DER SPIEGEL



Die Wucherin

Von Wiensowski, Ingeborg

Monika Grzymala schafft raumgreifende Installationen aus Klebeband.

R aumzeichnungen nennt Monika Grzymala ihre riesigen, dreidimensionalen Liniengeflecht-Installationen aus Klebeband, die sich von der Wandfläche befreien, den Raum einnehmen, sich verdichten, verknüllen, dann wieder zu explodieren scheinen, Balance suchen, sich um Pfeiler wickeln, zur Decke wuchern oder sich zu einer Woge formieren, die gegen die Wand schwappt. Nur wenn Grzymala nicht mit Klebeband, sondern mit selbstgemachtem Papier arbeitet, wirken ihre Linien geordneter, leichter und schwebender, wie Schneeflocken. "Zeichnungen sind es immer", sagt Grzymala, und sie entstehen nach einer Ortsbesichtigung in einem "organisch intensiven Denkprozess" mit Skizzen von Linien und Bewegungen. "Von der Hand geführtes Denken" sei es, mit dem sie "Strömungen und Rhythmus" einer neuen Bildidee erfasse, kein Entwurf, den sie zur Ausführung jemand anderem als Anleitung geben könne. "Meine Arbeit entsteht endgültig erst in der Realisation", sagt Grzymala, 42, und so installiert sie sie immer selbst - gebückt, gereckt, auf Leitern und Hebebühnen, wie im New Yorker MoMA und demnächst in der Morgan Library. Eine Möglichkeit zur Korrektur gibt es nicht und auch keine, die Arbeit haltbar zu machen. Nach einiger Zeit nämlich übernimmt die Schwerkraft die Regie, die Arbeit wird abgebaut, nur ein Klumpen Klebeband und ein Foto bleiben. Schwierig für den Kunstmarkt, der auf wachsende Werte setzt - und ein Anreiz für Sammler, die Einmaliges suchen, wie die New Yorkerin Dian Woodner, in deren Apartment Grzymala einen ganzen Raum mit Relieflinien gestaltete, die aus ihrem Papier an den Wänden heraus in den Raum hineinwachsen. Woodner ist so begeistert, dass Grzymala jetzt für sie einen Dach-Skulpturen-Garten entwirft. "Eine ganz neue Herausforderung", sagt Grzymala, denn "wenn ein Hurrikan käme, müsste die Arbeit das aushalten".

Monika Grzymala: Mono Meros. Hamburg. Kunsthalle, 26.5.-25.8., www.hamburger-kunsthalle.de


KulturSPIEGEL 5/2013
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