Von Dürr, Anke
Julia Häusermann steht auf der Bühne und lässt sich anstarren. Sie steht da, ohne etwas zu sagen oder zu tun, so, wie es der Regisseur von ihr verlangt hat. Das gehört zu ihrem Beruf. Julia Häusermann ist Schauspielerin.
Die 20-Jährige wird aber nicht nur angestarrt, wenn sie auf der Bühne steht. Die junge Frau zieht die Blicke im Supermarkt auf sich, in der U-Bahn, auf der Straße. Julia Häusermann ist geistig behindert, sie hat die typischen schrägstehenden Augen, den rundlichen Körper, die oft hervorstehende Zunge eines Menschen mit Down-Syndrom.
Ich habe, lange bevor ich Theaterkritikerin geworden bin, gelernt, "da nicht so hinzustarren", wenn mir, selten genug, ein Behinderter begegnete. Den Blick diskret abzuwenden, meine kindliche Neugier, bei Erwachsenen nennt man es Voyeurismus, zu bezähmen. Entsprechend unwohl fühle ich mich, als ich Julia Häusermann und ihre Kollegen zum ersten Mal auf der Bühne sehe in der Produktion "Disabled Theater". Vielen anderen Zuschauern scheint es ähnlich zu gehen, sie rutschen unruhig auf ihren Plätzen herum.
Nach ungefähr einer Minute an der Rampe löst Julia Häusermann die Situation auf, setzt sich im Bühnenhintergrund auf einen Stuhl neben ihren Kollegen Remo Beuggert, einen großen, schweren, gutmütig aussehenden Kerl, und lehnt sich an ihn, während sich vorn der nächste Schauspieler den Blicken des Publikums aussetzt. Wer hat diese schüchterne Frau auf die Idee gebracht, Schauspielerin zu werden? Fühlt sie sich wirklich wohl auf der Bühne?
Dann kommt die nächste Szene. Jeder der Schauspieler tanzt ein selbstentwickeltes Solo zu einem selbstgewählten Song. Julia Häusermann hat sich Michael Jacksons "They Don't Care About Us" ausgesucht. Sie stampft im Rhythmus der wuchtigen Trommelschläge über die Bühne, schleudert ihre langen roten Haare hin und her, geht ganz in der Musik auf - und greift sich wie Michael Jackson in den Schritt. Es ist eine mitreißende, manchmal komische Performance von ungeheurer Präsenz. Und Präsenz ist hier wirklich mal das richtige Wort: Julia Häusermann ist offenbar mit ihrer ganzen Persönlichkeit bei dem, was sie gerade macht.
Die Produktion "Disabled Theater" hat der französische Star-Choreograf Jérôme Bel mit elf Schauspielern des Schweizer Theaters Hora entwickelt. Sie kam im Mai 2012 heraus, wurde auf der Documenta gezeigt, in 15 europäischen Städten und inzwischen sogar in Südkorea. "Jérôme Bels Zusage war für uns wie ein Lottogewinn", sagt Marcel Bugiel, der Dramaturg, der die Produktion betreut hat. Er war auf die größenwahnsinnige Idee gekommen, den international gefeierten Künstler zu fragen, ob er mit einer Gruppe von Schauspielern arbeiten wolle, die das Down-Syndrom haben oder lernbehindert sind. "In den allermeisten Fällen bekommen wir nicht mal eine Absage", sagt Bugiel, "von der normalen Kunstszene wird diese Form von Theater einfach null ernst genommen." Im Fall von Bel profitierte das Theater Hora aber offenbar von einer Art Behindertenbonus: "Ich hatte eigentlich keine Zeit, aber ich wollte höflich sein, und so schrieb ich ihnen, sie sollten mir mal ihre DVDs schicken", berichtet Bel. Was er sah, begeisterte den Franzosen so, dass er die Gruppe am Rande eines Gastspiels in Zürich besuchte. Das war der Anfang von "Disabled Theater".
Die Reaktionen auf das Stück sind überall ähnlich: Die meisten Zuschauer sind begeistert, einige sind entsetzt. Sie empfinden Bels Arbeit als "Freakshow", die die Behinderten manipuliert und bloßstellt. Nur kalt lässt "Disabled Theater" niemanden.
