Von Keller, Maren
E rdbeben, Flächenbrände, Tsunamis, Kofferbomben, Vergiftung der Wasservorräte, Cyberangriffe, Selbstmordattentäter auf der Fifth Avenue, Supervulkane, abstürzende Fahrstühle: Mitchell Zukors Kopfkino hat immer schon ausschließlich Katastrophenfilme im Programm. Schon an der Uni kann er kaum an etwas anderes denken. Und eines Tages bekommt er die Chance, seine Besessenheit zum Beruf zu machen: Für FutureWorld berät er große Firmen, so dass diese im Katastrophenfall nicht für den Tod ihrer Mitarbeiter haften müssen. Er ist der geborene Alptraum-Analyst und macht schnell Karriere. Seine eigene Angst ist so groß, dass er jeden Geschäftsführer damit anstecken kann. Mitchell dürfte wohl der Apokalypse-affinste Antiheld der Literaturgeschichte sein, und das ist nur der eine Grund, aus dem dieses Buch Aufmerksamkeit verdient. Der andere ist, dass der Autor des Buchs, Nathaniel Rich, 23, seine Fähigkeit zu trockener Komik immer mehr zügelt, bis sein Roman zu einer Parabel über Angst und Mut und zu einer Art Katastrophen-Katharsis für seinen verschrobenen Protagonisten wird. Denn Mitchell hat eine Brieffreundin mit einem seltenen Herzfehler: Jeden Moment kann das Brugada-Syndrom sie tot umkippen lassen. Trotzdem ist Elsa auf einen Selbstversorger-Hof mitten im Niemandsland gezogen. Was treibt sie an? Angst oder Mut? Oder kann Angst zu Mut werden? Als Mitchell der Einzige ist, der im Voraus ahnt, welche Katastrophe auf New York zukommt, findet er die Antwort darauf.
Nathaniel Rich: "Schlechte Aussichten". Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Riffel. Klett-Cotta; 368 S.; 21,95 Euro.
KulturSPIEGEL 5/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.