30.03.2013

Randnotizen Im Konzert mitsingen

Die Antwort war noch nie so einfach: Natürlich darf man. Es gibt bloß drei Bedingungen: Wer es auf ein Konzertplakat schafft, darf singen. Wer es ohne Blessuren an den Ordnern vorbei auf die Bühne schafft, auch. Alle anderen dürfen nicht. Es sei denn, einer von denen mit Plakatgesicht und Ordner-Freunden hält Ihnen von der Bühne herab ein Mikro entgegen. Dann dürfen Sie, aber dann sind Sie auch im falschen Konzert.
In einem Konzert der Toten Hosen etwa: einem Konzert für Menschen im Stimmbruch, ob nun ausgelöst von Hormonen oder von Alkohol. Von Zeit zu Zeit dürfen sie sich vergewissern, ob ihre Stimme noch da ist. Zudem ist das Mitsingen in diesen Konzerten das, was beim "Musikantenstadl" das Mitklatschen ist: ein Zeichen dumpfen Einverstandenseins. Die Pubertät macht so etwas mit Menschen, der Alkohol auch. Man sollte kein allzu lautes Klagelied darüber anstimmen.
Neulich bei Tocotronic hingegen sang eine Frau, die das nicht durfte, jede Zeile mit. Es war unglaublich, weil sie textsicherer war als Dirk von Lowtzow. Es war aber auch unglaublich nervig. Zumal sie selbst die Gitarren mitsang. Wer in ein Tocotronic-Konzert geht, zahlt Geld dafür, Tocotronic zu hören und nicht die Tussi schräg neben sich. Wollte er die Tussi schräg neben sich hören, wäre das auch viel günstiger. Erst recht, wenn sie schräg singt.
Das mag nun alle, die gern vor Publikum singen, aber kein Plakatgesicht haben, schräg draufbringen. Zum Trost daher ein Rat: Geht in einen der neuen Kneipenchöre; die sind gerade hip. Oder geht in eine der Karaoke-Bars im Bahnhofsviertel; die sind zwar nicht hip, aber das Publikum ist besoffen. Schräg singen gehört da zum guten Ton.
Von Becker, Tobias

KulturSPIEGEL 4/2013
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