25.02.2013

Gruß aus dem Salon

Von Saltzwedel, Johannes

Der Cellist Martin Rummel entdeckt eine fast vergessene Klanglandschaft: Etüden und Virtuosenstücke des 19. Jahrhunderts.

E tüden - wenn nicht gerade von Chopin oder Debussy die Rede ist, weckt das Wort bis heute eher Skepsis. Musikschulmeister vor allem des 19. Jahrhunderts traktierten ihre Schülerinnen und Schüler mit solchen Fingerübungsstücken, und das Trauma der Exerzitien wirkt nach. Doch einige sehen die Sache inzwischen anders, zum Beispiel der Cellist Martin Rummel. Er hat in den vergangenen Jahren nicht nur die bedeutendsten Cello-Etüdensammlungen mustergültig aufgenommen, er hat sie obendrein wissenschaftlich neu herausgegeben. David Popper, Friedrich Grützmacher und ihresgleichen werden jetzt wieder als Komponisten eigenen Ranges respektiert. Auch Joseph Merk, Wiens Cello-Star in den Jahren um 1830, ist so zu neuen Ehren gekommen. Nun präsentiert der unermüdliche Rummel seine nächsten Entdeckungen: köstliche Opernphantasien, die Merk als Salonvirtuosen im besten Sinn glänzen lassen. Amateure hätten mit den oft trickreich verzierten Melodienreigen wohl ihre Mühe; hier jedoch entfalten sie in aller Selbstverständlichkeit den Charme des spätbiedermeierlichen Wien. Und als wolle er beweisen, dass solch elegante Miniaturen noch im 20. Jahrhundert möglich waren, hat Rummel parallel die um 1910 entstandenen Cello-"Duette" des russischen Romantik-Nachzüglers Reinhold Glière aufgenommen: melancholisch-versonnene Tonpoeme, in denen die geborgene Welt des Salons Abschied nimmt.

Martin Rummel: "Joseph Merk: Fleurs d'Italie" und "Reinhold Glière: Celloduette" (beide Naxos)


KulturSPIEGEL 3/2013
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