DER SPIEGEL



Randnotizen

Den Abspann im Kino ignorieren

DARF MAN DAS?

Von Becker, Tobias

Wann ist ein Film vorbei? In den Anfängen des Films war die Antwort einfach, denn in den Anfängen des Films stand am Ende eines Films ein Wort: Ende.

Heute steht am Ende ein ellenlanger Auszug aus dem Telefonbuch Hollywoods: Produzent, Regisseur, Hauptdarsteller, Kameramann, Tonassistent, Location Scout, Licht-Double, Friseur, Caterer, Chauffeur, Babysitter, Tierbetreuer. Ohne Telefonnummern wohlgemerkt. Was zeigt, für wen der Abspann gemacht ist: nicht für die, die sich den Film angeschaut haben, sondern für die, die an ihm mitgearbeitet haben. Und sei es, indem sie Julia Roberts die Haare onduliert haben oder mit Ryan Goslings Hund Gassi gegangen sind.

Dennoch gibt es Menschen, die bis zum bitteren Ende im Kino ausharren, die also bis zum Ende des Abspanns sitzen bleiben, um verbittert auf die Leinwand zu starren und zwischendurch auf die anderen Besucher, diese Popcorn-Proleten, die sich schon an ihnen vorbei nach draußen drängeln. Die Sitzenbleiber wollen signalisieren: Ihr seid Banausen, und wir sind Cineasten.

Also wirklich! Seit wann sind Sitzenbleiber die Schlaueren?

Schlau ist es, auf Toilette zu gehen, wenn man auf Toilette gehen muss. Aber ist es auch anständig? Gehört es sich nicht, den Handlangern der Künstlerstars die Ehre zu erweisen? Sie haben Anerkennung verdient, klar, so wie Millionen Berufstätige anderer Branchen. Diese Anerkennung nennt sich gemeinhin Gehalt. Die Studios sollen sie anständig bezahlen. Und gut ist.

Der Anstand interessiert Möchtegern-Cineasten genauso wenig wie der Abspann. Sie interessiert es, sich zu inszenieren, nachdem sich die Menschen auf der Leinwand zwei Stunden inszenieren durften. Sie sind Selbstdarsteller.


KulturSPIEGEL 5/2013
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