29.04.2013

Neue Bücher

Von Dehoust, Christoph Schröder Maren Keller Wolfgang Höbel Johan

Patricio Pron: "Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf". Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Rowohlt; 220 Seiten; 18,95 Euro.

"Kinder sind die Detektive ihrer Eltern", heißt es gleich zu Beginn von Patricio Prons Debütroman. Als der Vater des Erzählers in Argentinien in ein Krankenhaus eingeliefert wird, reist der Sohn von Deutschland aus, wo er studiert und vor allem jede Menge Drogen genommen hat, zurück in die Heimat. Im Schreibtisch des Vaters findet er eine Sammlung von Zeitungsausschnitten und Dokumenten, die sich mit der Ermordung eines Mannes in einer Kleinstadt beschäftigen. Dies ist der Ausgangspunkt einer Spurensuche, vor allem aber einer Selbstbefragung, in der das Politische, die argentinische Militärdiktatur, und das Private untrennbar verbunden sind. Prons dokumentarische Fiktion kennt keine explizite Moral und keine Ideologie. Stattdessen nähert sich ein Autor mit literarischen Mitteln einer komplexen Wirklichkeit.

Jessica Soffer: "Morgen vielleicht". Aus dem amerikanischen Englisch von Anna-Christin Kramer. Kein & Aber; 284 Seiten; 20 Euro.

Wenn man sich den Buchladen als Restaurant vorstellt, wäre "Morgen vielleicht" die Mousse au Chocolat: nicht spannend, aber umso süßer. Und auch wenn man ahnt, was man bekommt, müsste man schon einen ziemlich ungewöhnlichen Geschmack haben, um es nicht dennoch zu mögen. Soffer erzählt in ihrem Debüt von dem Teenager-Mädchen Lorca, das versucht, kochend die Liebe seiner unnahbahren Mutter zu gewinnen und ihr "Masgouf" zubereiten will, ihr Kindheits-Lieblingsessen. So trifft Lorca auf Victoria, eine irakische Witwe, die ihr einziges Kind zur Adoption freigegeben hat. Wie Puderzucker hat Soffer Lebensmittel-Metaphern über den ganzen Text gestreut, weshalb es umso mehr schade ist, dass der Originaltitel ("Tomorrow There Will Be Apricots") im Deutschen zu dem nichtssagenden "Morgen vielleicht" werden musste.

Lisa Moore: "Im Rachen des Alligators".

Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Hanser; 352 Seiten; 22,90 Euro.

Tote Männer sind die besten Männer bei der kanadischen Schriftstellerin Lisa Moore, die in einer eindringlichen, sanft schwingenden, kühl reduzierten Sprache von den Schmerzen der Übriggebliebenen erzählt, die diese Männer zurückgelassen haben. In "Und wieder Februar", ihrem für den Man Booker Preis nominierten, auf Deutsch 2011 erschienenen Roman, hat Moore von der Verzweiflung einer Frau erzählt, deren Ehemann während der Arbeit auf einer Ölbohrinsel vom Meer verschluckt wurde. In "Im Rachen des Alligators" trauert das pubertierende Mädchen Colleen um ihren Stiefvater, der eines Tages tot umfiel, weil er ein Blutgerinnsel im Kopf hatte. Colleens Kämpfe mit der Mutter, ihre Jungsaffären und ihre Reise zu einem bizarren Reptiliendompteur schildert Moore im klug arrangierten Spiel mit wechselnden Perspektiven.

Astrid Rosenfeld: "Elsa ungeheuer".

Diogenes; 288 Seiten; 21,90 Euro.

Dieser Roman spielt in zwei Welten. Die eine liegt in der Oberpfalz, in einem kleinen Dorf mit Landgasthof. Hier wachsen die Brüder Lorenz und Karl auf. Die andere erstreckt sich von Düsseldorf bis Den Haag, sie ist bevölkert von Kunstakademikern und Galeristen. In ihr versuchen sich die Geschwister als Erwachsene zu behaupten - Lorenz als Künstler und Karl als sein Wegbereiter. Aber sie können noch so viel Koks schnupfen: Das, was sie in ihrer Kindheit mit ihrer kratzbürstig-liebenswürdigen Spielgefährtin Elsa erfahren haben, verfolgt sie weiter. Astrid Rosenfeld, 36, hat mit "Elsa ungeheuer" ein geheimnisvolles, kontrastpralles Buch geschrieben. Mal erinnert es an eine derbe Heimatkomödie, mal an Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray". Meistens aber verbreitet es seinen ganz eigenen, fabelhaften Erzählklang.


KulturSPIEGEL 5/2013
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