22.02.1999

MusikXTC

Seit mehr als 20 Jahren ignoriert das große Publikum die Band des Briten Andy Partridge. Vielleicht ist er zu klug für Rock'n'Roll.
Andy Partridge (Foto: r.) ist der falsche Mann für ein Leben als Rock'n'Roller. Als die Jungs aus seiner Band von einer Tournee durch Australien ein paar Mädchen mit zurück in die Heimat nahmen, hatte er nur einen „I Love Sydney"-Aschenbecher im Handgepäck. Er mag es auch nicht, Werbung zu machen für seine Platten und in aller Welt mit Journalisten zu reden - da bekommt er vorsichtshalber schon mal eine Lungenentzündung. Und auch mit seinen Fans kann Partridge wenig anfangen: 1982 kollabierte er während eines Live-Auftritts - er hatte es nicht mehr ertragen können, daß ihn „jede Nacht Tausende von Menschen anstarrten". Seitdem betritt er keine Bühne mehr.
Kein Wunder also, daß Partridges Band XTC nach mehr als 20 Jahren immer noch nicht so berühmt ist, wie sie es eigentlich verdient. „Apple Venus Volume 1" heißt ihre neueste Platte, und auch ihr wird es so gehen wie allen anderen zuvor: von der Kritik in den Himmel gelobt, vom Publikum ignoriert. „Wir haben so viele begeisterte Kritiken bekommen, daß wir daraus eigentlich einen Palast hätten bauen können", sagt er, „aber unsere Verkäufe reichen höchstens für eine Holzhütte."
Dabei hatte Partridge, 45, Mitte der siebziger Jahre im britischen Provinznest Swindon noch eine Band gegründet, „um möglichst viele Mädchen ins Bett zu kriegen". Denn in der Schule war er nur der bebrillte Klassenclown, das „Kartoffelgesicht", mit dem die Mädchen nichts zu tun haben wollten.
XTC nannten er und seine schrulligen Freunde ihre Band, und weil die Jungs spitzfindige Texte über britische Gärten und verschrobene Affären schreiben sowie zickig rasante Sixties-Melodien erfinden konnten, standen sie bald im Ruf, ganz besonders klug zu sein. Immerhin: In England und den USA gelangen ihnen mit Songs wie „Making Plans For Nigel" oder „Senses Working Overtime" ein paar kleinere Hits.
Doch bald schon wurden sie von den Managern der Plattenfirma aufgefordert, ihren Stil zu ändern: „Macht doch mal so was wie ZZ Top - dreckigen, lauten Blues, das wollen die Leute hören!" Partridge lehnte ab: Er fühle sich nicht in der Lage, die rauschebärtigen Rocker aus Texas zu kopieren - sein Bartwuchs sei zu schwach. Statt dessen trat die Band aus Protest in einen siebenjährigen Streik. Eine Zeit, in der Partridge nicht nur einen Mitmusiker, sondern auch seine Frau vergraulte.
Inzwischen hat die alte Plattenfirma Partridge endlich aus dem Vertrag entlassen. Zum Glück klingen die neuen XTC wie die alten: wie die modernen Beatles, nur ein bißchen cleverer. Von einem Comeback aber will Partridge nichts hören. Das sei, sagt er, auch nur so „ein dummes Rock'n'Roll-Wort".
Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 3/1999
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