studios. Viele legendäre Künstler hatten damit gearbeitet, darunter Neil Young ("After the Goldrush"), Fleetwood Mac ("Fleetwood Mac"), Elton John ("Caribou") , Carlos Santana ("Zebop!"), Johnny Cash ("Unchainend"), Tom Petty ("Wildflowers"), Red Hot Chili Peppers ("One Hot Minute") und Metallica ("Death Magnetic") - alles Klassiker der Musikgeschichte.

"Alte Musikstudios sind Museen der Popkultur und voll mit Geistern und Legenden. Diese Aura spürt jeder, der so ein Studio betritt. Es ist ein Verbrechen, diese Orte verschwinden zu lassen. Und das muss man vielen Musikfans noch rechtzeitig vermitteln", sagt Grohl. Man hört seine Empörung darüber noch immer. Deshalb wurde aus dem geplanten Nirvana-Kurzfilm eine fast dreistündige Dokumentation über die Sound City Studios, die nun in einigen deutschen Kinos anläuft (ab 8.3.). Musiker und Produzenten wie Neil Young, Lars Ulrich, Stevie Nicks, John Fogerty, Rick Rubin und Trent Reznor erzählen über die Arbeit hinter den Kulissen und wie aus Akkorden und Melodie-Ideen Songs wurden. Auch für Menschen, die keine Musik-Nerds sind, ist das interessant. Denn dem Regiedebütanten Grohl gelingt es, eine Ahnung davon zu vermitteln, wie Musik entsteht und Kreativität funktioniert. Aber er bewahrt auch das Geheimnis und den Zauber des Unvorhersehbaren dieses verlorenen Ortes. Ausgiebig zu Wort kommen auch all die Zuarbeiter des Tonstudios, die viele Anekdoten zu bieten haben, wie es war, mit Johnny Cash, Neil Young und Co. hinter den Kulissen zu arbeiten.

Grohl zeichnet in seinem Film das Porträt einer untergegangenen Welt: Denn für analoge, altmodische Orte wie Sound City scheint im digitalen Zeitalter kaum noch Platz zu sein. Auch die letzten ihrer Art sind vom Aussterben bedroht. So wie "Abbey Road" in London, das sogenannte Wohnzimmer der Beatles, das immer wieder endgültig zugeschlossen werden soll. Die Sun-Studios in Memphis, wo einst Elvis erstmals vor einem Mikrofon stand, werden nur noch als Touristenattraktion genutzt. Oder das Columbia 30th Street Studio in New York. Die umgewandelte Kirche, in der Miles Davis sein "Kind of Blue"-Album in zwei Tagen in die Aufnahmegeräte zauberte und Glenn Gould seine "Goldberg Variationen" spielte, wurde zugunsten eines Bürohauses abgerissen.

Das passt zu diesem Jahrtausend, in dem jeder Hobbyraum mit einem Laptop und preiswerter Software zum Heimstudio wird. Man müsse aufpassen, dass bei all der modernen Technik nicht das Menschliche auf der Strecke bleibe, das ja letztlich erst die Musik belebe, schrieb mal der Musiker und Michael-Jackson-Produzent Quincy Jones.

1897 eröffnete der US-amerikanische Pianist Frederick William in Philadelphia über einem Schuhladen das erste Tonstudio. Die Idee, Musik aufzunehmen, verbreitete sich dann rasant zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Mit dem weltweit zunehmenden Interesse an Tonträgern wuchs auch der Bedarf an Studios. In London eröffnete der EMI-Electrola-Konzern 1931 seine Abbey Road Studios. Die Deutsche Grammophon hatte bereits 1913 in Berlin eine kleine Fabrikhalle mit genug Raum für ein Orchester zum Studio umfunktioniert. Es waren Künstler wie Bing Crosby, Nat King Cole und Frank Sinatra, die mit den Möglichkeiten spielten, die ihnen die Studiotechnik und das Format der Langspielplatte boten. In den fünfziger Jahren begann eine goldene Ära der Pop-Musik, die in diesem Jahrtausend in Turbulenzen geriet. "Die Ahnung, wie toll aufgenommene Musik klingen kann, kam vielen Menschen mit der digitalen Revolution abhanden", sagt Grohl. "Meiner sechsjährigen Tochter Violet, die immer mit Begeisterung die Beatles auf ihrem iPod hörte, brachte ich neulich eine Box mit allen Vinyl-Platten der Beatles und einen Plattenspieler dazu mit. Für sie war es ein Erlebnis, diese Musik halbwegs authentisch zu hören. So ein Sound kann nur im Studio entstehen. Den Unterschied zum Laptop-Studio hören bereits Kinder."

Auch in Deutschland wurden aufwendige Alben von globaler Klasse eingespielt. Weltweit berühmt sind die Hansa Studios in Berlin. Das Geschäftshaus beim Potsdamer Platz, in dem ein alter Tanzsaal zum Studio wurde, lockte bereits Künstler wie Nick Cave, U2, Depeche Mode, R.E.M., David Byrne und Iggy Pop. David Bowie produzierte mit Brian Eno in den Hansa Studios Mitte der Siebziger seine sogenannte Berlin-Trilogie, drei der besten Alben seiner Karriere.