Bels Konzept ist eigentlich simpel. Er führt die Zuschauer an die Behinderten heran, wie er selbst sich ihnen angenähert hat - es ist quasi ein Nachspielen ihres Kennenlernens. Ein Übersetzer am Bühnenrand stellt den Schauspielern, einem nach dem anderen, die Fragen, die ihnen der Choreograf während der Proben gestellt hat. Ihr Name, ihr Alter, ihr Beruf - sie sind alle Schauspieler! -, ihre Behinderung. So werden nach und nach Individuen sichtbar, die eigene Befangenheit lässt nach. Dann tanzt jeder sein Solo; auch an diesen Tänzen hat Bel nichts geändert. "Meine Arbeit bestand bei dieser Produktion darin, so wenig wie möglich zu machen", sagt der Choreograf. Jede Regieanweisung hätte etwas von der Authentizität der Darsteller zerstört. Genau das werfen ihm die Kritiker des Abends vor: Es sei nicht fair, die behinderten Schauspieler sich selbst zu überlassen, mit entsprechender Übung und Hilfe wären ihre Tänze sehr viel besser geworden.
Bel und seinem Team aber geht es um etwas anderes. "Es gibt viele Tänzer, die sind total virtuos, und es interessiert einen trotzdem kein Stück, wenn die tanzen", sagt der Dramaturg Bugiel. "Die Darsteller von Theater Hora haben keine Technik im klassischen Sinn, aber die wissen alle, warum sie tanzen." Bel stellt mit all seinen Arbeiten das herkömmliche Theatersystem auf den Kopf. Wenn ich anfange, auf meinem Stuhl herumzurutschen, bin ich an dem Punkt, wo er mich haben will. Und wenn die Zuschauer anfangen zu klatschen, weil einer auf der Bühne sagt: "Ich habe Trisomie 21", dann stellt das nicht den Darsteller bloß, sondern sein Publikum. Anders als bei einer klassischen Freakshow, die vor allem dazu dient, sich seiner eigenen Normalität zu versichern, hebelt "Disabled Theater" alle Normen des Theaterbetriebs aus.
Im Mai ist "Disabled Theater" zum Berliner Theatertreffen eingeladen, das dieses Jahr zum 50. Mal stattfindet. In der siebenköpfigen Jury des Festivals, der ich zurzeit angehöre, wurde lange über die Produktion diskutiert. Aber es war klar: "Disabled Theater" gehört definitiv zu den zehn "bemerkenswerten" Inszenierungen der Saison. Julia Häusermann wird in Berlin neben Theaterstars wie Constanze Becker, Sandra Hüller und Heike Makatsch spielen.
"Ich hatte keine Erfahrung mit Behinderten, schon gar nicht im Theater", sagt der Choreograf Bel, "ich fühlte mich in einer schwachen Position, ein bisschen wie im Ausland, wenn man die Gebräuche nicht kennt. Also habe ich mit ihnen das gemacht, was ich kann: eine Performance, keine Kunsttherapie."
So ist eine Produktion entstanden, die man sich nicht aus sozialen Gründen anschaut, und das trägt mehr zur Würde der Darsteller bei als alles andere. Denn mindestens so drängend wie die dauernd diskutierte Frage "Darf man das?" ist beim Theater mit behinderten Schauspielern die nie diskutierte Frage: Wer will das wirklich sehen?
"Vielleicht sind meine Ansprüche zu hoch, aber ich schau mir Behindertentheater fast nicht mehr an", sagt Peter Radtke. Die ästhetische Diskussion am Rande solcher Theaterproduktionen mit behinderten Darstellern erschöpfe sich nach seiner Erfahrung meist in den Standardsätzen "Warum sollen Behinderte denn nicht auf die Bühne?" und "Dafür, dass es Behinderte sind, ist es doch recht nett". Radtke verzieht die Mundwinkel. "Das ist mir zu wenig." Es gibt Leute in der Szene, die das noch drastischer sagen, aber nicht zitiert werden wollen.
Peter Radtke ist der Pionier und Elder Statesman unter den wenigen Schauspielern, die es aus der engen, in ihren finanziellen wie ästhetischen Mitteln oft sehr begrenzten Szene des Behindertentheaters herausgeschafft haben auf die großen Bühnen. Sein Solo "Ein Bericht für eine Akademie", Kafkas Geschichte eines Affen, der zum Menschen wird, indem er sich den Normen anpasst und auf seine eigentlichen Stärken verzichtet, hat er in den achtziger Jahren im Wiener Burgtheater gespielt, in Jerusalem und Paris.
