25.02.2013

Der Kameramann Michael Ballhaus, 77, über Horoskope und Martin Scorsese

Von Böckem, Jörg

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Michael Ballhaus: Sehr gut sogar. Als 18-Jähriger durfte ich bei den Dreharbeiten zu dem Film "Lola Montez" dabei sein, der Regisseur Max Ophüls war ein Freund der Familie. Ich war fasziniert vom Film und beschloss, Kameramann zu werden. Einige Jahre zuvor hatte ich noch davon geträumt, Dirigent zu werden.

Was hat Sie am Film begeistert?

Meine Eltern haben in Wetzhausen ein Theater geführt, in einem alten Schloss, in dem wir zusammen mit dem Ensemble gewohnt haben. Ich liebte das Theater. Außerdem habe ich mich früh für das Fotografieren begeistert, mit 14 war ich Bühnenfotograf in unserem Theater. Der Film erschien als eine wunderbare Verbindung von Fotografie und Theater. Und ein wenig Dirigent, ein kreativer, gestaltender Anteil, war auch dabei. Es war perfekt!

Ihr Lebensweg soll Ihnen schon in der Kindheit vorausgesagt worden sein.

Meine Eltern waren mit einem bekannten Astrologen befreundet. Er hat in unserer Kindheit Horoskope für meine Schwester und mich erstellt. In meinem stand, dass ich einen künstlerisch-technischen Beruf ergreifen werde, über den großen Teich gehen und erfolgreich sein werde. Außerdem, dass ich früh heiraten werde und dann später noch ein zweites Mal.

All das ist eingetroffen. Hat das Horoskop Sie beeinflusst?

Natürlich war es verblüffend, an vielen Punkten meines Lebens musste ich daran denken. Vor allem, als ich mich entschied, Kameramann zu werden.

Wann wussten Sie, dass Ihr Traum endgültig wahr geworden war?

Als Martin Scorsese anrief. Ich hatte ihn das erste Mal auf der Berlinale gesehen, als er seinen großartigen Film "Raging Bull" vorstellte. Ich habe zugehört, wie dieser kleine Mann über Filme sprach, und zu meiner Frau gesagt: "Mit dem möchte ich gerne drehen." Das war damals so absurd, als wenn ich gesagt hätte, ich möchte auf den Mond fliegen. Ein paar Jahre später klingelte das Telefon in meinem Hotelzimmer. Es war Martin Scorsese, der einen Film mit mir machen wollte. Ich war fassungslos, konnte drei Nächte nicht schlafen vor Aufregung.

Ein Traum kann zum Alptraum werden. Wie schwierig war die Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder?

Er nannte mich den "Fernseh-Heini", weil ich einige Fernsehfilme gedreht hatte. Bei unserem ersten Film wollte er mich feuern lassen, weil ich ihm bei einer Einstellung widersprochen hatte. Ein sehr begabter Regisseur mit tollen Ideen, von dem ich viel gelernt habe, aber sein Verhalten war leider oft unerträglich. Bei jedem Film habe ich mich gefragt, ob ich mir das noch einmal zumuten möchte. Am Schluss wurde es aufgrund seiner Drogenprobleme so schlimm, dass ich nicht mehr mit ihm drehen wollte.

Kurz nachdem Sie 2006 Ihre Hollywood-Karriere beendeten, starb Ihre Frau. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ihr Tod kam sehr plötzlich und hat mich aus der Bahn geworfen. Der Traum von einem gemeinsamen Lebensabend war mit ihr gestorben, ich fiel in ein tiefes Loch und verlor jede Lebensfreude. Meine Halbschwester hat mir über die erste, sehr schwere Zeit hinweggeholfen. Trost habe ich darin gefunden, mit meinen Studenten an der Filmhochschule kleine Umweltfilme zu drehen, ein Thema, das mir schon immer am Herzen lag. Und dann hatte ich das große Glück, Sherry Hormann kennenzulernen.

Was würde der 17-jährige Michael Ballhaus über den heutigen denken?

Er würde denken, der Typ hat ein sehr privilegiertes Leben geführt, er hat mit großartigen Schauspielern und Regisseuren zusammengearbeitet und einige sehr schöne Filme gemacht, die viele Menschen berührt haben. Und er hatte wohl auch etwas Glück. Wenn es gelingt, seine Träume zu verwirklichen, ist das etwas sehr Wertvolles.

Bei"3096 Tage"(Start: 28.2.) über das Schicksal von Natascha Kampusch istMichael Ballhausfür die Bildgestaltung verantwortlich.

Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 30. März 2013.

INTERVIEW: JÖRG BÖCKEM


KulturSPIEGEL 3/2013
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