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Killing us softly

Von Dallach, Christoph

Die schönste Bedrohung, seit es HipHop gibt: Die Sängerin, Geschäftsfrau und Mutter Lauryn Hill macht Karriere als Rollenmodell in Hot pants.

Lauryn Hill war drei Jahre alt, als sie herausfand, was Zeitverschwendung ist. Die Erzieherin im Kindergarten hatte eine zweistündige Ruhepause verordnet, und das kleine Mädchen war empört: ?Ich habe mich einfach geweigert ? Schlaf ist wichtig, aber am Tag überflüssig.

Heute ist Lauryn Hill 24 und kämpft mehr denn je, ihre Tage zu verlängern. Ihr Leben, sagt sie, rase ihr davon ? ?wie ein Videofilm im Schnellvorlauf?. Vor ein paar Tagen erst ist sie aus Tokio in London angekommen. Tags darauf fliegt sie weiter nach Mailand, von dort aus nach Paris, dann London und schließlich zurück in die Heimat, nach New York. Dort muß sie in ein paar Fernsehshows auftreten, ihre Tournee vorbereiten und wichtige Geschäftstermine wahrnehmen. Und dann werden am 24. Februar in Los Angeles auch noch die Grammies verliehen, die Oscars der Musikindustrie.

In zehn Kategorien ist Hill nominiert. Als Sängerin, Musikerin, Autorin und Produzentin ihres Bestsellers ?The Miseducation of Lauryn Hill? und für den Song ?A Rose Is Still A Rose?, den sie für Aretha Franklin geschrieben und fertiggestellt hat. Zehn Nominierungen ? das hat vor ihr noch keine andere Musikerin geschafft. Weder Courtney Love noch Whitney Houston oder Alanis Morissette und auch Madonna nicht.

Es wird der Abend sein, an dem Lauryn Hill zur neuen Königin der Popmusik gekrönt wird. Und erstmals kommt die neue Muse der Unterhaltungskultur aus dem HipHop, einem Genre der Popmusik, das bislang immer nur als schwarze Subkultur behandelt wurde. Doch seit im vergangenen Jahr allein in den USA mehr als 81 Millionen Rap-Alben verkauft wurden ? da konnten sogar Amerikas Country-Sänger, bislang unangefochtene Bestseller der Musikindustrie, nicht mehr mithalten ?, gelten die neunziger Jahre als ?Jahrzehnt des HipHop? (?Time?-Magazin).

Wo man hinschaut in der populären Kultur Amerikas, überall hat die Musik, die Anfang der Achtziger in den schwarzen Ghettos der Großstädte erfunden wurde, ihre Spuren hinterlassen: In Hollywood hat sich der ehemalige Rapper Will Smith als neuer Action-Star etablieren können; die Werbespots im Fernsehen sprechen den Rhythmus der Straßenkultur; und sogar Amerikas Großschriftsteller Tom Wolfe reimt in ein paar Passagen seines neuen Romans ?A Man In Full? wie ein Rapper aus der Bronx.

Siebenmillionenmal hat sich Lauryn Hills Debütalbum verkauft, auf dem sie so elegant HipHop-Beats, Soulgesang und Popmelodien vereint. Aber es ist nicht nur der Erfolg, die Schönheit oder die Jugend, die aus ihr eine Heldin haben werden lassen. Im bisher nur von Männern dominierten HipHop-Kosmos hat man lange nach einer Königin gesucht ? und nun endlich eine selbstbestimmte, kluge Frau gefunden, die ein eigenes Plattenlabel gegründet hat, eine Filmfirma führt und nebenbei ein Wohlfahrtsunternehmen betreibt, das sich um Flüchtlinge kümmert. Ein Rollenmodell in Hot pants.

Verständlich also, daß Lauryn Hill ständig um ein bißchen mehr Zeit kämpft. Daß sie aber an diesem Februartag in ihrer Londoner Hotelsuite immer wieder verstohlen vor sich hin gähnt, hat nicht nur damit zu tun, daß sie ein allseits umschwärmter Popstar ist und eine termingestreßte Geschäftsfrau, sondern auch noch zweifache Mutter. Lauryn Hill ist eine Frau, die alles will, alles kann ? und alles kriegt.

Ihr Sohn Zion wurde 1997 geboren, die Tochter Selah Louise vor drei Monaten. Mit der Geburt ihrer Kinder hat sie sich nicht länger als notwendig aufgehalten. Beide Male fuhr sie direkt aus dem Studio ins Krankenhaus; hat sich hingelegt, das Kind geboren und weitergemacht. Zwei Wochen sei sie ausgefallen, erinnert sie sich. ?Irrtum?, korrigiert ihr Vater, der seit dem Karrierebeginn seiner Tochter alle Interviews mit einer Videokamera für das Familienarchiv festhält, ?es war nur eine Woche. Du mußtest ja unbedingt in Las Vegas auftreten.?

