25.02.2013

Neue Bücher

Lisa Kränzler:
"Nachhinein".
Verbrecher Verlag; 272 Seiten; 22 Euro.
Zwei Freundinnen leben einander gegenüber, doch die Straße trennt Welten. Auf der einen Seite Eigenheim, Frischobst und Akademiker-Eltern, auf der anderen Mietwohnung, Zigarettenkippen und Alkoholiker-Vater. Lottaluisaluzia nennt Kränzler den einen Prototypen, Jasmincelinejustine den anderen. Heimliche Heldin in Kränzlers zweitem Roman ist die Sprache: ins schwindelerregend Exakte, mitunter Exaltierte abhebend, originell bis zur Eskapade. Kränzler wurde für einen Auszug bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2012 ausgezeichnet, nun ist sie für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Sie erzählt so akribisch, als führe sie mit der Lupe einen Filmstreifen ab - und schafft dadurch Sätze zum Einrahmen. Dass die betörenden Sprachbilder mit einem oft grausamen Stoff kollidieren: ein Glücksgriff.
Björn Bicker: "Was wir erben".
Kunstmann; 286 Seiten; 19,95 Euro. Ab 6.3.
Du sollst deine Leser nicht duzen, lautet eine goldene Regel, nach der sich in der Literatur fast stets die Kunst vom Schrott scheiden lässt; in vielen Briefromanen und verwandt aufdringlichen Anrufungsformaten lässt sie sich nachprüfen. Der Roman des 40-jährigen Schriftstellers Björn Bicker schildert, wie im Leben der gefeierten Theaterdarstellerin Elisabeth plötzlich ein amerikanischer Halbbruder auftaucht. Mit schönem Sinn für Atmosphäre erzählt Bicker von einem ollen Foto und den Abenteuern eines modernen Künstlerinnenlebens, von Sex, Identitätsfragen und dem Plan, mit einer Wunderpille alle Krankheiten dieser Welt zu heilen. Die besten Momente dieser rasanten, klug gebauten Story aber sind die, in denen die Ich-Erzählerin die nutzlose Duzerei, die dieses Buch als Post an den just entdeckten Bruder deklariert, seitenlang schlicht vergisst.
Joachim Meyerhoff: "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war".
Kiepenheuer & Witsch; 354 Seiten; 19,99 Euro.
Mitten auf dem Gelände einer Jugendpsychiatrie wächst der jüngste Sohn des leitenden Arztes auf, ein Zappelphilipp mit Engelslocken, von seiner Familie wegen seiner Wutausbrüche "die blonde Bombe" genannt und von seinen Lehrern wegen seines Hangs zu Erfindungen getadelt. Es ist: Joachim Meyerhoff, heute Schauspieler am Wiener Burgtheater und ein toller Erzähler, wie er schon mit seinem Roman "Amerika" bewiesen hat. Meyerhoffs Kindheitswelt ist eine solch anrührende und unvollkommene Idylle, bevölkert von einem dicken Vater, der nur in der Theorie zu leben vermag; einem Hund, der das Schwimmen liebt; einem Minister im Matsch und einem glockenschwingenden Insassen, dass man den melancholischen Unterton zuerst nicht wahrhaben möchte, der davon kündet, dass keine Idylle Bestand haben kann. Auch diese nicht.
Nick Dybek: "Der Himmel über Greene Harbor". Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Fingerhuth. Mare; 320 Seiten; 19,90 Euro.
So ist das, wenn amerikanische Autoren debütieren: Sie wollen alles perfekt machen. Der 14-jährige Cal wächst auf einer Halbinsel im Norden des Staates Washington an der Pazifikküste auf. Der Vater ist Jahr für Jahr mehrere Monate mit einer Fischfangflotte in Richtung Alaska unterwegs, die kalifornische Mutter führt währenddessen ihr Eigenleben. Als der Eigentümer der Flotte stirbt, droht dessen Sohn mit seinen Entscheidungen das Leben einer ganzen Kleinstadt zu zerstören. Es muss etwas geschehen. Und es geschieht etwas. Coming-of-Age-Geschichte und Abenteuerroman, Familiendrama und das atmosphärische Porträt einer rauen Landschaft, noch dazu mit Spannung gewürzt - alles drin, alles sorgfältig zusammengeführt. Aalglatt auf der einen Seite, aber erstaunlicherweise dann doch mit erkennbarer Zuneigung zu den Figuren.
Von Kaspar Heinrich Wolfgang Höbel Maren Keller Christoph Schröder

KulturSPIEGEL 3/2013
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