29.05.1995

Giraffen im Einkaufswagen

VON THOMAS HÜETLIN

Von Hüetlin, Thomas

Wigald Boning und Olli Dittrich, für ihren wöchentlichen Unsinn in der "Samstag-Nacht"-Show bekannt, schafften es mit der CD "Lieder, die die Welt nicht braucht" auf Platz eins der Hitparade.

Auf dem Fernsehgelände in Köln-Ossendorf gibt es vor allem drei Sorten von Menschen. Die, die es einmal schaffen wollen und ein Handy tragen. Die, die es geschafft haben und nur noch den Autoschlüssel tragen. Und die, die es niemals schaffen und den anderen die vielen Handys und Autoschlüssel hinterhertragen.

Hugo Egon Balder ist einer von denen, die den Autoschlüssel gern fest in der Hand halten, und an diesem Mittwoch, mittags um halb eins, weiß Balder, daß der Tag super ist, denn er hat ja schon mit einem super Morgen angefangen.

Um Viertel vor sieben wurde Balder von seinem Papagei mit den Worten "Super-Burschi" geweckt. Dann hat er mit dem RTL-Programmdirektor Marc Conrad telefoniert und herausgehört, daß Conrad eine Superwut auf alle hat. "Auf alle", stellt Balder noch einmal fest, "außer auf uns."

Na ja, und nun ist Balder kurz ins Studio gekommen, denn seine beiden Stars, Wigald Boning und Olli Dittrich, die beiden, die Hugo Egon den Autoschlüssel und das Haus im Taunus mit den Pferden und das Wohlwollen von Conrad mit ihrer stabilen Quote für die Sendung "Samstag Nacht" garantieren, diese beiden haben unter dem Titel "Die Doofen - Lieder, die die Welt nicht braucht", ein Album herausgebracht, für das sie jetzt eine goldene Schallplatte bekommen sollen.

Das haben viele übersehen, aber Balder nicht, der den beiden an diesem Mittag nicht nur gratuliert, sondern auch einen Super-Vorschlag hat. "Die goldene Platte", sagt Hugo Egon Balder, "muß Kristiane Backer überreichen, denn die hat nichts zu tun, seit sie von ihrem moslemischen Freund verlassen wurde."

Balder klatscht sich vor Freude auf die superenge Jeans. Dittrich, der einen karierten Burberrys-Anzug anhat und ein weißes Buster-Keaton-Hütchen trägt, murmelt, das sei ja allerhand. Boning, im blauen Anzug aus einem Chanel-Stoff, dessen Säume grellorange Plastikbänder mit dem Aufdruck "Sonderangebot" bilden, wühlt in einem Koffer mit Requisiten und sieht ungefähr so begeistert aus wie ein Toter.

Draußen auf den Gängen des Vox-Fernsehstudios sind alle schon ganz aufgeregt, weil es heute zum "großen Duell" kommt. "Das große Duell" ist eine super Wortschöpfung der Handyträger, und sie meint, daß nachher Stefan Raab, der sich für so etwas wie den David Letterman des Pop-Senders Viva hält, auf Boning und Dittrich trifft. Raab ist sehr aufgeregt, vor allem, weil viele der Handyträger ihm nicht gerade Gutes wünschen.

Die Wünsche gehen mühelos in Erfüllung. Raab fragt, wieviel Platten sie denn so verkaufen. Dittrich antwortet, so ungefähr 296 Milliarden, und Boning ergänzt, an einer Platte verdienten sie ungefähr 53 Milliarden Mark, was soviel wie der Staatshaushalt der Schweiz sei. Darauf fällt Raab nichts mehr ein, und Boning fragt ihn, ob er schon einmal über die Möglichkeit des zweiten Bildungswegs nachgedacht hätte. Daraufhin fällt Raab überhaupt nichts mehr ein, was ja jedem mal passieren kann, nur eben nicht, wenn die Sendung noch 20 Minuten dauert.

Nachher murmelt Raab, die beiden seien eben keine Opfer, und wird ganz still. Nur einmal will er, der ja selbst auch viel aufnimmt, noch wissen, welche Zielgruppe denn die Platte kaufe. "Keine Ahnung", sagt Dittrich. Danach holt sich Raab ein Handy, klappt sein Filofax auf, das die Größe eines Pizza-Kartons hat, und telefoniert und telefoniert.