Radtke hat Glasknochen und ist infolge dessen schwer körperbehindert. Er sitzt im Rollstuhl, sein Rückgrat ist stark verkrümmt, und er ist nicht größer als ein Kleinkind. Die Frage "Darf man das?" hat ihn durch seine ganze Karriere hindurch begleitet. "Bei geistig behinderten Darstellern ist die Frage vielleicht etwas stärker berechtigt", sagt er, "aber auch hier gilt: Man sollte sie nicht unterschätzen."
Die "Darf man das?"-Diskussion ist aus Radtkes Sicht häufig ein Alibi für Leute, die sich mit Behinderten nicht auseinandersetzen wollen. "Dann hieß es immer, ich werde manipuliert", sagt Radtke. "Das ist einfach ein Schmarrn, jeder Schauspieler wird manipuliert." Im Übrigen sei er durchaus selbst dazu in der Lage, sich gegen abstruse Regie-Ideen zu wehren.
Radtke ist Tabori-geschult; der ungarische Regisseur George Tabori war eine Art Vordenker für Leute wie Jérôme Bel, weil ihn die Übereinkunft, dass im Theater alles "als ob" ist, nicht interessiert hat. "Mit einem behinderten Darsteller kommt ein Realismus auf die Bühne, der den schönen Schein sprengt", sagt Radtke.
Der Einsatz eines Behinderten auf der Bühne sei immer eine "Gratwanderung", schreibt der promovierte Romanist Radtke in einem seiner Aufsätze über seine Theatererfahrung. "Er wird nie so gesehen werden wie ein nichtbehinderter Kollege. Er ist immer Prototyp des ,Behinderten' schlechthin." Das ist der Ansatzpunkt der Kritiker von Bels "Disabled Theater": Sie werfen dem Choreografen vor, ein falsches Bild von "den Behinderten" zu entwerfen, weil er beispielsweise gerade nicht möchte, dass seine Darsteller auf der Bühne still sitzen, obwohl sie dazu durchaus in der Lage wären.
Ein behinderter Schauspieler kann die Interpretation einer Figur in eine Dimension erweitern, wie es einem anderen Darsteller nicht möglich ist, heißt Radtkes Credo. Bei Kafkas Affen, der, um in die Gesellschaft aufgenommen zu werden, enorme Opfer bringt und sich seiner Stärken beraubt, war das offensichtlich. Auch die Idee der Regisseurin Karin Henkel, Radtke als den Hauptmann in Büchners "Woyzeck" zu besetzen, leuchtete ein - die Klage des immobilen Hauptmanns, alles um ihn herum gehe immer zu schnell, bekam dadurch einen anderen Unterton.
Für diese Inszenierung, die 1999 am Schauspielhaus Zürich herauskam, hat Radtke seine Gesundheit geopfert. Der heute 70-jährige Schauspieler, der bei der Geburt eine Lebenserwartung von wenigen Jahren bescheinigt bekam und mit Glück dem Euthanasie-Programm der Nazis entging, verausgabte sich bei der ensuite gespielten Produktion so, dass er mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus kam. Ein komplizierter Luftröhrenschnitt rettete ihm mit knapper Not das Leben, bis heute hat Radtke ein Tracheostoma im Hals. Am Theater arbeitet er inzwischen vor allem als Autor und Regisseur.
Gerade hat er in Ulm sein eigenes Stück "Die Stunde der Viper" inszeniert; ein kleines Stück über zwei Reisende in einem Zugabteil, im Stück heißen sie nur "Der Kleine" und "Der Große", es ist ein Machtspiel. Radtke lässt "den Kleinen" in seiner Inszenierung von Jana Zöll spielen. Zöll hat ebenfalls Glasknochen; nur 90 Zentimeter ist sie groß. Das Spiel mit dem Phänomen, dass man sie immer unterschätzt, scheint ihr großen Spaß zu machen, und es leuchtet plötzlich auch ein, warum "der Große" niemanden zu Hilfe holt, solange es noch nicht zu spät ist: Er will sich nicht lächerlich machen. "Die Stunde der Viper" ist auch ein intelligentes Stück über Manipulation - und hätte es verdient, über die Behindertentheaterszene hinaus beachtet zu werden.
Jana Zöll, 28, gehört zu den wenigen Schauspielern, die die massive Barriere zwischen Behindertentheater und Stadttheater wenigstens zeitweilig überwunden haben. Auch sie wird beim Theatertreffen in Berlin zu sehen sein, in "Krieg und Frieden", entstanden als Co-Produktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Leipziger Centraltheaters.
