DER SPIEGEL



Der Moderator Jürgen Domian, 55, über eine tiefe Glaubenskrise und Essstörungen

Von Leppin, Jonas

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Jürgen Domian: Ich wollte raus aus der Unterschicht. Mir war klar: Das ist nur über Bildung möglich. Meine Zeit in der Hauptschule in Gummersbach auf dem Steinberg war das Grauen. Ich habe zu spüren bekommen, dass ich ein Arbeiterkind war. Die Lehrer haben uns gedemütigt und nach sozialer Herkunft unterschieden. Eine Mutter, die Kassiererin war, wurde höher angesehen als meine Mutter, die als Putzfrau arbeitete. Noch heute kommt da der Zorn in mir hoch.

Sie waren ehrgeizig, Sie wollten unbedingt Abitur machen.

Alle hielten mich für verrückt. Meine Lehrer, mein ehemaliger Direktor, das Arbeitsamt in Gummersbach. Denn obwohl ich nach der Hauptschule die Handelsschule und eine Fachoberschule besuchte, konnte ich kaum Englisch und hatte keine Ahnung von Biologie oder Physik. Zwei Gymnasien haben mich direkt abgelehnt, bei einem dritten durfte ich zum Vorstellungsgespräch. Der Direktor, Horst Kienbaum, sagte: "Wenn Sie bereit sind, fast auf Ihre gesamte Freizeit zu verzichten, dann können Sie kommen." Ich habe sofort ja gesagt. Das war mein Lebensglück.

Wie erlebten Sie die Jahre auf dem Gymnasium?

Es war mein intellektuelles Erwachen. Ich habe mit 18 mein erstes Buch gelesen, bin zum ersten Mal ins Theater und in die Oper gegangen. Dabei wurde ich von Lehrern und Mitschülern unterstützt, ich war wohl irgendwie exotisch. Ärztekinder, die mich vorher nicht angeschaut hatten, haben mich ein Jahr später zum Schülersprecher gewählt. Diese Zeit war mein größter Triumph.

Ist es richtig, dass der Glaube für Sie damals sehr wichtig war?

Als Kind hatte ich große Angst vor dem Tod. Niemand konnte mich trösten, auch meine Eltern nicht. Im Konfirmandenunterricht habe ich dann einen sehr guten Pastor kennengelernt und tauchte tief in den christlichen Kosmos ein. Ich habe jeden Tag gebetet. Ich suchte Zuflucht vor der Todesangst und dem Martyrium der Hauptschule.

Irgendwann gerieten Sie aber in eine Glaubenskrise.

Ich wollte Theologie studieren und mich vorher mit den Kritikern auseinandersetzen. Als ich dann Feuerbach und Nietzsche gelesen hatte, brach für mich das ganze Glaubenskonstrukt zusammen. Gott, Himmel, Hölle, das machte alles keinen Sinn mehr. Für mich war das eine riesige Katastrophe, fast lebensbedrohlich. Auch körperlich stand ich an einer Grenze.

Was meinen Sie damit genau?

Es war eine harte Zeit für mich, und vieles kam zusammen: Ich hatte den Glauben verloren, war auf der Suche nach meiner sexuellen Identität und erkrankte an Bulimie. Herausgeholfen hat mir dabei übrigens indirekt der SPIEGEL.

Wie bitte?

Ja. In einem Artikel las ich zum ersten Mal, dass Bulimie eine Krankheit ist und es in meiner Nähe eine Selbsthilfegruppe gab. Dort bin ich genau ein Mal hingegangen, und nach diesem Besuch war mein Selbsterhaltungstrieb wieder geweckt: "Zu denen willst du nicht gehören." Ich begann allein den mühsamen Kampf gegen die Krankheit.

Heute beraten Sie in Ihrem Telefon-Talk selbst Menschen in Krisen. Wie ist es bei Ihnen: Haben Sie noch Angst vor dem Tod?

Ich habe mich in den vergangenen Jahren viel mit interreligiöser Mystik und Zen-Buddhismus beschäftigt. Ich habe Angst vor dem Sterben, aber keine Furcht mehr vor dem Tod. Auch meine Einstellung zum Glauben hat sich geändert: Ich habe wieder hohen Respekt vor Gläubigen. Ich möchte nur nicht missioniert werden. In meiner Sendung versuche ich, jeden Anrufer mit seinem Anliegen ernst zu nehmen. Weil ich weiß, wie es ist, in einer echten Krise zu sein.

Jürgen Domianmoderiert seit 1995 die Telefon-Talk-Sendung "Domian" (WDR). In seinem aktuellen Buch "Interview mit dem Tod" (Gütersloher Verlagshaus) beschäftigt er sich mit existentiellen Fragen.

Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 27. Mai 2013.

INTERVIEW: JONAS LEPPIN


KulturSPIEGEL 5/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

KulturSPIEGEL 5/2013
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der Moderator Jürgen Domian, 55, über eine tiefe Glaubenskrise und Essstörungen

TOP



TOP