Bevor sie sich zusammenschlossen, waren Boning und Dittrich schon sehr lange im Geschäft - so gnadenlos erfolglos, daß der interne Wettbewerb nur noch nach unten stattfinden konnte. "Ich habe von meiner letzten Platte 150 Stück verkauft", prahlte Boning gern. "Ich habe keine einzige abgesetzt und mir die Restauflage zu Hause ins Regal gestellt", konterte Dittrich.

Und nun Nummer eins der Hitparade. "Wir haben versagt", behaupten sie. "Das ist der Synergie-Effekt mit ,Samstag Nacht'", sagen ganz Schlaue. Was ja richtig ist, aber eben nur teilweise, weil die Platte im Gegensatz zu vielen anderen nicht einfach nur schlecht ist, sondern ganz in Ordnung. Ein Werk, daß der Augsburger Puppenkiste ebensoviel verdankt wie Max Schautzer, und Rex Gildo soviel wie den Beatles. Dazu spielt Boning Fagott und Blockflöte.

Boning und Dittrich brauchen einander. Boning, der aussieht wie der kleine Bruder von Mathias Rust, schätzt seinen Partner, "weil er sich gern die Hände wäscht, Ordnung hält, große Unordnung im Kopf hat und Popsongs schreiben kann". Dittrich, der aussieht wie ein Mensch, der gern anders aussähe, mag Boning, weil er "keine Zähigkeit besitzt, nicht fleißig ist, aber dafür unverschämt". Dittrich würde gern alles selbst machen, "sogar noch den Knopf selbst an die Kostüme nähen". Boning würden am liebsten alles abgeben, "das Autofahren, das Biertrinken, das Treppensteigen".

Als Boning auf Dittrich traf, hatte er eine für norddeutsche Verhältnisse heitere Mittelstandsjugend hinter sich. Er wuchs auf am Rand von Oldenburg in einem Reihenhaus, einer Gegend, die nicht Vorstadt war, aber auch nicht Land, sondern eben gar nichts, einer Gegend, wo rechts die Müllkippe ist, links die Schnellstraße und drumherum noch ein paar Klinkerhäuser stehen. "Einziger Vorteil", sagt Boning, "sieben Garagentore nebeneinander. Man mußte nicht lange rummachen, wenn man drauflosbolzen wollte."

Boning war gut in der Schule, liebte Freejazz und Adorno, und, als der Film "Stranger than Paradise" herauskam, steckte er sich, wie die Hauptdarsteller, die Anzughosen in die Socken. Als ihn Arto Lindsay, ebenfalls Anzughosen in den Socken, beim Moers Jazz Festival dafür mit dem Daumen nach oben begrüßte, ahnte Boning, daß es vielleicht doch einen Weg raus gab, aus dem Reihenhaus, den Klinkerbauten, weg von der Müllkippe. Danach Förderpreis des Oldenburgischen Staatstheaters, danach Streik des Oldenburgischen Staatsorchesters, eine Rolle in Horst Königsteins "Hard Days, Hard Nights", die Sendung "Bonings Bonbons" auf Premiere.

Dittrich war schon lange kein junger Mann mehr, als er auf Boning traf. Er hatte seinen Vater, einen Springer-Politjournalisten, und seine Mutter, eine Malerin, hinter sich gelassen. Er hatte Theatermaler gelernt, weil er schlecht war in der Schule, und das nicht nur in Fächern wie "Mathe und Physik, sondern auch in Erdkunde und so weiter". Und er hatte sieben Jahre bei einer Plattenfirma herumgewerkelt, wo ihm James Last zwar einen weißen Flügel schenkte, aber niemand seine Lieder hören wollte. Danach 200 Auftritte im Jahr mit der Band "Susis Schlagersextett", eine Platte mit einer Band namens TIM und das Amateur-Video "Olli, Tiere, Sensationen".

Als Dittrich und Boning aufeinandertrafen, hatte Boning kaum noch Ideen für "Bonings Bonbons" Er sah "Olli, Tiere, Sensationen" und nahm einen Telefonhörer in die Hand. Dittrich sagte: "Komm vorbei, was trinkst du?" Boning antwortete: "Bier." Danach trank Boning bei Dittrich sechs Bier, denn Dittrich hatte gerade mal wieder Geld, weil er kurz vorher eine Preßspanplatte, die zwei Jahre auf seinem Balkon vergammelt war, über ein Anzeigenblatt für 25 Mark verkauft hatte.