Die Home Studios im Hamburger Mittelschichts-Stadtteil Eimsbüttel werden auch von Prominenten aus aller Welt genutzt. Seit 1988 ist dort Franz Plasa aktiv, der mal Gitarrist bei der Band Felix Deluxe war und als Produzent schon deutschen Klienten wie Selig, Echt, Beginner, Xavier Naidoo, Udo Lindenberg und Rammstein unter die Arme griff. Der 58-Jährige vibriert vor Tatendrang, verschlingt in seinen weitläufigen Arbeitsräumen hastig im Stehen ein paar asiatische Nudeln, telefoniert dabei und stellt dann lächelnd klar: "Ich bin kein Studiobetreiber, sondern vor allem Musiker." Hinter der unauffälligen Fassade seiner Studioräume, die voll sind mit Liebhaber-Equipment aus analoger Vergangenheit, musizierten schon a-ha, Lauryn Hill, Carlos Santana, Depeche Mode, Dr. John und 50 Cent. Die Electro-Popper von Depeche Mode bastelten in Eimsbüttel drei Monate lang an ihrem Album "Songs of Faith and Devotion". Plasa sind sie als experimentierlustig und vor allem fleißig in Erinnerung geblieben: "Die gingen nie vor die Tür." Mit Carlos Santana war es eher öde: "Da sprang kein Funke über." Ein Erlebnis der besonderen Art aber waren die Sessions mit Mariah Carey. Einen Tag, bevor die Diva in Eimsbüttel eintraf, kam ihre "Zeremonienmeisterin" (Plasa), um das Studio zu inspizieren und angemessen auf Carey vorzubereiten. Die Zeremonienmeisterin dekorierte dann die Räume, entfernte unerwünschte Gegenstände und schickte unpassende Mitarbeiter nach Hause. Auch ein Kasten Roederer Champagner, Jahrgang 1985, musste her. Um 21 Uhr wurde die Pop-Hoheit dann höchstpersönlich erwartet: "Ihr ganzer Hofstaat war da: große schwarze Security-Männer und ihre eigenen Tontechniker", erinnert sich Plasa. Nur Carey ließ sich nicht blicken, denn die war dummerweise im Flugzeug eingeschlafen. Gegen ein Uhr morgens tanzte die Sängerin dann doch noch an und beeindruckte Franz Plasa tief: "Die sang unglaublich gut, so wie in Deutschland kein Mensch singen kann." Bis fünf Uhr trällerte Carey, dann wollte sie Popcorn.

Plasa klingelte einen befreundeten Kinobesitzer aus dem Bett, bot viel Geld und bekam das Popcorn. Dass es ihr nicht schmeckte, war dann auch egal.

Franz Plasa hat viele solcher Geschichten parat, so wie ein cooler Pop-Märchenonkel. Und wenn er erzählt, schwingt die Liebe zu seiner Arbeit in jedem Satz mit. Trotzdem sagt er: "Ich hätte den Laden hier schon lange aufgeben müssen. So ein Studio ist zurzeit kein Geschäftsmodell mehr. Manchmal ist es wirklich schwer, die Miete zusammenzubekommen. Aber ich habe mich entschlossen, das weiter durchzuziehen."

In den Sound City Studios war Plasa auch mal zu Besuch. Er "hänge an der alten Welt", sagt er, aber "besser" sei es früher ganz sicher nicht gewesen. Die unter älteren Musikern verbreitete "Glorifizierung" der analogen Vergangenheit findet er "fragwürdig". In Grohls "Sound City"-Film beklagt zum Beispiel der Creedance-Clearwater-Revival-Veteran John Fogerty, dass dank einer Software wie "Pro Tools", die alle Fehler mit wenigen Klicks ausbügelt, nun jeder Depp makellos klingende Musik produzieren könne und die faule Jugend den Biss verliere. Eine Haltung, der Plasa vehement widerspricht. Das Gegenteil sei der Fall, sagt der Hamburger, die Nachwuchsrocker beherrschten ihre Instrumente heute präziser als jemals zuvor. "Die schauen sich jeden Trick so lange auf YouTube an, bis sie das mindestens so perfekt drauf haben."

Die Veränderungen, die die Musikwelt seit einigen Jahren durcheinanderwirbeln, sieht Plasa nicht als großes Finale der Branche. Im Gegenteil: "Wenn eines Tages die ganzen Urheberrechtsfragen geklärt sind, wird es auch wieder mit den Aufnahmestudios weitergehen. Denn diese Atmosphäre, die entsteht, wenn Musiker gemeinsam in einem Raum mit guten Instrumenten spielen, kann kein Laptop einfangen."

Im vergangenen Jahr besuchte ein Depeche-Mode-Fanclub mit zwei Reisebussen die Home Studios. Die Mitglieder wollten die Atmosphäre der Räume inhalieren, in denen ihre Idole einst ihr Erfolgsalbum aufnahmen. Plasa führte die ehrfürchtig staunenden Gäste herum, zeigte ihnen Mischpult und Mikrofone, und am Ende saßen alle im Studio und lauschten gebannt der dort aufgenommenen Depeche-Mode-Platte: "Da waren Erwachsene mit Tränen in den Augen. Das hat mich dann auch gerührt. Und ich dachte mir: Das ist das schönste Geschenk. Darum werde ich noch lange weitermachen."

"Sound City" Filmstart und Soundtrack ab 8.3.; DVD ab 22.3.


KulturSPIEGEL 3/2013
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