Zöll hat nach dem Abitur an der Ulmer Akademie für darstellende Kunst studiert, der einzigen Ausbildungsstätte für Schauspieler, die auch körperbehinderte Studenten annimmt - den Impuls dazu gab Peter Radtke. "Nach meiner Ausbildung habe ich mich deutschlandweit bei allen Theatern beworben, die ich finden konnte", erzählt Zöll. "Der Leipziger Intendant Sebastian Hartmann war der einzige, der mich zum Vorsprechen eingeladen hat."
Hartmann ist auch der Regisseur von "Krieg und Frieden". Er hat für die Bühnenversion den Riesenroman von Leo Tolstoi zerpflückt und neu zusammengesetzt - nicht mehr die Handlungsabläufe stehen im Zentrum, sondern Themenkomplexe wie "Glaube", "Ich" oder "Sehnsucht". Das erlaubt ihm, auch die Figuren des Romas neu zu gruppieren.
In einer Szene spielt Jana Zöll Napoleon und zugleich das Baby von Lise und Fürst Andrej. In einer Art Kindersitz ist die Schauspielerin auf der schrägen Bühne fixiert, wechselt ansatzlos von der Rolle des Feldherrn in die des unschuldigen Kindes und zurück. Sie wird zu einem Wesen, das Macht und Ohnmacht, Schuld und Unschuld zugleich verkörpert.
Es ist ein gutes Beispiel für das, was Radtke mit der Dimensionserweiterung einer Rolle durch einen behinderten Darsteller meint. In einer späteren Szene von "Krieg und Frieden" wird Jana Zöll von ihrem Kollegen Hagen Oechel über die Bühne getragen. Beide sind nackt. Als ich das sehe, ärgere ich mich einen Schockmoment lang über diese Provokation. Ich will nicht, dass der Regisseur für eine spektakuläre Szene die Schauspielerin so schutzlos meinen Blicken ausliefert. Dann schaue ich noch mal hin, und plötzlich sehe ich ein Paar, das in einem einzigen Bild von den Folgen des Krieges erzählt und von einer Sehnsucht nach Unschuld. Die Schutzlosigkeit ist nötig; sie ist das Thema.
Trotzdem: Warum hat Jana Zöll da mitgemacht? Sie lacht über diese Frage. "Eigentlich habe ich den Regisseur dazu provoziert", sagt sie. "Als er wirklich auf meinen Vorschlag eingegangen ist, war ich allerdings dezent überfordert." Sie hätten die Szene dann lange bekleidet geprobt. "Bei einem anderen Regisseur wäre dieser Auftritt vielleicht nicht in Ordnung gewesen", sagt Zöll, "aber Hartmann nimmt mich ernst." Deshalb vertraut sie ihm. "Seine Inszenierungen sind oft nah an der Grenze zur Freakshow", sagt die Schauspielerin, "aber er überschreitet diese Grenze nicht."
Vielleicht, denke ich manchmal, sollte es endlich mal jemand tun - übergroße Vorsicht und Political Correctness jedenfalls hat die Integration behinderter Schauspieler ins professionelle Theater nicht vorangebracht in den vergangenen 20 Jahren.
Mit der Berliner Gruppe Monster Truck und dem Theater Thikwa hat der Dramaturg Marcel Bugiel so einen Tabubruch versucht. In "Dschingis Khan" spielen drei Schauspieler mit Down-Syndrom, Menschen also, die man früher "mongoloid" nannte, Mongolen. Wie in einer Völkerschau führen sie ihre "primitiven" Kulturtechniken vor.
Was sich erst mal anhört wie ein schlechter Witz, entpuppt sich als intelligentes Spiel mit unseren Gewohnheiten: Indem sie Exoten spielen, stoßen die behinderten Schauspieler uns darauf, dass wir sie immer noch als Exoten betrachten. Auch dann, wenn sie nicht auf der Bühne stehen und als Exoten verkleidet sind.
Berlin: Theatertreffen. 3.-20.5., Tel. 030/25 48 91 00, www.berliner festspiele.de, u.a. mit "Krieg und Frieden" (8. und 9.5.) und "Disabled Theater" (10. bis 12.5.; weitere Termine unter www. hora.ch). Am 13.5. gibt es ein Symposium über "Behinderte auf der Bühne", an dem u.a. Peter Radtke, Marcel Bugiel und die Autorin teilnehmen. Heidelberg: "Dschingis Khan". Am 1.5. zu Gast beim Stückemarkt, Tel. 06221/582 00 00, www.theaterheidelberg.de
KulturSPIEGEL 5/2013
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