Beide teilten den Verdacht, daß das Fernsehen nun schon eine ziemlich alte Erfindung sei und man es eigentlich nur noch als Witz gebrauchen könne. Beide wußten sofort, wie einer unterhaltsam schwachsinnig weiterreden mußte, wenn der andere den Mund zumachte. Und beide hatten einen Vorteil. Niemand sah zu, wenn Boning am Ende ihrer Premiere-Sendung sagte: "Wenn Sie diese Sendung Scheiße fanden, rufen Sie an." Dann ließ er seine private Telefonnummer einblenden.

Und niemand meldete sich. Nur einmal eine Mutter, die ihre Tochter verheiraten wollte. "Warum soll ich sie heiraten?" fragte Boning. "Weil sie einen 1A-Kleinkraftrad-Führerschein hat", antwortete die Mutter.

Heute kennen gut 60 Prozent aller Deutschen Wigald Boning. Und Olli Dittrich, der es schwerer hat, weil er sich andauernd verkleiden muß, kann sich auch nicht beklagen. Nur beide verstehen ihre plötzliche Popularität nicht wirklich. Denn obwohl Boning heute - als Popstar im Einkaufszentrum dem Menschen von der Straße kritische Meinungsprofile abverlangt, der Irrsinn scheint immer noch ganz normal zu sein. Ein Beispiel:

Boning: "Im bevölkerungsärmsten Bundesland, Mecklenburg-Vorpommern, gibt es eine Giraffenplage. 300000 Giraffen terrorisieren den Landstrich. Glauben Sie, daß es Sinn hat, die Bevölkerung von Mecklenburg-Vorpommern mit Hilfe von Schmetterlingsnetzen vor diesen Giraffen zu schützen?"

Frau: "Schmetterlingsnetze sind dafür doch viel zu klein."

Boning: "Na gut, dann muß man sie eben mit Einkaufswagen einfangen."

Frau: "Okay, das sollte man dann schon machen. Die Giraffen fressen ja sonst auch die Felder auf."

Boning: "Man könnte sie aber auch mit Hustenpastillen befrieden."

Eine andere Frau: "Nein, Süßigkeiten für Tiere, da bin ich generell dagegen."

Auch wenn sie sich nicht in Einkaufszentren bewegen, ziehen Boning und Dittrich den Irrsinn an - und sie sind inzwischen so etwas wie die Beichtväter für Deutsche mit ganz fremden, merkwürdigen Obsessionen geworden. Nicht für die Lack-Leder-Gummi-Fraktion, aber für andere. Wildfremde Menschen warten auf sie in Hotels und spielen ihnen bizarre Schlagerkitsch-Platten vom Walkman vor. Andere schenken ihnen DDR-Waschmittel, das garantiert noch vor dem Mauerfall hergestellt wurde. Wieder andere, wie ein Redakteur der Männer Vogue, bringen ihre Schulhefte mit und zeigen ihre Besinnungsaufsätze. "Orthographisch kolossal", sagt Boning zu diesem Münchner Redakteur, als er dem Mann ein Schulheft aus der 3. Klasse zurückgibt. "Da steht ja überall die Note eins." "Eben", antwortet der Mann und steckt es wieder ein.

Als Boning an diesem Abend nach einer dreistündigen Fotosession mit dem Lifestyle-Magazin nach Hause kommt, teilt ihm seine Freundin Maria mit, daß er und Dittrich seit zwei Stunden auf Platz eins der Hitparade stehen. Boning überlegt kurz, ob er sich jetzt freuen soll, aber dann läßt er es doch bleiben. Er überlegt kurz, ob er jetzt eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank holen soll, aber er mag keinen Champagner.

Schließlich macht er sich ein Bier auf, schaltet kurz den Fernseher an, auf dem er nur die Programme RTL und Bayern 3 empfangen kann, und knipst ihn wieder aus.

Er holt ein Buch aus dem Regal und ist fortan nur noch schwer ansprechbar. Es sieht aus wie ein Buch über Tiere, aber Boning korrigiert, es sei ein "Schlangenbestimmungsbuch".

"Vor ein paar Wochen waren wir in Barcelona auf Urlaub", sagt er, "und auf einer Grünfläche sah ich eine Aesculap-Natter, aber ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, ob es eine war."

Boning blättert weiter. Dann stoppt er.

"Und?"

"Es war eine", sagt er zufrieden und schläft ein.


KulturSPIEGEL 6/1995
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