Hinter dem Popstar Lauryn Hill verbirgt sich ein straff geführtes Familienunternehmen. Vater, Mutter, Onkel, Lebenspartner, Bruder und beste Freundinnen sind alle in leitenden Funktionen beschäftigt. Bei Auftritten wartet die Sippe hinter der Bühne, und auch auf ihrem Kurztrip durch Europa sind ein paar von ihnen mit dabei und bauen im Hotelzimmer ein Stockwerk höher den Wickeltisch auf, während sie unten Interviews gibt. Und wenn nachts das Baby rebelliert, muß der Vater Rohan Marley, ein Sohn des Reggae-Musikers Bob Marley, aus dem Bett. ?Das Organisieren von Babymahlzeiten ist genauso aufwendig wie das Arrangieren von Songs.?

Die altersweise Jazzsängerin Nina Simone hatte Lauryn Hill ausdrücklich gewarnt: Wer Showbiz und Familie wolle, ruiniere beides.

Hill schafft es trotzdem und ist es mittlerweile leid, sich ständig dafür rechtfertigen zu müssen, Popstar und Mutter zugleich zu sein. ?Anscheinend stelle ich für viele eine Bedrohung dar?, sagt Hill, ?vielleicht weil ich keine Angst habe, vielleicht weil alles, was ich anpacke, wie nebenbei zu gelingen scheint. Aber das ist ein Irrtum. Das alles ist harte Arbeit, nichts ist easy.?

Lauryn Hill wollte die Karriere und hat sie bekommen. Die Eltern, der Vater arbeitete als Computerexperte, die Mutter als Englischlehrerin an einer Grundschule, unterstützten sie dabei ? nur die Schulausbildung durfte Lauryn nicht schleifen lassen. ?Ich bin mit dem Bewußtsein aufgewachsen, daß ich alles schaffen kann, und wenn mir damals ein Junge sagte, das kannst du nicht, dann wollte ich es erst recht.?

An den Wochenenden fuhr Daddy sie in den Freizeitpark, wo eine Karaoke-Maschine stand. ?Jeden Hit von Whitney Houston habe ich mindestens einmillionenmal gesungen?, sagt Hill. ?Sie war für mich die Größte. Ihre Stimme! Ihre Schönheit! Ihr Erfolg! Und das Allergrößte: Sie ist auch noch schwarz. Aber eins war mir schon damals klar: Das kann ich auch.?

Bald sang sie in der Schule vor Baseballspielen die Nationalhymne, sie tanzte in Musicals, spielte Theaterstücke und gründete schließlich zusammen mit zwei Jungs aus der Nachbarschaft eine Band: Sie nannten sich The Fugees, nahmen ein erstes Album auf, das in den Läden verstaubte. Nebenbei studierte Lauryn Hill an der New Yorker Columbia University Geschichte, spielte kleinere Rollen in Fernsehserien und eine größere neben Whoopi Goldberg im Kinohit ?Sister Act 2?. ?Bis dahin lief eigentlich alles ganz normal. Bevor wir auftraten, habe ich mich auf der Toilette eingeschlossen, um meine Hausarbeiten für die Uni zu schreiben.?

Doch dann veröffentlichte die HipHop-Band ein zweites Album (?The Score?), auf dem Hill eine Coverversion von Roberta Flacks ?Killing Me Softly? sang; sie wurde weltweit zum Nummer-eins-Hit. Das Album verkaufte sich 18millionenmal ? wohl auch weil es den Fugees als ersten gelungen war, aus HipHop guten Pop zu machen. Nun, nach Hills Solo-Erfolg, ist es gut möglich, daß die alten Fugees-Freunde Pras und Wyclef ohne sie weitermachen müssen.

Sogar Aretha Franklin, die große alte Dame der Soulmusik, war beeindruckt, was sich die kleine Lauryn so alles traut. Als Franklin in den sechziger Jahren zusammen mit dem Produzenten Jerry Wexler ihre Hits einspielte, habe sie nie einen Kredit für Songs oder Produktion bekommen. Schließlich war die Königin des Soul eben nur eine Frau und auch noch schwarz. ?Das sollte heute mal einer wagen?, zischt Lauryn.

Ansonsten haben Aretha und Lauryn während der Aufnahmen nicht viel über ihre Arbeit gesprochen. ?Unsere Gespräche drehten sich meistens nur um Schmuck, Haare und Fingernägel?, sagt Hill, ?dafür muß auch mal Zeit sein.?

"Das Organisieren von Babymahlzeiten ist genauso aufwendig wie das Arrangieren von Songs."


KulturSPIEGEL 3/1999
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